Musikunterricht an Grundschulen: Zu wenig Lehrkräfte

Baden-Baden (sr) – Die Corona-Krise hat eine brisante Studie der Bertelsmann-Stiftung in den Hintergrund gedrängt: Auch in Baden-Württemberg fehlen bald Tausende Musiklehrer für die Primarstufe.

Musikunterricht in der Grundschule: Für viele Kinder ist er der einzige Zugang zu Instrumenten und Chorgesang. Aber für die Grundschule gibt es immer weniger Lehrkräfte. Monika Skolimowska/dpa

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Musikunterricht in der Grundschule: Für viele Kinder ist er der einzige Zugang zu Instrumenten und Chorgesang. Aber für die Grundschule gibt es immer weniger Lehrkräfte. Monika Skolimowska/dpa

Sie standen auf den Balkonen und sangen, als die Corona-Pandemie das Land in den Würgegriff nahm. Vor allem Italiener und Spanier hatten im Frühling dieses Corona-Jahres versucht, die mit der Pandemie verbundenen diffusen Ängste mit Gesang und Musizieren zu bekämpfen. Das hat auch deutlich gemacht, welche befreiende und stärkende Wirkung das gemeinsame Singen hat und welche Kraft auf diese nonverbale Weise in eine Gemeinschaft übertragen wird.

Eine Bewohnerin des Stadtteils Testaccio der italienische Hauptstadt klatscht und singt im März am Fenster ihrer Wohnung wie viele andere zur Unterstützung der Anstrengungen des Landes bei der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie und der in Krankenhäusern arbeitenden Menschen. An ihrem Fenster hängt eine Landesfahne mit der Aufschrift „Grazie Italia“. Foto: Mauro Scrobogna/LaPresse via ZUMA Press/dpa

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Eine Bewohnerin des Stadtteils Testaccio der italienische Hauptstadt klatscht und singt im März am Fenster ihrer Wohnung wie viele andere zur Unterstützung der Anstrengungen des Landes bei der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie und der in Krankenhäusern arbeitenden Menschen. An ihrem Fenster hängt eine Landesfahne mit der Aufschrift „Grazie Italia“. Foto: Mauro Scrobogna/LaPresse via ZUMA Press/dpa

Zur selben Zeit, im März 2020, hat die Bertelsmann-Stiftung eine Studie veröffentlicht, die sich mit dem Musikunterricht an deutschen Grundschulen beschäftigt. Die interessante Erhebung geriet durch den Shutdown etwas in den Hintergrund, sie liefert aber wichtige Prognosen für die nahe Zukunft, die zu raschem Handeln auffordern. Mit dieser Studie liegt – wie der Deutsche Musikrat betont – erstmals gesichertes statistisches Material vor, das alle 16 Bundesländer berücksichtigt. Anhand dieser Zahlen kommt die Studie für das Bundesland Baden-Württemberg zu dem Schluss, dass es hier noch ganz gut aussieht mit dem Musikunterricht für die Grundstufe und ihre kleinen Schüler, für die die Schule oft der einzige Vermittler ist, um mit Musik, Instrumenten und Gesang in Kontakt zu kommen. Sechs Wochenstunden sind für den Musikunterricht vorgesehen, das entspricht sechs Prozent des gesamten Pflichtunterrichts. Für Kunst und Werken sind sieben Wochenstunden vorgegeben. Das sind aber Orientierungswerte, das letzte Wort hat die jeweilige Schule.

2028 fehlen fast 5.000 Musiklehrer

Was Musik angeht, ist aber das dicke Ende schon erkennbar – im Jahr 2028 dürften nach diesen Zahlen mehr als 4.600 Fachlehrkräfte für Musik in den Grundschulen des Landes fehlen. Das resultiert daraus, dass im kommenden Jahrzehnt voraussichtlich ein Viertel der Musiklehrer an Grundschulen den Schuldienst verlassen wird. Gleichzeitig kommen weniger junge Musiklehrer nach.

Schon heute wird nach diesen Erhebungen der überwiegende Teil des Musikunterrichts in Grundschulklassen fachfremd erteilt, das heißt von Musiklehrern, die keine zweite Staatsprüfung mit fachspezifischer Lehrbefähigung für das Fach Musik abgelegt haben. Wobei das nichts über die Qualität ihres Unterrichts aussage, heißt es, im Gegenteil: Die Studie bemängelt ausdrücklich, dass pädagogischen Seiteneinsteigern der Weg erschwert oder verbaut wird.

Hermann Wilske. Foto: Landesmusikrat

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Hermann Wilske. Foto: Landesmusikrat

Und auch der Landesmusikrat fordert, die in Baden-Württemberg bestehenden Zertifizierungsmöglichkeiten in der Landesakademie Ochsenhausen auszubauen und langfristig finanziell abzusichern. Damit habe Baden-Württemberg deutschlandweit eine Alleinstellung, „indem bereits an der Grundschule unterrichtende Lehrkräfte, die eine hohe Affinität zur Musik haben und auch ein Instrument spielen, substanziell zur Musiklehrkraft fortgebildet werden“, wie Hermann Wilske, Präsident des Landesmusikrats Baden-Württemberg, dem Badischen Tagblatt sagte.

Landesmusikrat für nachträgliche Qualifikation

Außerdem legt Wilske das Augenmerk auf die Musiklehrerausbildung an den Pädagogischen Hochschulen – Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, in dem Lehramtsstudierende mit dem Fach Musik für die unteren Klassen auch an Pädagogischen Hochschulen ausgebildet werden. Hier fordert Wilske mehr Vorgaben seitens der Politik, denn die Kapazitäten der Musiklehrerausbildung dürfe nicht in das Belieben der Hochschulleitungen gestellt werden. Andernfalls würde man an diesen Hochschulen „immer wieder der Gefahr erliegen, die vergleichsweise teure Musiklehrerausbildung zu beschneiden,“ warnt der Experte.

Kritisch sieht Wilske auch die an sich wichtige und fruchtbare Zusammenarbeit der Grundschulen mit den Vereinen und den Musikschulen, die sich vor allem an Ganztagsschulen bewährt hat. Er fürchtet, das gute Miteinander könnte langfristig dazu führen, den schulischen Musikunterricht auszulagern und das Fach Musik aus dem Schulbereich ganz zu entfernen.

In diesem Jahr haben die Schüler aller Schularten fast gar keinen Musikunterricht gehabt – auf dem Homeschooling-Lehrplan kamen Musik und andere Nebenfächer gar nicht vor. Falls die einzelnen Schüler nicht ohnehin ein Instrument erlernen, fehlt ihnen da also schon vieles – vor allem die Freude des gemeinsamen Musikerlebens.

Hermann Wilske warnt: „Wenn im großen Haus der Musik ein wichtiges Fundament verloren geht, hat dies langfristig auch negative Konsequenzen für den musikalischen Überbau, für kulturelle Identität und Vielfalt.“


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