NS-Verfolgte: Digitales Gedenkbuch freigeschaltet

Baden-Baden (fvo) – Nach „heftigen Monaten“ und einem „Wahnsinnsarbeitsaufwand“ ist am Freitag ein digitales Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus in Baden-Baden freigeschalten worden.

Haben am Freitag das digitale Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus in Baden-Baden freigeschaltet: Kurt Hochstuhl, Angelika Schindler, Heike Kronenwett,Margret Mergen,Dagmar Rumpf (von links).Foto: Franz Vollmer

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Haben am Freitag das digitale Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus in Baden-Baden freigeschaltet: Kurt Hochstuhl, Angelika Schindler, Heike Kronenwett,Margret Mergen,Dagmar Rumpf (von links).Foto: Franz Vollmer

Haptisch zu greifen ist es nicht wirklich, dafür aber stetig erweiterbar und wachstumsfreundlich: Das neue digitale Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus in Baden-Baden, das am Freitag um Punkt 10.30 Uhr nach monatelangen Vorarbeiten freigeschaltet wurde. Die Präsentation im Stadtmuseum in der Lichtentaler Allee war eingebettet in den Startschuss für die großangelegte überregionale Ausstellung „Gurs 1940“, die allerdings coronabedingt noch nicht besucht werden kann.
„Unsere ehemaligen Mitbürger und Mitbürgerinnen aus Baden-Baden dem Vergessen entreißen und ihnen mit ihrem Namen einen Teil ihrer geraubten Würde wiedergeben“, das ist laut Initiator Dr. Kurt Hochstuhl Sinn und Zweck des virtuellen Opferbuchs, das „nach heftigen Monaten“ gemeinsamer Arbeit mit dem Stadtmuseum/Stadtarchiv freigeschaltet wurde. Auch Museumsleiterin Heike Kronenwett und Archivarin Dagmar Rumpf sprachen von einem „Wahnsinnsarbeitsaufwand“, an dem zuletzt das halbe Haus beschäftigt war. „Die redaktionelle Arbeit für so etwas ist nicht zu unterschätzen“, erklärt Rumpf, allein bei der Eruierung von Adressen.

562 Datensätze, sprich Biogramme mit Beruf, Ausbildung und Vita (soweit bekannt), sind aktuell online einsehbar, so Rumpf, die vor allem organisatorisch eingebunden war, sprich Quellen zusammenfügen und in einheitliche Form gießen. Sie sprach von „Teamwork im besten Sinne“. Auszugehen ist von mindestens 800 Männern, Frauen und Kindern mit Baden-Baden-Bezug, die in der NS-Zeit aufgrund von Glauben, politischer Überzeugung, Herkunft, sexueller Orientierung oder Erkrankung ausgegrenzt, verfolgt oder ermordet wurden – und das keineswegs nur Juden.

„Dunkelste Stunde der Region“

Doch die Zahlen sind das eine, die Qualität das andere. Allein jener berühmte Abschiedsbrief eines Arztes vor dem Suizid sind nicht nur für Kronenwett „Zeugnisse, die einem nahe gehen“. Auch OB Margret Mergen findet es „extrem eindrücklich“, was diese Menschen erlitten, aber auch was sie geschafft und bewältigt haben. So zeitige selbst die „dunkelste Stunde der Region“ auch noch für heute ermutigende Haltungen. Sie beeindruckt insbesondere der Ansatz, „nicht das Kollektiv, sondern den Einzelmenschen, den konkreten Mitbürger“ in den Fokus zu stellen.

Das Gedenkbuch erhebt laut Hochstuhl aber „keinen Anspruch auf Vollständigkeit“, weder im Hinblick auf die Individuen, noch auf die biografischen Infos, die naturgemäß von unterschiedlicher Präzision, Detailreichtum und Ausführlichkeit sind. Es stellt eher einen „Impuls für einen Prozess öffentlicher Teilnahme“ dar, etwa für Schulunterricht oder politische Bildung.

Als wertvolle Quellen dienten das Stadtarchiv Baden-Baden mit seiner Personendatenbank zur NS-Dokumentation, das Generallandesarchiv (respektive Überlieferung des Sondergerichts Mannheim), aber auch die Aktenbestände der Polizeidirektion Baden-Baden. Dort finden sich dank zahlreicher Auswanderungsgesuche jüdischer Mitbürger viele rare Lebensläufe („Ego-Dokumente“), in denen sich die Selbstwahrnehmung der Antragssteller widerspiegelt. Hinzu kommen die Akten zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts im Landesarchiv und Staatsarchiv Freiburg.

„Lebender Organismus“

Konzeptuell versteht sich das Gedenkbuch ausdrücklich als atmende Größe, sprich als „lebender Organismus“ (Hochstuhl), soll also kontinuierlich fortgeschrieben werden. „Das ist auch der Vorteil gegenüber der Buchform“, betont Kronenwett. Die Öffentlichkeit sei herzlich eingeladen, bei weiteren Recherchen zu helfen, Biografien zu ergänzen oder zu korrigieren, so die Initiatoren. Die Opfer selbst sind alphabetisch gelistet, aber auch nach Wohn-/Geburtsort oder systematischen Kriterien (Verfolgungskontext) zu finden.

Einen wichtigen Part an der Gedenkarbeit hat nicht zuletzt der Arbeitskreis Stolpersteine, der seit Jahren selbige verlegt (aktuell 114), und maßgeblich in persona von Angelika Schindler mit Recherchen zu den Biografien der Opfer deren Leben sichtbar macht. Von ihr stammen nicht nur viele Kontakte, auch hat sie enorm viele Infos zusammengetragen, die ebenfalls ins Gedenkbuch eingeflossen sind, allein über ihr Buch „Der Verbrannte Traum“. Auch Schindler selbst sprach von einer „wichtigen Würdigung“ für die Opfer und zeigte sich überrascht, „wie viele neue Aspekte und Erkenntnisse sich immer wieder bei der Beschäftigung mit den Lebensgeschichten ergeben“.

Stolpersteine wie diese erinnern an die nach Gurs deportierten Baden-Badenerinnen und Baden-Badener. Foto: Marvin Lauser

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Stolpersteine wie diese erinnern an die nach Gurs deportierten Baden-Badenerinnen und Baden-Badener. Foto: Marvin Lauser

Das dürfte auch für die Ausstellung gelten, mit der sich die Besucher selbst noch gedulden müssen. Kronenwett hofft, dass Anfang Juni die Inzidenz einen Präsenzbesuch gestattet. Bis dahin müssen sich Interessenten noch mit der digitalen Fassung von „Gurs 1940“ trösten. Die von der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz gestaltete Ausstellung thematisiert die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Südwestdeutschland nach Südfrankreich vor über 80 Jahren. Sie sollte ursprünglich am 22. Oktober 2020 gleichzeitig in Berlin und zahlreichen südwestdeutschen Orten eröffnen, wurde coronabedingt aber verschoben. Am 7. April startete sie virtuell in der französischen Botschaft Berlin und ist seither online zu besuchen. Neben eindrücklichen, mitunter erschütternden Bild-, Text- und Filmbeiträgen enthält sie auch vertiefendes Material, darunter gar Tipps zur pädagogischen Aufbereitung.

In Baden-Baden selbst sind neben knapp 30 Roll-ups in deutsch-französischer Fassung auch sieben signifikante lokale Schicksale bzw. Lebenswege zu verfolgen. Auf der offiziellen Liste der nach Gurs deportierten Juden sind 116 Namen aus der Kurstadt verzeichnet. Sie wurden am 22. Oktober 1940 von Polizei und Gestapo morgens an der Wohnungstür aufgefordert, binnen einer Stunde ihre Koffer zu packen. Die Ausstellung ist bis 24. Oktober geöffnet, erst im Skulpturensaal, dann im Dachgeschoss.

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