Nach 39 Stunden: Böhlen lässt es bleiben

Baden-Baden (hol) – Die Landes-Bürgerbeauftragte will nun doch nicht für die OB-Wahl kandidieren. Beate Böhlen meint: „Zwei Grünen-Kandidaten machen keinen Sinn.“

Vom Schnitt zum Riss: Beim Neujahrsempfang 2019 schnitten Beate Böhlen (links) und Roland Kaiser (Zweiter von links) im Rebland gemeinsam die Brezel an. Nun wird klar: Zwischen den Grünen und Böhlen klafft ein tiefer Riss.  Foto: Christina Nickweiler

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Vom Schnitt zum Riss: Beim Neujahrsempfang 2019 schnitten Beate Böhlen (links) und Roland Kaiser (Zweiter von links) im Rebland gemeinsam die Brezel an. Nun wird klar: Zwischen den Grünen und Böhlen klafft ein tiefer Riss. Foto: Christina Nickweiler

Keine zwei Tage währte die Beinahe-Kandidatur der baden-württembergischen Bürgerbeauftragten Beate Böhlen (Grüne) für den zweiten Wahlgang der OB-Wahl. Am Mittwoch gegen 13 Uhr, knapp 39 Stunden nach der Verkündung ihrer Pläne gegenüber dieser Zeitung, ließ die Politikerin wissen, dass sie doch nicht antreten wird. Das mache keinen Sinn, wenn auch der Grünen-Bürgermeister Roland Kaiser antrete.

Böhlen hatte am späten Montagabend überraschend angekündigt, ihren Hut in den Ring werfen zu wollen für die zweite Runde der OB-Wahl am 27. März. Wegen des schwachen Abschneidens des offiziellen Grünen-Kandidaten Roland Kaiser, der im ersten Wahlgang nur 24 Prozent der Stimmen bekommen hatte, sehe sie sich dazu veranlasst, hatte sie wissen lassen. Am Mittwoch nun erklärte sie, dass sie überrascht davon sei, dass Kaiser seine Kandidatur aufrechterhalte trotz des schlechten Ergebnisses. „In diesem Fall wäre es ja kontraproduktiv, als weitere Grünen-Kandidatin anzutreten. Natürlich verheize ich uns nicht beide. Zwei Grünen-Kandidaten machen keinen Sinn“, sagte Böhlen. „Jetzt ist Roland Kaiser gefordert. Er ist ja kein schlechter Mensch, dessen Wahl man verhindern müsste. Er könnte nach meinem Geschmack nur ein bisschen mehr brennen für die Sache.“

Die Entscheidung, ihren Hut in den Ring zu werfen, sei vor dem Hintergrund, dass man am Montag noch nicht wusste, welcher Kandidat zurückziehen würde, richtig gewesen. „Und natürlich ohne Absprache, da ich unabhängig die Entscheidung getroffen habe“, teilte sie am Mittwoch mit und brachte auch die Kürze der Frist ins Spiel: Bis Mittwoch, 18 Uhr, habe man schließlich die offizielle Bewerbung mit 100 Unterstützungsunterschriften abgeben müssen.

Mit Amt der Bürgerbeauftragten vereinbar

„Es war aber ein Fehler von mir, nicht gleich von Anfang an als unabhängige Kandidatin anzutreten“, meinte sie sodann nachdenklich. Das wäre wegen des Wahlkampfs wohl zeitlich aber nur schwer mit der Arbeit als Landes-Bürgerbeauftragte zu vereinbaren gewesen, denkt sie. Inhaltlich sieht sie aber keine Unvereinbarkeit. Eine Kandidatur für ein OB-Amt sei als Bürgerbeauftragte schon möglich, meinte Böhlen. Die Position in Stuttgart würde sie erst nach der eventuellen Übernahme des OB-Postens abgeben müssen. Zudem sei die Landtagsfraktion der Grünen über ihre Pläne informiert gewesen, betont sie. Starken Gegenwind habe sie da nicht verspürt.

Im Gegenteil: „Viele fanden es richtig von mir, antreten zu wollen“, sagte Böhlen. Auch in Baden-Baden sei der Zuspruch da gewesen. Das habe sie beim Sammeln von Unterstützungsunterschriften für die Bewerbung erfahren. Schon nach vier, fünf Stunden habe man einen großen Teil der 100 Signaturen zusammen gehabt. „Ich danke allen Menschen von Herzen, die mich so sehr unterstützt haben.“

„Na ja – ein Wahlziel ist ja erreicht“, zog Böhlen am Mittwoch auch ein positives Fazit der zurückliegenden Tage. Die OB kandidiere nicht mehr, und das entspreche ja dem Willen der Mehrheit der Bürger. Die amtierende Oberbürgermeisterin Margret Mergen hatte tatsächlich am frühen Dienstagmorgen ihre Kandidatur für den zweiten Wahlgang zurückgezogen – allerdings war die öffentliche Erklärung Mergens heraus, bevor die Nachricht von Böhlens Kandidatur die Runde machte.

Die kurstädtischen Grünen reagierten erleichtert auf die Nachricht von Böhlens Rückzieher. Auch diesmal habe man aus den Medien davon erfahren, sagte Fraktionschefin Sabine Iding-Dihlmann. „Es gab in der Sache keinen Kontakt.“ Auf die Frage, warum man nicht miteinander telefoniert hat und wie es um das zwischenmenschliche Verhältnis bestellt ist, reagierten Böhlen und Iding-Dihlmann gleichermaßen zurückhaltend. Dass es da einen Riss gebe, bestätigten beide – meinten aber auch, nicht selbst für diesen Riss verantwortlich zu sein. Einig war man sich lediglich in der Einschätzung, dass es gut sei, dass das Thema nun vom Tisch sei.

Es bleibe dabei: „Roland Kaiser ist unser Kandidat, wir stehen zu 100 Prozent hinter ihm und hoffen auf ein gutes Ergebnis“, so Iding-Dihlmann. Materialschlacht sei schließlich nicht alles – „ein bisschen politische Substanz wäre auch nicht schlecht“, meinte sie mit Blick auf den aufwendigen Wahlkampf des Mitbewerbers Dietmar Späth. Mit Kaiser habe man zudem einen Kandidaten, der „von Spendern unabhängig ist und niemandem eine Gefälligkeit schuldet“.

Kommentar von Michael Rudolphi

Schwer beschädigt

Dietmar Späth wird sich die Hände reiben angesichts des Schauspiels, das seine schärfsten Konkurrenten im Kampf um den Chefsessel im Baden-Badener Rathaus derzeit bieten. Konkurrenten – nein, das stimmt mittlerweile nicht mehr, nach jetzigem Stand wird es auf einen entscheidenden Konkurrenten, nämlich Roland Kaiser, hinauslaufen. Dessen Parteikollegin Beate Böhlen hat ihre überraschende Kandidatur, für die sie sich selbst ins Spiel gebracht hatte, ebenso überraschend wieder zurückgezogen. Die 55-Jährige beschädigt mit ihrem Hickhack nicht nur sich selbst, sondern auch Roland Kaiser schwer. Böhlens Manöver trüben dessen Chancen auf einen Erfolg im zweiten Wahlgang. Das hat mehrere Gründe. Als Kaiser seine Bewerbung bekannt gab, sicherte Böhlen ihm noch ihre volle Unterstützung zu. Dann grätschte die frühere Grünen-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat und Landtagsabgeordnete dem Bürgermeister, den sie selbst vor vier Jahren mit nach Baden-Baden geholt hatte, nach dem ersten Wahlgang mit der Ankündigung ihrer Kandidatur massiv dazwischen. Das alles, ohne sich mit Kaiser und den Baden-Badener Grünen abzustimmen. Diese haben sich deswegen prompt von Böhlen distanziert und sich auf Kaisers Seite geschlagen. Und jetzt wieder Böhlens 180-Grad-Kehrtwende und ihr Rückzug. Ob sie sich selbst besonnen oder ob jemand in Stuttgart sie zurückgepfiffen hat, spielt keine Rolle mehr. Sie kommt zu spät. Mit ihrer eigenmächtigen Aktion hat Böhlen Kaiser einen Bärendienst erwiesen. Der muss in den Tagen bis zur Wahl den Scherbenhaufen, den sie hinterlassen hat, zusammenkehren. Ob ihm das gelingen wird, ist fraglich. Schließlich geht der Grünen-Kandidat nur von der zweiten Startposition ins Rennen um den OB-Posten und müsste auch ohne diesen ihn belastenden Schlamassel massiv Boden gut machen. Zudem befeuern Böhlens Spielchen die ohnehin weit verbreitete Politikverdrossenheit. Wahrscheinlich werden sich viele Bürger angewidert abwenden und am 27. März erst gar nicht wählen gehen.

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