Nach Baden-Baden Geflüchtete stellen Buch vor

Baden-Baden (up) – Im Jahr 2018 haben die Freundinnen Angelika Schindler, Petra Mallwitz und Ulla Hocker ihr Projekt „Baden-Baden schreibt ein Buch“ auf den Weg gebracht. Nun wurde es vorgestellt.

Für die Akteure auf der Theaterbühne gibt es am Ende langen Applaus. Foto: Ulrich Philipp

© up

Für die Akteure auf der Theaterbühne gibt es am Ende langen Applaus. Foto: Ulrich Philipp

Im Mittelpunkt des erfolgreichen Vorgängerprojektes „Baden-Baden liest ein Buch“ hatte das Werk „Ertrinken“ von Gerhard Durlacher gestanden, bei dem der Autor über seine Kindheit und Flucht aus dem nationalsozialistischen Baden-Baden berichtet.

Für das Projekt sollten geflüchtete Menschen ihre Erfahrungen aufschreiben und die bewegendsten oder entscheidenden Momente ihrer Flucht nach Baden-Baden darstellen. Das Ergebnis dieser jahrelangen Arbeit liegt nun vor: „Mut im Gepäck – Vom Gehen und Ankommen“: So lautet der Titel des 264 Seiten umfassenden Buches, in dem Menschen aus 48 Nationen über ihre Fluchterfahrungen berichten. Sie alle sind zwischen 1945 und 2015 in die Kurstadt gekommen.

Im Rahmen einer musikalischen Lesung wurden am Sonntag einige dieser ebenso berührenden wie gewinnbringenden Schilderungen einem breiten Publikum im Theater vorgestellt. Das Orchester „Gitarrenklänge“, in dem Einheimische und Geflüchtete gemeinsam musizieren, gestaltete den stimmungsvollen Auftakt. Harmonisch ergänzt wurden hierbei die manchmal dramatisch anmutenden „Gitarrenklänge“ vom melancholischen Flötenspiel des iranischen Musikers Sascha Motaghi, Eigenkompositionen von Emilio Padron aus Kuba wurden zu Gehör gebracht.

Schauspieler lesen Textpassagen vor

Als Moderatorinnen führten Okuba Aida Kineselassie aus Eritrea und Leonie Ganyou Diefe aus Kamerun, die fließend die deutsche Sprache sprechen, durch die Veranstaltung. Die Schauspieler Nadine Kettler und Ron Spiess lasen ausgewählte Textpassagen vor. Zum Beispiel aus „Der Tag, an dem ein Foto um die Welt ging“. Die damals 14 Jahre alte Bayan Karram beschreibt darin, wie sie mit ihrer Familie damals aus Syrien über das Mittelmeer nach Westeuropa floh. Als sie in Griechenland an Land gingen, wurden sie von Menschen herzlich willkommen geheißen, die ihnen Essen und Trinken brachten und in ihrer Sprache jubelten. „Einen solchen Empfang haben wir nicht erwartet“, schreibt Bayan. Kurz darauf erfährt sie, dass sie am gleichen Tag an Land gegangen waren, an dem das Foto eines toten Jungen am Strand um die Welt ging. „Mein kleiner Bruder, der sich so stolz mit seiner Schwimmweste fotografieren ließ, ist nicht viel älter als er“, schließt die heute 20-jährige Bayan ihre Geschichte.

Unvergessliches hat auch die Pianistin Elena Kuschnerova aus Russland erlebt. 1992 kam die Pianistin nach Altensteig-Garrweiler, ein Ort „mit nur 20 Häusern“. Der Geistliche in der Gemeinde überließ ihr ein Klavier, auf dem sie so oft üben durfte, wie sie wollte. Sie berichtet, wie stolz die Menschen auf sie waren, als sie in der Kirche, wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte des Ortes, ein Klavierkonzert gab. „Wie überrascht war ich, als ich die Kirche voller Menschen vorfand. Was für ein warmer Empfang vor meinem ersten Konzert in Deutschland. Es war für mich das ungewöhnlichste Konzert in meinem Leben, das ich nie vergessen werde“, stellt sie fest.

Auch von leidvollen Erfahrungen wird berichtet

Aber auch von leidvollen Erfahrungen wird in dem Buch berichtet, zum Beispiel von Khadra, die aus Somalia nach Baden-Baden gekommen ist. Etwa neun Jahre nach ihrer Ankunft in der Kurstadt begannen ihre Schlafstörungen, in denen sie immer wieder schweißgebadet aufwachte. Wie sich zeigen sollte als Folge unverarbeiteter Kriegserlebnisse. „Aber es geht uns doch gut“, hatte ihr Mann damals zu ihr gesagt. „Er hat nicht erlebt, wie es ist, mit kleinen Kindern unter dem Tisch zu sitzen und die Bomben einschlagen zu hören“, erklärt sie dem Leser.

Das Publikum bedankte sich am Ende mit lang anhaltendem Applaus bei den Akteuren auf der Bühne für einen Nachmittag, der dazu geeignet war, das Verständnis unter den Menschen verschiedenster Nationen zu fördern.

„Mut im Gepäck – Vom Gehen und Ankommen. Eine Stadt schreibt ein Buch.“ Europäische Verlagsanstalt. ISBN 978-3-86393-129-2.

Zum Artikel

Erstellt:
5. Oktober 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 51sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.