Nach Baumsturz: Schwerverletzter klagt gegen Land

Rastatt (dm) – Im Biergarten eines Lokals wurde im Juli ein Gast von einem im Sturm umstürzenden Baum getroffen. Er wurde schwer verletzt und verklagt nun den Eigentümer, das Land, auf Schmerzensgeld.

Nach dem Sturm: Die abgebrochene Linde mit hohlem Stamm im Biergarten des Parkrestaurants. Foto: Frank Vetter

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Nach dem Sturm: Die abgebrochene Linde mit hohlem Stamm im Biergarten des Parkrestaurants. Foto: Frank Vetter

Diesen Tag hätte Torsten G. gerne aus seinem Leben gestrichen. Am 26. Juli vergangenen Jahres nahm er auf der Terrasse des Parkrestaurants in Rastatt Platz – bei strahlendem Sonnenschein und ohne Ahnung davon, dass sich kurz darauf alles ändern würde: Plötzlich kam ein Sturm auf, eine alte Linde auf der Terrasse brach entzwei, stürzte und verletzte den 48-Jährigen schwer. Noch immer ist er arbeitsunfähig. Wenn das Land als Eigentümer des Geländes seiner Verkehrssicherungspflicht nachgekommen wäre, wär all das nicht passiert, sagt er.
Er will Schmerzensgeld – mindestens 60.000 Euro – und dass das Land auch weiter für die Schäden aufkommt, die er erlitten hat. Vor der Zivilkammer III des Landgerichts Baden-Baden hat an diesem Donnerstag die Verhandlung begonnen.

Alles passierte ganz schnell

Zwar war für jenen Juli-Abend 2021 ein Unwetter angekündigt, davon war indes noch nichts zu sehen, als sich G. mit einem Arbeitskollegen an einen Gartentisch des Parkrestaurants setzte, das Teil des Rastatter Schlossgebäudes ist. Jere Gruja, der das Lokal seit rund 50 Jahren betreibt, wird am Tag danach sagen, dass er so etwas noch nie erlebt habe: „Alles passierte innerhalb von Sekunden. Gewitter, Regen, Blitz, es schüttete wie aus Eimern“. Vier Gäste wurden verletzt, berichtete die Polizei, einer davon schwer: Torsten G.

Der Ober-Polier aus Nordrhein Westfalen, der damals gerade von Berufs wegen in Rastatt weilte – seine Firma hat eine Maschine an der Bahnbaustelle bei Niederbühl im Einsatz –, schildert ebenfalls, wie alles ganz schnell ging. Unter einem Sonnenschirm vor dem plötzlichen Regen Schutz suchend, wollte er sich gerade, mit dem Trinkglas in der Hand, nach drinnen begeben, dann kam die Sturmböe – und „dann wurde es schwarz“.

Hat das Land die Verkehrssicherungspflicht verletzt?

Klinik-Aufenthalte und bislang vier Operationen folgten unter anderem. Drei Rückenwirbel gebrochen – zwei wurden versteift – , das Bein unterhalb des Knies mehrfach gebrochen, eine Gelenksprengung an der Schulter, Prellungen und Stauchungen: So habe die Diagnose gelautet. Noch immer habe er Schmerzen, das Haus verlasse er nicht ohne Krücke. Auch ins Gericht kommt er mit Gehhilfe. Die beruflichen Perspektiven seien noch nicht wirklich absehbar.

Die hauptsächliche Frage, die die Justiz nun beschäftigt: Hat das Land seiner Kontrollpflicht Genüge getan oder wäre mehr geboten gewesen? Welche Sorgfaltspflichten genau sind zu erfüllen?

Im August des Vorjahrs war der Baum letztmals begutachtet worden, dabei seien Schädigungen festgestellt worden, wie sie wohl bei Straßenbäumen eher üblich seien, unter anderem Totholz in der Krone. Entsprechende Pflegemaßnahmen hätten dann im Oktober 2020 stattgefunden. Zur nächsten Kontrolle durch einen Sachverständigen, die für das zweite Quartal 2021 angesagt war, kam es bis zu dem Vorfall aber nicht. Dem Rechtsanwalt des Landes zufolge seien Termin-Abweichungen um bis zu zwei Monate noch in Ordnung.

An jenem Juli-Abend riss der Sturm die um das Jahr 1850 gesetzte Linde – 24 Meter hoch, mit einem Stammdurchmesser von rund einem Meter – schließlich auf einer Höhe von etwa 4,70 Metern vom Stumpf.

Weitere Zeugen und Sachverständiger gefragt

Gleichwohl habe es, so betonte der Anwalt, angesichts der Erkenntnisse durch den Baumkontrolleur zuvor schlicht keinen Anlass gegeben, an eine Fällung der Linde zu denken, weil es keine Anhaltspunkte für eine Beeinträchtigung der Standsicherheit gegeben habe.

Auf Klägerseite sieht man das ganz anders: 80 Prozent des Baum-Inneren seien morsch gewesen, Fotos dokumentierten, wie ausgehöhlt der Stamm war. Das passiere nicht innerhalb eines Jahres, bei einer intensiveren Kontrolle hätte man das festgestellt und die Fällung angeordnet.

Die Frage, ob der schwer verletzte 48-Jährige womöglich selbst eine Mitschuld trägt, weil dieser sich nicht – wie andere Gäste – schneller nach drinnen in Sicherheit gebracht habe, weist dieser weit von sich. Die Verkehrssicherungspflicht, so sein Anwalt, muss immer vom „Worst Case“, also dem schlimmstmöglichen Fall, ausgehen. Der Laie könne nicht erkennen, dass er sich in einer Gefahrensituation befindet.

Die Kammer unter Vorsitz von Richterin Annette Zeller wird in den nächsten Wochen unter anderem Zeugenaussagen einholen und einen Sachverständigen einbeziehen.

Torsten G., aus Nordrhein-Westfalen angereist, hat derweil am Vortag der Verhandlung festgestellt, dass im fraglichen Bereich am Museumstor offenbar weitere Bäume gefällt worden sind. Für ihn zu spät.

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
7. April 2022, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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