Nach Hai Kallis Tod: Rochenbabys in Karlsruhe geboren

Karlsruhe (BNN) – Harter Aufprall: Augenzeugin berichtet vom tragischen Ende der Jagd der beiden Haie im Naturkundemuseum Karlsruhe. Nur einen Tag nach Kallis Tod kommen dort Rochenbabys auf die Welt.

Eine Handvoll Baby: Am Tag nach dem Unfalltod des Riffhais Kalli geboren ist der Nachwuchs der Leopolds-Stechrochen im Naturkundemuseum Karlsruhe, den Michael Speck versorgt.  Foto: Jörg Donecker

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Eine Handvoll Baby: Am Tag nach dem Unfalltod des Riffhais Kalli geboren ist der Nachwuchs der Leopolds-Stechrochen im Naturkundemuseum Karlsruhe, den Michael Speck versorgt. Foto: Jörg Donecker

Das Leben geht weiter ohne den Hai Kalli: Seine übriggebliebene Partnerin Karla ist putzmunter, und eine Handvoll Babyrochen sind frisch geboren. Leben und Tod liegen im Naturkundemuseum Karlsruhe nah beieinander. Mit welchem Affenzahn die beiden Schwarzspitzenriffhaie Kalli und Karla am Sonntagmittag im Naturkundemuseum Karlsruhe durchs Wasser jagen, findet die Besucherin aus Sasbach schon merkwürdig. Vor allem, als vor ihren Augen durch einen Flossenschlag ein Stück Koralle abbricht. „Es lagen ja sonst keine Bruchstücke im Becken“, sagt die 35-Jährige, die sich keine 24 Stunden nach dem Zeugenaufruf des Museums gemeldet hat. „Das konnte nicht normal sein.“

Die Augenzeugin steht direkt vor der Scheibe, durch die Besucher beim Betreten des Saals in das überdimensionale Bassin blicken, als ein fatales Manöver stattfindet. Beide Haie schießen von rechts heran, Kalli oben, Karla unten. In Bodennähe geht es aber nach links nicht weiter. Deshalb biegt das Haiweibchen Richtung Wasseroberfläche ab. Kalli macht ihm Platz – und prallt hart auf eine plattenförmige Koralle.

„Erschreckt habe ich mich nicht“, erinnert sich die Zuschauerin, „es tat mir nur halt wahnsinnig leid.“ Es sieht gar nicht schön aus, wie Kalli zu Boden sinkt, mit der Schwanzflosse voran. Dass der Unfall schwerwiegend ist, erkennt die Frau aus Sasbach sofort: „Er hat sich nochmal um sich selbst gedreht und irgendwie versucht, seitlich wegzukommen.“

Vivariumschef sieht Engpass als Hauptproblem

Die detaillierte Beschreibung des Dramas am Riff hilft dem Leiter des Vivariums entscheidend weiter. Hannes Kirchhauser sagt: „Für mich ist der Unfallhergang jetzt überzeugend rekonstruiert.“ Es war, sagt er, „wie zwei Autos, die aufeinander zu rasen“.

Kirchhauser hat eine Idee, wie so ein Unfall künftig vermieden werden könnte: „Letztlich war das Hauptproblem ein Engpass.“ Ausgerechnet auf der Ausweichstrecke seien die Platten einer Koralle in den vergangenen sechs Jahren so groß und massiv gewachsen, dass der Hai darin stecken blieb: „Man könnte fast sagen, dass Kalli das gute Wachstum dieser großen Koralle zum Verhängnis wurde.“

Haiweibchen Karla frisst mit Appetit

Die Konsequenz ist für den weltweit renommierten Experten und Korallenzüchter klar. „Wir müssen solche Stellen künftig mit anderen Korallen besiedeln.“ Weichkorallen etwa biegen sich in so einem Fall zur Seite, dünnästige Korallen brechen einfach ab. „Wichtig ist, dass ohne viel Widerstand der Weg für den Hai frei werden muss.“

Auf Karla hat Michael Speck seit dem tödlichen Vorfall besonders geachtet. Am zweiten Tag ohne den Artgenossen frisst das Haiweibchen ganz normal, berichtet der Tierpfleger. 15 Meerbarben, jede zu 450 Gramm, hat er Karla vom Metallsteg über dem Wasser mit der Zange gereicht.

Stimmung der Tierpfleger ist gedämpft

Unter der Beutegreiferin verputzen derweil die rund 500 kunterbunten Fische am Riff Schwebegarnelen und Salinenkrebse.

Tod und Leben sind stets nah beieinander in den künstlichen Wasserwelten am Friedrichsplatz. „Das ist hier so und auch in der Natur“, sagt Speck. Zwar ist die Stimmung im Team durch den Tod des sechs Jahre lang prägenden Charaktertiers im Haibecken spürbar gedämpft, aber die anderen Pfleglinge wollen weiter umsorgt werden.

Am Tag nach Kallis Tod werden Rochenbabys geboren

Ganz neu ist darunter das halbe Dutzend frisch geborener Rochenbabys im Eingangssaal. Gerade mal handtellergroß, winken sie mit dem Schwimmsaum. Die Mutter, größer als der größte Pizzateller, hat sie am Morgen nach Kallis Tod zur Welt gebracht, lebend, sie legt keine Eier, so ist das bei Stechrochen.

Direkt links nebenan wachsen die älteren Geschwister im Kindergarten heran, in Gesellschaft der beiden Krokodiltejus. Die sind auch noch Heranwachsende mit entsprechendem Appetit.

Risiken sind auch in Freiheit groß

In Gefangenschaft ist das Leben satter und weniger riskant. Welche Lebenserwartung hätte Kalli in Freiheit gehabt? Kirchhauser kennt Angaben von maximal 20, aber auch 40 Jahren. Mit Kallis am Ende 26 Jahren hält in Europa kein Artgenosse mit.

Vielleicht aber auch nicht im Indopazifik: Der Vivariumsleiter, erfahrene Taucher und Lehrer angehender Tierpfleger bezweifelt, dass Schwarzspitzenriffhaie in der Natur viel älter werden als Karlsruhes Publikumsliebling. Schwarzspitzenhai-Eltern fressen ihre Jungtiere, auch in der Wildnis kann ein Hai sich in einem Riff verklemmen, für große Haie und Orcas ist er seinerseits Beute. „Und die Risiken“, sagt Kirchhauser, „wachsen im Alter überall.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteurin Kirsten Etzold

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Erstellt:
27. April 2022, 17:40 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 20sec

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