Nach Nervenzusammenbruch durch alle Raster gefallen

Rastatt (mak) – Eine junge Frau aus dem südlichen Landkreis, die anonym bleiben möchte, ist durch eine psychische Erkrankung unvermittelt zur Hartz-IV-Empfängerin geworden.

Mitten im Arbeitsleben und dann innerhalb kürzester Zeit Hartz-IV-Empfängerin: Für eine junge Frau aus dem südlichen Landkreis ist dies Realität geworden. Foto: dpa/Ralf Hirschberger

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Mitten im Arbeitsleben und dann innerhalb kürzester Zeit Hartz-IV-Empfängerin: Für eine junge Frau aus dem südlichen Landkreis ist dies Realität geworden. Foto: dpa/Ralf Hirschberger

Eigentlich wollte die Mittzwanzigerin am 1. Februar eine neue Arbeitsstelle antreten. Doch bevor sie am besagten Tag von zuhause losfahren konnte, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Bei ihrem bisherigen Arbeitgeber hatte sie gekündigt, beim neuen war sie noch nicht beschäftigt – ein Grenzfall, der nicht nur ihre Krankenkasse, sondern auch die Arbeitsagentur herausforderte. „Ich wollte mich beruflich neu orientieren“, erläutert die Groß- und Außenhandelskauffrau im Gespräch mit dem Badischen Tagblatt den Grund für ihren Arbeitsplatzwechsel. Doch dann kommt am 1. Februar auf einmal alles völlig anders als geplant. Nach dem Nervenzusammenbruch am Morgen bringen sie ihre Eltern, in deren Haus sie eine eigene Wohnung hat, zum Gunzenbachhof nach Baden-Baden. Doch in der psychiatrischen Klinik wird die junge Frau abgewiesen. Bereits am Nachmittag folgt der zweite Nervenzusammenbruch. Als am nächsten Tag der dritte erfolgt, gehen die Eltern mit ihr zum Hausarzt, der eine Einweisung anordnet. Bis Mitte März wird die junge Frau daraufhin im Gunzenbachhof behandelt. Doch sie benötigt anschließend weitere Unterstützung und wird seither ein- bis zweimal in der Woche von einer Psychotherapeutin behandelt. Ihr geht es etwas besser, doch sie steht nach wie vor auf der Warteliste für einen Platz in der Tagesklinik des Gunzenbachhofs: „Dort gibt es nur ein Dutzend Plätze“, sagt sie. Voraussichtlich sechs bis acht Wochen wird die ambulante Behandlung dort dauern. Da die Mittzwanzigerin aufgrund ihrer Erkrankung in keinem Beschäftigungsverhältnis steht, ist zunächst unklar, ob sie Anspruch auf Krankengeld hat. Auch bei ihrer Krankenkasse muss intern erst geklärt werden, wer für so einen ungewöhnlichen Fall zuständig ist und wie sie weiter versichert wird. „Ihre Krankenkasse hat eigens eine Task Force gebildet“, ergänzt der Vater. Nach eingehender Prüfung kommt die Krankenkasse zu dem Schluss, dass sich die junge Frau für 206 Euro im Monat freiwillig versichern muss. „Eigentlich wollte ich mich selber um das alles kümmern, aber ich konnte es einfach nicht“, zeigt sie sich dankbar über die Unterstützung ihrer Eltern.

Zunächst kein Anspruch auf Arbeitslosengeld

„Wäre meine Tochter nur über die Türschwelle des neuen Arbeitgebers gegangen und hätte dort den Nervenzusammenbruch gehabt, dann hätte sie laut unseres Rechtsanwalts die Arbeit aufgenommen und folglich auch Anspruch auf Zahlung ihres Gehalts gehabt“, verdeutlicht der Vater. Der Sozialarbeiter im Gunzenbachhof stellt noch während des Aufenthalts der Mittzwanzigerin beim Jobcenter einen Antrag auf Arbeitslosengeld II. Da die junge Frau aber aufgrund ihrer Erkrankung nicht arbeitsfähig ist, hat sie folglich auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Deshalb kündigt sie ihre neue Stelle, um wenigstens Anspruch auf Hartz IV zu haben. Zwei Wochen nach Antragsstellung kommt der ersehnte Bescheid des Jobcenters, das rückwirkend zum 1. Februar die Krankenkassenbeiträge übernimmt, weil der Sozialarbeiter frühzeitig einen verkürzten Antrag gestellt hat. „Der wusste richtig gut Bescheid, ich habe mich mit so etwas ja nie befasst“, ist die junge Frau froh über die gute Beratung. Sie hat in der Klinik einige Patienten kennengelernt, die gerne arbeiten würden, es aber aufgrund ihrer Erkrankung nicht können: „Ich wehre mich deshalb gegen das Schubladendenken bezüglich der Hartz-IV-Empfänger, dass die den ganzen Tag nur auf dem Sofa rumsitzen“, betont die Mittzwanzigerin. Die junge Frau hat zudem das Glück, dass sie für ihre Wohnung im elterlichen Heim keine Miete bezahlen muss. „Ich hätte woanders von meinem Ersparten höchstens für vier Monate Miete zahlen können und wäre dann vielleicht auf der Straße gelandet“, meint sie. Bis Ende Juli wird ihr der Bezug von ALG II zugesichert. Sie hofft, dass sie bis dahin weder arbeiten kann. „Ich habe nie groß an Krankheit gedacht und dass man innerhalb von ein paar Wochen zum Hartz-IV-Empfänger werden kann“, verdeutlicht die junge Frau.

Corona als psychisches Gesundheitsrisiko

Im Landkreis Rastatt lebten 2017 laut Teilhabeplan des Landratsamts rund 19.200 Personen mit einem Schwerbehindertenausweis, davon etwa 8.400 Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung als seelisch behindert eingestuft werden. Die Ängste und Verunsicherungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie seien ein zusätzliches psychisches Gesundheitsrisiko, so der Gemeindepsychiatrische Dienst der Caritas. Psychische Störungen sind laut Caritas der zweithäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland. Bundesweit müssten etwa 75.000 Menschen jedes Jahr vorzeitig in Rente gehen, weil sie an einer chronischen psychischen Erkrankung leiden. Die Agentur für Arbeit Karlsruhe-Rastatt stellt Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben auch psychisch erkrankten Menschen zur Verfügung, soweit eine Behinderung droht oder diese bereits vorliegt und nicht nur vorübergehend ist, erläutert Pressesprecher Benjamin Gondro. Aktuell werden durch die Agentur für den Landkreis Rastatt und Baden-Baden 149 Personen betreut, bei denen eine psychische Erkrankung dahingehend festgestellt wurde, dass diese über einen längeren Zeitraum Einschränkungen für die Teilhabe am Arbeitsleben bedeutet. Nicht berücksichtigt sind hierbei Personen mit einer Mehrfachbehinderung.

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Erstellt:
27. April 2021, 07:30 Uhr
Lesedauer:
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