Nach Spuhlers Absetzung: „Das Staatstheater neu denken“

Von Christiane Lenhardt

Karlsruhe (cl) – Die Bombe ist bereits geplatzt. Am Montag soll der Verwaltungsrat des Badischen Staatstheaters die geplante Ablösung des Generalintendanten absegnen – und das Theater umstrukturieren.

Nach Spuhlers Absetzung: „Das Staatstheater neu denken“

Großbaustelle Badisches Staatstheater Karlsruhe: Die Aus- und Umbaumaßnahmen außen kommen voran. Derweil innen bei der Verwaltungsratssitzung am 30. November um eine Neustrukturierung verhandelt wird. Foto: Stefan Jehle/Archiv

Wie geht es weiter am Badischen Staatstheater Karlsruhe, nachdem Land und Stadt vom Generalintendanten abgerückt sind? Bis Ende Januar ruht laut Wissenschaftsministerium der Spielbetrieb im Mehrspartenhaus coronabedingt – aber hinter den Kulissen soll nun nicht nur über die Personalie Peter Spuhler, sondern auch über die Zukunft des Staatstheaters neu verhandelt werden. Nach Meinung vieler ist das ganze Generalintendantenmodell angesichts der Machtfülle, die eine Person auf sich vereint, ohnehin überholt. Unterdessen schaffen die Bagger außen bereits am Um- und Neubau des Theaterkomplexes. Am kommenden Montag tagt der Verwaltungsrat des Mehrspartenhauses und befindet auch darüber, ob Spuhler bis Spielzeitende im Amt bleiben soll.Nach der anhaltenden Kritik und den vehementen Protesten des Personals am Führungsstil des Generalintendanten haben das Land Baden-Württemberg und die Stadt Karlsruhe vor gut einer Woche die Reißleine gezogen: Der laufende Vertrag mit Peter Spuhler soll nach einem Vorschlag von Kunstministerin Theresia Bauer und Oberbürgermeister Frank Mentrup bis zum Sommer nächsten Jahres aufgelöst werden. Endgültig muss der Verwaltungsrat des Staatstheaters die Personalentscheidung Spuhler absegnen. Dieser sei grundsätzlich dazu bereit, seine dritte Amtsperiode nicht anzutreten, hieß es aus Stuttgart.Demnach würde Spuhler theoretisch aber noch neun Monate amtieren. Ein Zustand, den die Karlsruher CDU nach Meinung ihres Kreisvorsitzenden, des Bundestagsabgeordneten Ingo Wellenreuther, für „unerträglich“ halten würde. „Die CDU Karlsruhe hält es für dringend erforderlich, dass der Vertrag mit dem Generalintendanten aufgelöst und Peter Spuhler im Sinne aller Beteiligten sofort freigestellt wird“, erklärte Wellenreuther auf BT-Anfrage. „Eine sofortige Freistellung ist deshalb das Gebot der Stunde im Sinne der Belegschaft, zugunsten einer guten Zukunft des Staatstheaters und nicht zuletzt auch für Peter Spuhler selbst.“ Auch der frühere Staatstheater-Schauspieler Michel Brandt, Bundestagsabgeordneter der Linken aus Karlsruhe, sieht das ähnlich – und fügt hinzu: „Wir müssen Staatstheater neu denken. In Karlsruhe können wir jetzt damit beginnen.“Wellenreuther plädiert für sofortige Freistellung SpuhlersIn der Verwaltungsratssitzung am Montag wollen die beiden Vorsitzenden, Bauer und Mentrup, den Gremiumsmitgliedern von Stadt und Land vorschlagen, die ursprünglich bis 2026 vereinbarte Verlängerung der Intendanz Spuhlers rückgängig zu machen. Peter Spuhler hätte im September 2021 seine dritte Intendanz-Periode für weitere fünf Jahre beginnen sollen. Vergangene Woche erfolgte aber die Ankündigung seiner Absetzung mit der Begründung des Ministeriums: Es habe diese Entscheidung nach „zahlreichen Gesprächen am Badischen Staatstheater“ getroffen. Eine Aussage, die heftige Kritik nach sich zog, bei den Theatermitarbeitern, die die Missstände schon länger beklagen.Monatelang hatte es Querelen um Spuhlers autoritären Führungsstil gegeben. Den Stein ins Rollen brachte ein offener Brief des Personalrats, in dem ein unerträgliches „toxisches Arbeitsklima“ beklagt wurde. Daraufhin waren die Personalvertreter von der Spitze des Verwaltungsrats um Ministerin Bauer und OB Mentrup zunächst öffentlich an den Pranger gestellt worden. Beide erklärten zudem in einer Stellungnahme damals, dass die Vorwürfe angeblich „neu und erstmals aufgeworfen“ worden seien. Dem widersprachen Aussagen des Personalrats, des Orchester- und Chorvorstands sowie weiterer Mitarbeiter, wonach die Verantwortlichen im Verwaltungsrat seit vielen Jahren mehrfach über das schlechte Arbeitsklima am Theater informiert worden seien.Der Karlsruher CDU-Bundestagsabgeordnete Wellenreuther verteidigt jetzt erneut das Vorgehen des Personalrats, dieser habe den Weg der öffentlichen Klage „in einer Notwehrsituation“ eingeschlagen und lobte „die mutigen Menschen am Staatstheater und die Freunde des Staatstheaters“ für ihren Einsatz, sogar Demonstrationen gab es, an denen sich auch ZKM-Chef Peter Weibel beteiligte. Das Ganze hätte „bereits spätestens im Frühsommer dazu führen müssen, die Zusammenarbeit mit Peter Spuhler zu beenden“, fügte Wellenreuther hinzu. Er monierte, dass „trotz Kenntnis der unerträglichen Situation über viele Monate am Intendanten festgehalten wurde“.Schauspieler und Bundestagsabgeordneter Brandt fordert: Auch Bühnenverträge auf den Prüfstand stellenStattdessen hatten Bauer und Mentrup zunächst Maßnahmen zur Verbesserung der Führungs- und Entscheidungsstrukturen am Haus eingeleitet und angekündigt, dass diese weiter konsequent umgesetzt würden. Sogar ein Vertrauensanwalt wurde installiert, um die Differenzen im Staatstheater zwischen einzelnen Sparten und dem Intendanten zu befrieden. Wellenreuther wirft OB Mentrup nun vor, „aus wahltaktischen Gründen kurz vor der OB-Wahl“ Spuhler nun überstürzt fallen zu lassen. Eine Befriedung der Situation am Staatstheater scheint auch nach der angekündigten Trennung von Spuhler nicht leicht zu werden.Personalratsvorsitzende Barbara Kistner, betonte gegenüber dem SWR, dass es aber nicht reiche, den Kopf auszutauschen. Sie hoffe, dass der angestoßene Zukunftsprozess vorangetrieben werde, um geltende Strukturen und Arbeitsverhältnisse zu verbessern, unter anderem soll es auch um die Verbesserung der Verträge des künstlerischen Personals gehen, das – an den sogenannten NV-Bühnenverträgen hält momentan auch der Deutsche Bühnenverein noch fest – in der Regel nur Jahresverträge hat, die nach jeder Spielzeit verlängert werden.Vor der Verwaltungsratssitzung fordert der Bundestagsabgeordnete Michel Brandt: „ Es geht darum, an der Spitze eine Team-Lösung zu finden, in die die Beschäftigten und der Personalrat eingebunden sind. Um grundsätzlich etwas zu verändern reicht es nicht, das Generalintendanten-Modell abzuschaffen und stattdessen auf die Führung der Spartenleitungen zu setzen.“ Jetzt müsse die Chance genutzt werden, die massiven sozialen Ungleichheiten und schlechten Arbeitsbedingungen bei den Beschäftigten am Theater zu beseitigen. Jetzt müssten alle NV-Bühne-Beschäftigten eine Beschäftigungsgarantie bis mindestens 2024 erhalten. „Es herrscht eine große Verunsicherung. Dazu erwarte ich vom Verwaltungsrat am Montag eine klare Aussage“, so Michel Brandt.