Nach Supersaison folgt Zitterrunde

Freiburg (mi) – Was für ein Gegensatz: Während der Sport-Club Freiburg das erste Halbjahr auf einem tollen achten Bundesliga-Platz beendete, gerät die aktuelle Spielzeit zur Zittersaison.

Muss nach einer starken Vorsaison mit seinem Team aktuell wieder um den Klassenerhalt kämpfen. SC-Trainer Christian Streich. Foto: Ralph Orlowski/AFP

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Muss nach einer starken Vorsaison mit seinem Team aktuell wieder um den Klassenerhalt kämpfen. SC-Trainer Christian Streich. Foto: Ralph Orlowski/AFP

Vor der Imbiss-Bude sollte man sich auf sein Bauchgefühl verlassen können. Ne lange Rote oder besser eine Currywurst mit Ketchup? Gut für den Sport-Club Freiburg, dass sich Christian Streich auf sein Bauchgefühl bei seiner Wahl der Mannschaftsaufstellung verlassen kann. Was dann nach Spielschluss allen im Verein schmeckt, wenn die Ergebnisse stimmen. Lange Zeit stimmten just diese in der aktuellen Bundesliga-Saison, die als wirre Corona-Krisenspielzeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit in die Geschichtsbücher eingehen wird, nicht.
Erst als es auf Weihnachten zuging, kamen seine Schützlinge mit drei Siegen in Folge richtig in Fahrt – und Roland Sallai verschaffte Streich ein durchaus wohliges Gefühl in der Magengegend, als der Ungar nach seinen Einwechslungen erst gegen Bielefeld einen Elfmeter herausholte und vier Tage später auf Schalke mit seinem Doppelpack für zwei wichtige Siege in Schlüsselspielen um den Klassenerhalt hauptverantwortlich zeichnete. „Es geht bei ihm um eine gute Balance in seinem Spiel. Es wird immer besser“, freute sich der Trainer.

Auch die zuletzt gezeigten Klasseleistungen seines Spielgestalters Vincenzo Grifo waren für Streich Geschenke mit Schleifchen unter dem Weihnachtsbaum. „Es ist manchmal verrückt im Fußball. Wir haben jetzt gefühlt in einer Woche mehr Punkte gemacht als zuvor in drei Monaten“, bilanzierte er das satte Dreierpack gegen Bielefeld, Schalke und Hertha BSC.

Zweiter Saisonsieg erst am elften Spieltag

Nach dem Prestige-Auftaktsieg beim schwäbischen Rivalen VfB Stuttgart hatte es immerhin bis zum elften Spieltag gedauert, ehe der zweite Saisonerfolg unter Dach und Fach gebracht worden war. Während die Auswärtsbilanz (acht Punkte) durchaus zufriedenstellend ist, mangelte es anfangs an Zählbarem im menschenleeren Schwarzwaldstadion. In überlegen geführten Heimspielen gegen Wolfsburg und Bremen musste man sich mit einem Punkt begnügen, gegen Abstiegskandidat FSV Mainz (1:3) zeigten die Südbadener die mit Abstand schwächste Saisonleistung, die selbst Nils Petersen schockte: „Zum Glück waren keine Zuschauer im Stadion. Für diese erste Halbzeit müsste man jedem von ihnen das Geld zurückgeben.“

Nichts mehr war übrig geblieben von der Leichtigkeit des Seins, als man in der Vorsaison bis in den Sommer hinein mit bisweilen grandiosen Auftritten einen großartigen achten Platz belegt hatte. Vom Erfolgsweg geradewegs auf den Trampelpfad. „Im Moment ist es Wahnsinn. Wir laden den Gegner zu Toren ein“, war der hoch emotionale Streich, dessen Stimme wie ein Echo laut durchs leere Rund hallte, mehrfach der Verzweiflung nahe. Auch die Technik spielte nicht mehr mit, da fast jede umstrittene Aktion vom Video-Assistenten gegen den Sport-Club gewertet wurde. „Viele Entscheidungen gegen uns sind hanebüchen“, echauffierte sich der Trainer.

Überraschend kam der Stotterstart nicht. Wieder einmal waren Streich drei der wichtigsten Stammspieler weggekauft worden. Konnte der Abgang von Torwart Alexander Schwolow zu Hertha BSC durch den früheren Mainzer Florian Müller im Blitz-Transfer erstaunlich gut kompensiert werden, ist die Absenz der Nationalspieler Robin Koch und Luca Waldschmidt, die ins Ausland wechselten, deutlich spürbar. Waldschmidts Dynamik und Torgefahr sowie Kochs Ruhe und Übersicht in der Innenverteidigung oder im zentralen defensiven Mittelfeld werden schmerzlich vermisst. Umso mehr, da sich Streichs Lieblingsspieler Nicolas Höfler nicht wenige Aussetzer erlaubte, ehe er wieder zu Stabilität fand. Streich: „Wir haben Spieler verloren, die auch Körperlichkeit eingebracht haben. Einen Robin Koch können wir deshalb nicht ersetzen.“

Der satte Jahresendspurt macht indes Hoffnung, dass die Südbadener beim Umzug ins neue, moderne Stadion auch im sechsten Jahr in Folge noch der Beletage angehören werden. Infolge von Corona und wegen Bauverzögerungen wurde der geplante Einzug im August nochmals aufgeschoben. Bevor es in die 11.000 Zuschauer mehr fassende High-Tech-Arena neben dem Flugplatz im Stadtteil Wolfswinkel geht, will man sich gebührend von der idyllischen Kleinkunstbühne an der Dreisam mit emotionalem Tiefgang vor den eigenen Fans verabschieden.

„Vom Erfolgstrainer, der den SC am heutigen Tag seit genau neun Jahren auf Kurs hält, will man sich am liebsten nie verabschieden. „Das Faszinierende ist doch, dass dieses Feuer in ihm immer noch lodert, dass die Energie immer noch da ist. Die Hoffnung ist, dass dieser Weg auch gemeinsam weitergeht“, sagt Sportvorstand Jochen Saier. Auch wenn Streich im neuen Domizil dann nicht mehr auf seinem Fahrrad zwischen Wohnung und Arbeitsstätte hin und her pendeln kann. Ob in dieser Saison tatsächlich nochmals Zuschauer per pedes oder mit dem Fahrrad Richtung Schwarzwaldstadion strömen, bleibt die Frage aller Fragen. Corona hat den Sport lange genug ausgetrickst.

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Erstellt:
29. Dezember 2020, 07:30 Uhr
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