Nationalpark Schwarzwald soll zusammenwachsen

Baden-Baden (vn/raha) – Seit seiner Gründung 2014 besteht der Nationalpark aus zwei Teilen. Umweltministerin Thekla Walker bezeichnet die Erweiterung jetzt im Interview als „folgerichtigen Schritt“.

Nationalpark Schwarzwald soll zusammenwachsen

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Der Nationalpark Schwarzwald soll erweitert werden, vermutlich wachsen dadurch auch die beiden Teile zusammen. Das Stuttgarter Umweltministerium hat am Freitag den Startschuss für diesen Prozess gegeben, der sich über einige Jahre hinziehen wird. Im Gespräch mit den Redakteuren Volker Neuwald und Rainer Haendle erläutert Ministerin Thekla Walker (Grüne), was sie vorhat.

BT: Frau Walker, Sie kommen gerade von einer Sitzung des Nationalparkrats auf dem Ruhestein. Können Sie die Ergebnisse kurz erläutern?
Thekla Walker: Heute war eine sehr wichtige Sitzung. Es ging um die Frage, ob und wie der Prozess startet, den Nationalpark zu erweitern und weiterzuentwickeln. Dazu gab es einen einstimmig positiven Beschluss. Das freut mich sehr. Mir ist es wichtig, dass der Rat das konstruktiv begleitet. Zugleich wird es einen breit angelegten und transparenten Bürgerbeteiligungsprozess geben.

BT: Warum soll der Nationalpark erweitert werden?
Walker: Angesichts der Klimakrise wird es für viele Menschen immer deutlicher, wie wertvoll Waldgebiete wie der Nationalpark sind. Er bekommt dadurch nochmals eine ganz neue Bedeutung. Ein Wald, der sich selbst organisiert, der nicht forstwirtschaftlich bearbeitet wird, entwickelt sich in einer Art und Weise, die wichtig ist für die biologische Vielfalt. Es ist beeindruckend zu beobachten, was passiert, wenn man den Wald sich selbst überlässt. Er entwickelt eine stärkere Resilienz gegen die Herausforderungen der Klimakrise. Warum also warten? Die Erweiterung ist ein folgerichtiger Schritt.

Umweltministerin Thekla Walker mit dem Vorsitzenden des Nationalparkrats, Klaus Michael Rückert (links), und Nationalparkleiter Thomas Waldenspuhl. Foto: Bettina Jehne/Umweltministerium

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Umweltministerin Thekla Walker mit dem Vorsitzenden des Nationalparkrats, Klaus Michael Rückert (links), und Nationalparkleiter Thomas Waldenspuhl. Foto: Bettina Jehne/Umweltministerium

BT: Geht es bei der Weiterentwicklung nur um den Lückenschluss zwischen dem Nord- und dem Südteil?
Walker: Nein. Weiterentwickeln heißt aus meiner Sicht eine inhaltliche und räumliche Weiterentwicklung. Und idealerweise werden die beiden Teilgebiete zusammengeführt. Wie das genau aussehen wird, ob weitere Gebiete dazukommen, wo, in welcher Form, das ist jetzt noch offen. Wir stehen am Anfang des Prozesses.

BT: Derzeit ist der Nationalpark etwas größer als 10.000 Hektar. Wie groß soll er künftig sein?
Walker: Ich habe keine konkrete Zahl vor Augen. Mir geht es darum, dass am Ende eine Gebietskulisse steht, die den Prozessschutz ermöglicht. Also eine möglichst zusammenhängende naturschutzfachlich wertvolle Fläche ohne menschliche Eingriffe, wo Natur Natur sein kann.

Kompakte Fläche wäre ideal

BT: Man braucht also eine deutlich größere Kernzone?
Walker: Genau, es muss eine zusammenhängende Fläche sein. Das ist für mich maßgeblich. Aber das hängt von vielen Faktoren ab.

BT: Ideal wäre also eine kompakte Fläche zwischen dem Süd- und Nordteil, quasi zwischen den Bundesstraßen 500 und 462?
Walker: Wenn man sich die Karte mit den zwei Teilgebieten anschaut, liegt Ihre Schlussfolgerung nahe. Aber wir haben es nicht alleine in der Hand. Wir prüfen verschiedene Alternativen.

BT: Größter Waldbesitzer in diesem Bereich ist die Murgschifferschaft. Diese Genossenschaft gilt bis heute als Gegnerin der Nationalparkpläne. Das Land hält die Mehrheit der Waldanteile, hat aber nur eine Stimme im fünfköpfigen Verwaltungsrat. Warum ist es so schwierig, einen Konsens zu erzielen?
Walker: Es geht ja hier um Wirtschaftswälder, mit denen Einnahmen generiert werden. Im Nationalpark fallen diese Einnahmen weg. Naturgemäß haben die Waldbesitzer Interesse, dafür einen Ausgleich zu erhalten. Das wird das große Thema sein, wenn wir in Verhandlungen treten. Diese Gespräche werden sehr komplex sein, und ich möchte ihnen nicht vorgreifen. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir gute Lösungen finden werden.

BT: Ist es am Ende des Tages nicht eine Frage von Tauschflächen?
Walker: Auch. Es wird darum gehen, wie man Waldbesitzer ein Stück weit entschädigen kann, wenn Flächen aus der Nutzung herausgenommen werden. Was kann man dafür anbieten? Dafür brauchen wir ein faires Miteinander.

Kommunen signalisieren bereits Interesse

BT: Sie sprachen von Alternativen.
Walker: Die positive Entwicklung des Nationalparks hat zu einer viel besseren Gesprächsatmosphäre geführt als in den Jahren vor der Gründung. Es gibt heute Kommunen, die Teil des Gebiets sein wollen, die sogar mehr Flächen einbringen möchten. Zur Gebietskulisse kann ich noch nichts Genaues sagen. Nur so viel: Mit den Gemeinden, die möglicherweise Teil der Gebietskulisse sein könnten, werden wir natürlich Gespräche führen. Ich bin sehr aufgeschlossen jenen gegenüber, die jetzt schon Signale senden.

BT: Also eine Alternative zur Murgschifferschaft?
Walker: Nach den Gesprächen mit den Waldbesitzern wissen wir, was darstellbar ist. Da sind wir im Moment noch total offen.

BT: Warum der aufwendige öffentliche Beteiligungsprozess?
Walker: Bei allen wichtigen Gesetzen im Land muss es Beteiligung geben. Dies gilt auch für das novellierte Nationalparkgesetz. Bürgerinnen und Bürger aus der Region und aus dem Land sollen paritätisch beteiligt werden in einem Bürgerforum, in dem es um die inhaltlichen Fragen der Weiterentwicklung geht. Auch über die Gebietskulisse wird man reden, das ist ja kein Tabuthema. Dieses Gremium ohne partikulare Interessen berät und empfiehlt – neben den beiden zentralen Gremien, die es gibt: dem Nationalparkrat und dem Nationalparkbeirat. Am Ende entscheidet der Landtag von Baden-Württemberg.

BT: Wann wird der Prozess abgeschlossen sein?
Walker: Das wird ein paar Jahre dauern. Unser Anliegen ist es, in dieser Legislaturperiode fertig zu werden. Ich möchte nicht, dass das Thema in einen Wahlkampf hineinkommt. 2024 ist die Zielmarke, die wir uns gesetzt haben. Das ist aus meiner Sicht realistisch.

BT: Anwohner des Nationalparks, zum Beispiel in Hundsbach, werden Einschränkungen in ihrem Lebensumfeld befürchten – Stichwort Wegesperrung. Was antworten Sie diesen Menschen?
Walker: Wir müssen informieren und zusätzliche Angebote machen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass der Wald nicht mehr zugänglich ist. Das Gegenteil ist richtig. Wir wollen, dass die Menschen den Nationalpark als tolles Angebot vor ihrer Haustür annehmen und interessant finden.

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Erstellt:
19. November 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 48sec

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