„Natura 2000“: Leitfaden zum Erhalt der Naturschätze

Stuttgart/Karlsruhe (vn) – Für alle 212 Flora-Fauna-Habitate in Baden-Württemberg liegen mittlerweile Managementpläne vor. Allein im Regierungsbezirk Karlsruhe sind es 48. Was passiert damit jetzt?

Die Murg bei Forbach – ein artenreiches Gewässer. Foto: Adriane Kempmann/Regierungspräsidium Karlsruhe

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Die Murg bei Forbach – ein artenreiches Gewässer. Foto: Adriane Kempmann/Regierungspräsidium Karlsruhe

Für die Umsetzung des europäischen Schutzgebietsnetzes „Natura 2000“ ist diese Nachricht ein Meilenstein: In allen 212 Flora-Fauna-Habitat-Gebieten (FFH) Baden-Württembergs sind die Managementpläne jetzt einsatzbereit. Aber was bedeutet das konkret? Und wie geht es weiter?
„Der Schutz und die Stärkung der biologischen Vielfalt ist neben dem Klimaschutz die zweite große Menschheitsaufgabe, die wir jetzt mit voller Kraft angehen müssen“, sagte Umweltstaatssekretär Andre Baumann (Grüne) dieser Tage anlässlich des Besuchs eines FFH-Gebiets in Südbaden. Ein wichtiger Baustein dafür sei die europäische FFH-Richtlinie, die den Schutz gefährdeter Lebensräume sowie wild lebender Tier- und Pflanzenarten auf dem ganzen Kontinent einheitlich festlege. Gemeinsam mit der EU-Vogelschutzrichtlinie bildet sie die rechtliche Grundlage für „Natura 2000“.

Seit mehr als 16 Jahren beschäftigen sich allerlei Behörden und Gremien mit diesem Thema. Nach der Ausweisung und Meldung der Schutzgebiete erstellte die Naturschutzverwaltung des Landes zusammen mit der Forstverwaltung nach und nach die Managementpläne. Das Regierungspräsidium Freiburg hat für seinen Regierungsbezirk 59 Pläne erarbeitet, in Tübingen waren es 56, in Stuttgart 49 und in Karlsruhe 48.

Baumann stellt die umfassende Beteiligung der Öffentlichkeit heraus. „Uns war es ein wichtiges Anliegen, alle Landnutzer bei der Erstellung der Pläne einzubeziehen. Diesen intensiven Dialog werden wir weiter fortsetzen.“ Viele Schutzgebiete seien Kulturlandschaften, die nur mit Unterstützung der Landwirte gesichert und bewahrt werden können, so der Umweltstaatssekretär.

Diese Partnerschaft lässt sich das Land etwas kosten: Laut Baumann sind die Landesmittel für Investitionen in die Pflege und Aufwertung von „Natura“-2000-Gebieten von 17 Millionen Euro 2015 auf mehr als 26 Millionen Euro 2020 erhöht worden.

Finanzielle Angebote sind wichtig

Die Einbindung möglichst vieler Eigentümer von Flächen sowie der Land- und Waldnutzer sei für die Mammutaufgabe „Natura 2000“ zentral, betont Ingrid Eberhardt-Schad. „Nur wenn sie bereit sind, Maßnahmen umzusetzen, bleiben die Pläne kein Papiertiger“, so die stellvertretende Geschäftsführerin und Naturschutzexpertin beim NABU Baden-Württemberg. „Für viele Lebensräume und Arten hängt der Erhalt schlicht von der Kooperationsbereitschaft der Bewirtschafter ab.“ Diese sei erfahrungsgemäß umso größer, je attraktiver die finanziellen Angebote durch Naturschutzförder- und Agrarumweltprogramme des Landes sind, weiß Eberhardt-Schad. „Aus diesem Grund ist es gut, dass im aktuellen Haushaltsentwurf von Grün-Schwarz eine Erhöhung der Naturschutzmittel vorgesehen ist.“

Zoomt man in die Karte des Regierungsbezirks Karlsruhe hinein, ist das Netz aus Vogelschutz- und FFH-Gebieten in Rot und Blau gut zu erkennen. Beide Kategorien überlagern sich vielerorts. Für das BT hat das Regierungspräsidium ausgerechnet, wie groß die Fläche an FFH-Gebieten ist: 98.000 Hektar. „Dies entspricht 2,7 Prozent der Fläche von Baden-Württemberg beziehungsweise 14,2 Prozent der Fläche des Regierungsbezirks Karlsruhe“, erläutert eine Sprecherin.

Insgesamt hat der Regierungsbezirk Anteil an 58 FFH-Gebieten, für 48 davon wurden Managementpläne erstellt. Die anderen zehn liegen mit größerem Flächenanteil in anderen Regierungsbezirken, weshalb die Managementpläne dort erstellt wurden beziehungsweise werden. Ein Plan hat noch den Status „in Bearbeitung“, weil er noch nicht veröffentlicht ist. Derzeit finden die letzten redaktionellen Arbeiten statt. Darüber hinaus arbeitet das RP Karlsruhe noch an drei Managementplänen für EU-Vogelschutzgebiete.

Murg soll ökologisch durchgängiger werden


Würde man die Karte noch detaillierter auflösen, wäre das FFH-Gebiet „Unteres Murgtal und Seitentäler“ (7216-341) zu erkennen. An ihm soll beispielhaft dargestellt werden, welche Rolle der seit Dezember 2020 vorliegende Managementplan künftig spielen wird.

Das rund 2.000 Hektar große FFH-Gebiet liegt in den Landkreisen Karlsruhe und Rastatt sowie dem Stadtkreis Baden-Baden. Die 25 Teilflächen gehören zu Baden-Baden, Malsch, Forbach, Gaggenau, Gernsbach, Loffenau und Weisenbach.

Das Gebiet „Unteres Murgtal und Seitentäler“ wird von weiten Wiesentälern und Buchenwäldern geprägt. Die Wiesentäler bestehen meist aus artenreichen, mageren Flachland-Mähwiesen, durchzogen von naturnahen Bachläufen. Eine Besonderheit des Gebiets ist der Atlantische Lachs, der aktuell wieder in der Murg zu finden ist. Auch die Groppe ist eine streng geschützte Fischart, da sie hohe Ansprüche an ihren Lebensraum wie gute Wasserqualität und ein gut strukturiertes Gewässerbett stellt.

Der stattliche 233 Seiten dicke Managementplan für das Gebiet sieht unter anderem vor, dass in der Murg eine „möglichst geringe Gewässerunterhaltung“ stattfindet. „Um die Fischfauna weiter zu fördern, werden Gewässerrenaturierung und Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit durch Rückbau von Sohl- und Uferbefestigungen und vorhandenen Wehranlagen, aber auch die strukturelle Anreicherung von Fließgewässerabschnitten vorgeschlagen.“

Spätestens an dieser Stelle öffnet sich die kommunalpolitische Dimension. So gibt es beispielsweise in Gernsbach Pläne für eine weitere Fußgängerbrücke über die Murg und die Idee, den Fluss mittels einer Umgestaltung des Ufers in Höhe des ehemaligen Pfleiderer-Areals „erlebbar zu machen“. Ob und wie sich diese Pläne mit dem Ziel von „Natura 2000“ vereinbaren lassen, ist völlig offen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Volker Neuwald

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Erstellt:
4. Oktober 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 21sec

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