Nazis und die erste Liebe

Karlsruhe (patz) – Mit Robert Seethalers „Der Trafikant“ startet das Junge Staatstheater Karlsruhe in die Saison. Die Inszenierung gerät etwas zu laut.

Nader Ben-Abdallah (rechts) spielt Franz Huchel. Foto: Arno Kohlem/Badisches Staatstheater Karlsruhe

Nader Ben-Abdallah (rechts) spielt Franz Huchel. Foto: Arno Kohlem/Badisches Staatstheater Karlsruhe

Am Ende holt Franz die Hakenkreuzfahne ein und hängt stattdessen die Hose des ermordeten Wiener Trafikanten Otto Trsnjek an den Mast vor dem Gestapo-Hauptquartier. Dort weht sie im Wind wie ein Zeigefinger, erzählt eine Passantin, bevor die Nazis sie wieder einholen können. Dieser Zeigefinger weht auch sehr kräftig durch das Stück und die Inszenierung von „Der Trafikant“ von Robert Seethaler, mit dem das Junge Staatstheater in Karlsruhe seine Spielzeit eröffnet hat. Der zugrundeliegende Roman ist Schullektüre in Baden-Württemberg.

Sigmund Freud kann ihm nicht helfen

„Der Trafikant“ erzählt die Geschichte des 17-jährigen Franz Huchel, der 1937 in die Großstadt kommt, um dort Geld zu verdienen. Den Antisemitismus erlebt der naive Junge zuerst durch den benachbarten Fleischer, die Liebe beziehungsweise den Sex durch das böhmische Amüsiermädel Anezka, die ihn ausnimmt und auslacht – am Schluss verbindet sie sich mit einem SS-Mann. Und dann lernt er noch Sigmund Freud kennen, der ihm aber auch nicht helfen kann und nach London flieht. Im Stück schaut dieser überragende Intellektuelle hilflos auf die Politik und auf die Liebe. Und auch die Mutter kann Franz nicht helfen.

Die Inszenierung von Martin Kindervater beginnt mit einer schönen Großstadtcollage auf Video, die Franz schließlich auf die Bühne spuckt: ein starkes Bild für den überforderten Jüngling. Sehr klug ist das Stück durch Franz‘ Briefwechsel mit seiner Mutter auf dem Land rhythmisiert – die Mutter ist als Videoprojektion zu sehen, die beiden lesen die Briefe vor, die sie bekommen haben.

Klug gestaltetes Bühnenbild

Auch das Bühnenbild ist klug gestaltet: eine Laterne, ein Ascheimer und eine Bank im Vordergrund, vier Räume im Hintergrund nebeneinander, durch Jalousien verschlossen, hinter denen sich der Trafik-Kiosk oder das Liebesnest von Franz und Anezka befinden. Leider ist nur die Hauptperson selbst eine lebendige Figur: Prägnant spielt Nader Ben-Abdallah ihn in seiner langsamen Wandlung vom schüchternen Naivling zum selbstbewussten Antifaschisten. Alisa Kunina spielt Anezka mit einer nervigen, fast hysterischen Lustigkeit, Freud bleibt blass, seine Rolle wurde mit einer Frau besetzt, ohne dass das irgendeinen Sinn ergibt, zudem mit einer Sopranistin aus der Opernsparte. Constantin Petry und Nico Herzig spielten mehrere kleinere Rollen.

Und leider, wie so oft im Karlsruher Jugendtheater, ist die Inszenierung häufig zu laut, zu lärmig, zu viel wird geschrien, der Zeigefinger wird ab und zu zum Holzhammer. Und in manchen leiseren Szenen verplätschert sich die Konzentration dann auch wieder, weil die Nachdenklichkeit nicht intensiv genug gespielt wird, um länger Eindruck zu machen.

Ihr Autor

Georg Patzer

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Erstellt:
27. September 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 18sec

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