„Nesthockerin“ mit Handicap wird flügge

Rastatt/Ötigheim (as) – „Maike startet durch“ – im Rahmen einer neuen Serie begleitet das Badische Tagblatt eine 25-Jährige mit kognitiver Entwicklungsstörung auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Familienausflug: Maike, Dirk und Andrea Flackus (von rechts) mit Pflegekind genießen den Frühling beim Eisessen. Foto: Dirk Flackus

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Familienausflug: Maike, Dirk und Andrea Flackus (von rechts) mit Pflegekind genießen den Frühling beim Eisessen. Foto: Dirk Flackus

Die ersten Schritte in die Selbstständigkeit sind für alle jungen Menschen eine Herausforderung: Erster Job, eigene Wohnung, sein eigener Herr sein, aber auch für alles selbst verantwortlich – das ist ein großer Schritt. Besonders auch für junge Menschen mit Handicap. So wie für Maike Flackus. Die 25-Jährige aus Rastatt hat eine kognitive Entwicklungsstörung, sie kann beispielsweise nicht lesen und schreiben. Dennoch wird sie demnächst das elterliche Nest verlassen und ins neue Appartementhaus der Lebenshilfe in Ötigheim ziehen. Das Badische Tagblatt begleitet sie dabei im Rahmen der Serie „Maike startet durch“.

Mädels-WG: „Das wird cool“

„Mein Zimmer ist schön – und groß“, erzählt Maike Flackus nach dem Besuch in ihrem künftigen Zuhause. Die 25-Jährige wird im neuen Appartementhaus der Lebenshilfe in Ötigheim für Menschen mit Handicap in eine Dreier-Mädels-WG einziehen.
„Das wird cool“, sagt ihre Mutter Andrea und lacht. Maike allerdings weiß offenbar noch nicht so recht, was sie von der Sache halten soll. „Am Wochenende kann ich nach Hause“, wirft sie ins Gespräch ein. „Ja klar, oder auch mal abends, Ötigheim ist ja nicht aus der Welt“, entgegnet Andrea Flackus.

„Auch Maike hat ein Recht auf ein eigenes Leben“, findet die Mutter von fünf Kindern – und so soll nun auch die „Nesthockerin“ flügge werden. „Man kann jungen Leuten nicht alles ersetzen, was Gleichaltrige ihnen geben können“, weiß die 54-Jährige. Und ihr Mann Dirk ergänzt: „Es war immer unser Plan, dass auch Maike eines Tages auszieht.“ Nicht weil die Eltern sie loswerden wollen, sondern weil sie es für die persönliche Entwicklung wichtig finden, auf eigenen Beinen zu stehen – wie bei allen ihren Kindern. Und natürlich auch mit Blick darauf, dass sie selbst älter werden und die Versorgung in der Familie damit irgendwann zunehmend schwieriger werden würde. Das jedenfalls sei für die Lebenshilfe unter anderem der Antrieb, solche Wohnangebote auszubauen, wie Kreisvorsitzender Hasso Schmidt-Schmiedebach schon beim Spatenstich für das Projekt in Ötigheim betont hatte.

Längerer Prozess bis zum Auszug

Wohnung suchen, mieten, einrichten, umziehen – so einfach und vor allem schnell funktioniert das allerdings bei Menschen mit geistiger Behinderung nicht. Über die Vergabe der Wohnheimplätze entscheidet beispielsweise vorrangig das Sozialamt des Landkreises, da dieses im Rahmen der Eingliederungshilfe auch die Kosten trägt. Dazu gibt es ein sogenanntes Clearingverfahren, in dem Fragen wie Hilfebedarf, Gesundheitszustand oder rechtliche Vertretung geklärt werden müssen. Zudem müssen alle Bewohner des Appartementhauses in Ötigheim am ambulanten Wohntraining teilnehmen.

Auch bei Maike ist dem nun bevorstehenden Auszug ein längerer Prozess vorausgegangen. Zunächst stand die berufliche Perspektive im Vordergrund, erzählt Dirk Flackus. „Sie hat länger gesucht, bis sie das Richtige gefunden hatte“, berichtet er. Dabei geholfen hat die Teilnahme am Angebot „Kooperative berufliche Bildung und Vorbereitung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt“ (KoBV) mit dem Ziel, junge Erwachsene mit intellektuellen Beeinträchtigungen in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis zu vermitteln. Seit vier Jahren arbeitet die 25-Jährige nun als Küchenhilfe im M10 in Baden-Baden, einem Café-Restaurant mit integrativem Konzept. Und es gefällt ihr dort sehr gut, wie sie strahlend berichtet. Dass das Lokal coronabedingt schon eine Weile geschlossen hat, stimmt Maike traurig. Vorübergehend arbeitet sie deshalb in den Lebenshilfe-Werkstätten.

Selbstständigkeit wird trainiert

Dass die Lebenshilfe enormen Anteil an Maikes Weg hat, betonen die Eltern immer wieder. Seit der ersten Klasse hat Maike die Offenen Hilfen in Anspruch genommen. „Sie ist bei der Lebenshilfe bekannt, und die können sie gut einschätzen“, ist es für Andrea Flackus ein Stück weit beruhigend, dass der Selbsthilfeverband mit dem Wohnangebot auf die Familie zukam, „weil sie es Maike zutrauen“.

Seit eineinhalb Jahren nimmt die junge Frau bereits am sogenannten Allgemeinen Verselbstständigungstraining teil und seit Kurzem auch am Allgemeinen Wohntraining in ihrem künftigen neuen Zuhause in Ötigheim, das die Eltern bisher nur als Rohbau kennen. Die Lage finden sie „ideal“ – nah an Einkaufsmöglichkeiten und Bahnhof. Arbeitsstelle und Elternhaus sind damit gut zu erreichen. Und „im ÖPNV ist Maike gut trainiert, sie kommt klar, auch wenn mal ein Zug ausfällt“, sagt Dirk Flackus.

„Oder ihr kommt mit dem Fahrrad“, schlägt Maike vor, „wenn er mich vermisst“, sagt sie mit verschmitztem Blick auf den einjährigen Pflegebruder – und meint es wohl eher umgekehrt. Doch allein wird sie ja auch in Ötigheim nicht sein, wissen die Eltern, denen deshalb auch die WG-Idee gut gefällt.

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Ihr Autor

BT-Redakteurin Anja Groß

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Erstellt:
13. April 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

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