Neue Zeit beginnt: Staatstheater-Intendant Peters im Gespräch

Karlsruhe (cl) – Saisonstart neben der Baustelle: Das Badische Staatstheater eröffnet seine Spielzeit am Samstag mit dem Theaterfest. „Jetzt beginnt eine neue Zeit“, sagt der neue Intendant Peters.

Der gebürtige Stuttgarter Ulrich Peters steht bis zur Saison 2024/25 an der Spitze des Badischen Staatstheaters: Zum Karriereende wollte er zurück in eine Weingegend im Süden.  Foto: Oliver Berg

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Der gebürtige Stuttgarter Ulrich Peters steht bis zur Saison 2024/25 an der Spitze des Badischen Staatstheaters: Zum Karriereende wollte er zurück in eine Weingegend im Süden. Foto: Oliver Berg

Die Einschränkungen der Lockdown-Phasen und Wirrungen um die Ex-Theaterleitung möchte das Badische Staatstheater Karlsruhe in der neuen Spielzeit hinter sich lassen. Der neue Generalintendant Ulrich Peters führt zum Saisonstart Kunstgenuss ohne Maske ein – und auch auf der Bühne will er wieder in die Vollen gehen. „Das Publikum will keine Corona-Inszenierungen mehr auf der Bühne haben, die wollen einfach jetzt wieder richtig Theater sehen“, sagt Ulrich Peters kurz vor der Spielzeiteröffnung im BT-Interview. Gleichwohl müssen Abstandsregeln im Zuschauerraum eingehalten werden, deswegen wird das Mehrspartenhaus die Ränge zunächst nur zu 25 Prozent besetzen.

Das Badische Staatstheater startet am Samstag mit dem Theatertag. Vormittags wird Peters das neue Entrée feierlich eröffnen im Beisein von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sowie Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup, die dem Verwaltungsrat des Theaters vorstehen. Ein Signal auch dafür, wie in den nächsten Jahren Theater gespielt werden wird, angesichts des angelaufenen Großbauprojekts: Die Generalsanierung und Erweiterung des Badischen Staatstheaters, die bereits vor einem Jahr begonnen wurde, wird nun in eine intensive Phase gehen.

Das wird wohl auch Einfluss auf den Spielplan nehmen: „Es wird Verschiebungen geben“, so Peters, „und ich werde das eine oder andere Mal bei meinen Abonnenten um Entschuldigung bitten müssen und hoffen, dass sie Verständnis dafür haben. Auch bei der Probenarbeit wird es sicher Lärm geben – so ist es halt.“ Die Träger hätten eben beschlossen, „am offenen Herzen zu operieren, was ich völlig richtig finde“, stellt der neue Generalintendant klar und betont: „Interimsspielstätten irgendwo auf dem freien Feld wären viel schlimmer und komplizierter, allerdings müssen wir damit umgehen – aber ich bin da einigermaßen gelassen.“

Bis Ende des Jahres pendelt Peters noch

Dies scheint ohnehin die Devise des neuen Generalintendanten zu sein, der nach der aufreibenden Zeit um die unschöne Trennung des Theaters von seinem Vorgänger Peter Spuhler für drei Spielzeiten bis 2024/25 eingesetzt worden ist, auch um die Wogen zu glätten. „Es ist nicht die einzige Baustelle, die ich in meinem Berufsleben hatte“, sagt der 66-jährige Peters.

Bis Jahresende pendelt Peters noch mehrmals wöchentlich zwischen seiner Wirkungsstätte am Theater Münster und Karlsruhe. Seinen ursprünglich bis August 2022 laufenden Vertrag als Intendant in Münster hat er vorzeitig gekündigt, bis 31. Dezember wird er beide Theater parallel leiten. „Danach bin ich in Münster nur noch zu den großen Premieren. Es sind halt meine Premieren, Stücke, die ich mitkonzipiert habe, da möchte ich anwesend sein, das bin ich den Künstlern schuldig.“

Am Mehrspartenhaus in Münster, das Ulrich Peters seit bald zehn Jahren leitet, hat er bereits vor drei Wochen die Spielzeit eröffnet. „Das war sehr spannend, wir haben jetzt die Post-Corona-Zeit, mit den Fragestellungen an die Mitarbeiter – geimpft, nicht geimpft? – schon mal üben können, was unglaublich gut funktioniert hat.“ Die für öffentliche Einrichtungen obligatorische Abfrage des Teststatus nach den Sommerferien habe im Theater Münster eine Impfquote von geschätzten 95 Prozent ergeben. „Als Arbeitgeber dürfen wir keinen nicht Geimpften oder nicht Getesteten ins Haus lassen.“ Obligatorisch sei ein PCR-Test. „Die Kollegen haben alle unbändig Lust nach diesen eineinhalb Jahren, ihre Arbeit aufzunehmen.“ Dafür hätten sie sich alle impfen lassen. „Das sieht leider in Karlsruhe nicht ganz so rosig aus.“

Zwar kenne er die Karlsruher Impfquote nicht genau, sagt Peters, „wir müssen schauen, was man mit den nicht Geimpften macht, denn sie blockieren die normale künstlerische Arbeit, die wir alle wieder machen wollen.“ In den Werkstätten des Badischen Staatstheaters sehe es schon mal sehr gut aus – fast alle seien geimpft, so viel wisse er bereits. „Die habe ich schon mit einem kräftigen Händedruck, was ich gerne tue, begrüßt.“ Aber das wird schon werden, sagt der Optimist. Das Staatstheater immerhin kennt er gut, vor über 20 Jahren war der Regisseur in Karlsruhe als Oberspielleiter der Oper engagiert und Leiter der Händelfestspiele.

Spielzeit ein bisschen „spielopernlastig“

Ulrich Peters will nun mit Elan loslegen. Alle Inszenierungen sollen noch einmal – ohne Distanz – geprobt und überarbeitet werden. Viele Stücke, die wegen der Lockdowns in den beiden vergangenen Spielzeiten ausgefallen oder kaum gespielt werden konnten, sollen nachgeholt werden. Dadurch sei die neue Saison ein bisschen heterogen. „Es wird dennoch eine schöne Spielzeit, sie ist, was das Musiktheater anbelangt, ein bisschen spielopernlastig“, sagt Peters – „aber ich finde das genau das richtige – nach Corona darf man auch mal ein bisschen Spaß haben.“

Mit ihm soll auch ein neuer Geist von Wertschätzung und Vertrauen ins Staatstheater einkehren – die unruhigen Zeiten nach der monatelangen Kritik am rigiden Führungsstil seines Vorgängers Peter Spuhler sollen zu Ende gehen. Nach ersten Gesprächen mit seinen neuen Mitarbeitern schon vor der Sommerpause, resümiert er: „Die Aufregung hat sich ja schon gelegt, als klar war, dass es Veränderungen gibt.“ Im Mai wurde seine Amtsübernahme bekannt gegeben.

„Ich erfahre natürlich vieles, aber ich sage immer: ,Die Zeit ist vorbei, jetzt beginnt eine neue Zeit,‘“ Drei Häuser – von Augsburg, übers Gärtnerplatztheater München bis Münster – hat Peters in den vergangenen 20 Jahren geleitet. „Mir ist es immer gelungen, eine gute und kreative, tolle Atmosphäre zu schaffen, das ist vielfach auch vonseiten des Personalrats bestätigt worden“, sagt er. Es gebe zwar immer Krisenmomente und in der Kunst mal Auseinandersetzungen – aber für ihn sei zentral: „Die Grundstimmung im Haus muss gut sein; es ist letztlich meine Aufgabe, dafür zu sorgen.“ Das mache ihm Spaß, weil er ein sehr positiver, optimistischer Mensch sei, sagt Peters über sich. Jeder sei auf seiner Position wichtig. „Diese gegenseitige Wertschätzung, den Respekt vor der Arbeit muss ich ins Haus tragen. Das scheint auch ein bisschen gefehlt zu haben in der Vergangenheit.“ Seine Bürotür stünde immer offen. „Wenn jemand mein Büro verlässt, rufe ich immer hinterher: ,Tür offen lassen!‘“

Während seiner dreijährigen Interimszeit als Generalintendant soll Ulrich Peters auch an der weiteren Zukunft des Theaters mitarbeiten. Viel wurde in der vergangenen Zeit über die ungute Machtfülle eines Generalintendanten diskutiert, neue Leitungsstrukturen und mehr Kompetenzen für die Spartenleiter wurden gefordert.

„Sparten haben sehr viel Selbstständigkeit“

„Die Sparten haben schon sehr viel Selbstständigkeit, da muss man gar nicht viel tun. Denn damit hängt auch viel Bürokratie zusammen, viel Krempel, der nicht zur Kunst gehört“, sagt Peters. Er müsse viel eher Bürokratisches wegnehmen, um mehr Raum fürs Kreative zu schaffen. „Das Haus muss schlanker werden.“ Dabei gehe es beileibe nicht um Einsparungen. „Das Budget bleibt über diese Zeit, wie es ist, das haben mir Land und Stadt zugesagt.“

Auch im künstlerischen Bereich will er im Gespräch mit den Spartenleitern Neues anregen: „Das tue ich natürlich automatisch kraft meines Amtes, natürlich rede ich mit meiner Operndirektorin über den Spielplan, die Regisseure und welches Bühnenbild wir zu den Inszenierungen wählen.“ Das Schauspiel will Peters, der gerne Musicals mit Schauspielern inszeniert, aufwerten. Es soll nicht nur im Kleinen Haus, sondern auch mal wieder im Großen Haus auftauchen – mit einer großen Shakespeare-Inszenierung oder mit einem Schiller.

Ulrich Peters ist nicht nur Theatermanager, sondern auch ein gefragter Opernregisseur. Fürs Inszenieren wird er allerdings in Karlsruhe nach eigenem Bekunden wenig Zeit haben. Höchstens eine Oper zu inszenieren, hat er sich vorgenommen. „Aber auch nur eine, zu mehr komme ich gar nicht“, und fügt hinzu: „Wenn ich Zeit und Lust habe, mache ich vielleicht noch ein Schauspiel.“ Die Anfrage aus Karlsruhe sei zwar etwas vorzeitiger als gedacht, aber zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Die Heimatgefühle überwogen.

Vor 40 Jahren hatte die berufliche Laufbahn des gebürtigen Stuttgarters nach dem Studium der Theaterwissenschaft und Betriebswirtschaft mit einem Engagement am Theater Freiburg begonnen – jetzt ist er ins Badische zurückgekehrt. „Ich war gerne in Münster, aber es war klar, dass meine Frau und ich nach neuneinhalb Jahren wieder zurück in den Süden, in eine Weingegend kommen wollen, wenn ich aufhöre zu arbeiten. Dass es nun Karlsruhe ergeben hat, ist umso schöner.“

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
16. September 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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