Neues Festspielhaus-Programm: Kunstgenuss zwischen Yoga und Arie

Baden-Baden (cl) – Mit neuem Festspielkonzept setzt das Festspielhaus auf Nähe zu den Stars. 2022 kehren Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Rolando Villazon wieder, auch ein junges Programm gibt es.

Mit acht Festivals will das Festspielhaus Baden-Baden in eine neue Zukunft gehen. Für sein Konzept setzt Intendant Benedikt Stampa auf mehr Nähe zwischen Stars und Publikum.  Foto: Thomas Viering

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Mit acht Festivals will das Festspielhaus Baden-Baden in eine neue Zukunft gehen. Für sein Konzept setzt Intendant Benedikt Stampa auf mehr Nähe zwischen Stars und Publikum. Foto: Thomas Viering

Wieder sind die Zeiten trübe, die Gemüter mürbe. Doch Benedikt Stampa setzt alles auf die Karten Hoffnung und Zukunft. „Wir fahren volle Fahrt voraus“, sagt der Intendant bei einer hybriden Pressekonferenz im Festspielhaus Baden-Baden. „Unsere Hoffnungen richten sich auf das Jahr 2022, in dem die Musik wieder über der Pandemie steht“, schreibt Stampa im Vorwort zur neuen Saison. Diese beginnt nicht wie bisher üblich im Herbst, sondern im Januar und umfasst künftig das Kalenderjahr. Und er stellt sein neues Konzept im Bewusstsein darüber vor, dass angesichts steigender Corona-Zahlen nun eigentlich wieder die Ratlosigkeit um sich greift. „In dieser Phase einen Blick in die Zukunft zu werfen, ist schon sehr kühn, aber sehr notwendig.“ Die Veranstaltungsbranche könne die Pandemie nur mit Optimismus bekämpfen. „Wir haben lernen müssen in unserer Branche, die auf Langfristigkeit setzt, dass nur der Augenblick zählt.“

Optimistisch stimmt den Intendanten auch die Nachfrage in diesem Herbst: 5.000 Tickets seien für das Gastspiel der Berliner Philharmoniker an das Publikum gegangen, jeweils 3.000 Karten für die Abende mit Teodor Currentzis und Thomas Hengelbrock. Und auch für die nächsten Veranstaltungen sei der Vorverkauf laut Stampa „solide bis gut“.

Mit acht Festivals soll es also in eine neue Zukunft gehen. Und die setzt vor allem auf eines, das in den Pandemie für alle zu kurz kam: auf Nähe.

Dabei erfindet das Festspielhaus sich und sein Programm nicht von der Pike auf neu. Vielmehr soll das Bekannte weiterentwickelt werden um zwei Ideen als Alleinstellungsmerkmale in der Festivallandschaft: Festspiele wirken stärker in die Stadt Baden-Baden hinein und machen sie mit ihrer Geschichte für Touristen erlebbar. Zudem will man die Stars noch mehr integrieren. Partizipative Programme sollen demnach nicht mehr nur ein Zusatzangebot sein, sondern „Teil unserer DNA“, formuliert es Stampa. Geplant sind etwa Yoga-Stunden oder gemeinsame Workshops.

Stampa: „Ein Megatrend im Tourismus wird die Suche nach der Selbsterfahrung“

„Grundsätzlich sehe ich in der Festival-Idee, wie sie Hector Berlioz im 19. Jahrhundert in Baden-Baden formte, eine Chance für die Musik wie für den Tourismus“, sagt der aus Münster stammende Intendant. „Ein Megatrend im Tourismus wird die Suche nach der Selbsterfahrung. Wenn es uns gelingt, dies mit den Erlebnissen bei Festivals zu bieten, bedeutet das eine neue Energie für die europäische Festival-Landschaft.“ Entsprechend werden partizipative Programme für das Publikum stärker in das Programm integriert. „Ich sehe Seminare, Künstlerbegegnungen, Naturerleben und literarisch-philosophische Reflektionen nicht als ‚Beiprogramm‘, sondern als Teil des ‚Hauptprogramms‘“, betont Stampa.

Werden also die kühnsten Träume von Yoga mit Anna Netrebko wahr? Mit vielen der bekannten Hauskünstler wie Kirill Petrenko, Valery Gergiev oder John Neumeier habe man gesprochen. „Alle freuen sich darauf, dass wir in Baden-Baden programmatisch aufrüsten. Ich erwarte von Künstlerinnen und Künstlern, dass sie sich dieser partizipativen Idee öffnen“, sagt Stampa. Es gehe nicht nur um das Frontalkonzert, sondern um das Durchdringen.

Größtmögliche Nähe also wird zum „Vorteil im ansonsten sehr austauschbaren Klassikleben“, so Stampa. Ein Ort, der Sehnsüchte erfüllt, soll Baden-Baden werden. Das war schon vor der Pandemie seine Vision. Doch kam Stampa seit seinem Wechsel vom Dortmunder Konzerthaus nach Baden-Baden ständig Corona dazwischen und ein Zustand für die Kultur, der keinesfalls Erfüllung brachte. Im Gegenteil. Die Sehnsucht nach Kultur und persönlichen Erlebnissen – sie wuchs für viele ins Unermessliche. „Die Festspiele sind eine Antwort auf die Pandemie“, sagt Stampa. Nach zwei Lockdowns haben die finanziellen Mittel von Stadt, Land und Bund geholfen, das Jahr 2021 zu überstehen. „Ohne diese gäbe es uns nicht mehr“, betont Stampa. Im Zuge dessen sei auch die Spendenbereitschaft gewachsen. Gleichwohl sei das nächste Jahr eine große Herausforderung. Den Weg nach vorne möchte er dennoch verteidigen. „Wir werden offensiv sein und nur zurückgehen, wenn wir müssen.“

Opernstar Anna Netrebko gastiert bei den Osterfestspielen der Berliner Philharmoniker in Baden-Baden.  Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

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Opernstar Anna Netrebko gastiert bei den Osterfestspielen der Berliner Philharmoniker in Baden-Baden. Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Festspielhaus macht Künstler zu Kuratoren

Der Starfaktor im neuen Spielplan des Festspielhauses Baden-Baden für 2022 ist wieder hoch. Die russische Operndiva Anna Netrebko gastiert erstmals bei den Osterfestspielen mit den Berliner Philharmonikern unter Chefdirigent Kirill Petrenko. Mit den Geigerinnen Anne-Sophie Mutter und Patricia Kopatchinskaja, Sopranistin Diana Damrau und Jonas Kaufmann als Duettpartner, mit Sonya Yoncheva, Placido Domingo und Rolando Villazon kehren die bekannten Klassikgrößen der vergangenen 24 Festspielhausjahre auf die Bühne des größten deutschen Konzert- und Opernhauses zurück.

„Wir wollten diese Künstler an Baden-Baden binden und mit ihnen ganz neue Modelle auch der Partizipation entwickeln“, sagte Intendant Benedikt Stampa bei der Programmvorstellung am Donnerstag. Das Festspielhaus sieht sich nicht als Kulturversorger wie die Konzerthäuser in Großstädten, wo sich die Künstler die Klinke in die Hand geben – hier sollen sie ihre Arbeit länger entwickeln können und auch als Kuratoren wirken.

Es wird 2022 einen wahren Festspiele-Marathon geben mit zwei szenischen Opern, zu Ostern und zu Weihnachten, und drei konzertanten. Die Pandemie soll zumindest programmatisch überwunden werden, das 2.500-Plätze-Haus wird ab Januar wieder im Saalplan A gefüllt. Und das junge Festival „Take over“ wird im Februar sogar das ganze Haus bespielen: mit Techno-Jazz, dem Uppercut Dance Theater im Samba-Klang und mit interaktiven Musik-Acts.

Bei den Osterfestspielen (9.-18.4.22) der Berliner Philharmoniker gibt die lettische Sopranistin Asmik Grigorian ihr Debüt in der Neuinszenierung von „Pique Dame“ des Regie-Duos Moshe Leiser und Patrice Caurier; sie hat im vergangenen Sommer bereits ein viel gelobtes Bayreuth-Debüt als Senta im „Fliegenden Holländer“ und bei den Salzburger Festspielen als Salomé reüssiert. Die Berliner Philharmoniker, in diesem Jahr noch auf eine Herbst-Präsenz ausgewichen, werden ihr Festival zu Ostern 2022 zudem mit einem Kammermusikangebot aus 13 Konzerten aufwerten.

Zwei Tanzangebote: Neumeier-Festival und Mariinsky-Winter

Aus den alten Pfingstfestspielen wird das „Presence“-Festival mit dem SWR Symphonieorchester unter der Leitung des früheren Orchesterchefs François-Xavier Roth (des Baden-Badener und Freiburger Orchesterteils) entwickelt. Im Blick haben sollen sie die musikalische Moderne. Yannick Nézet-Seguin führt am Pult des Chamber Orchestra of Europe einen Brahms-Zyklus auf und pflegt das Sommerformat „La Capitale d’Eté“, das das Musikleben Baden-Badens aus der Zeit als Sommerhauptstadt des europäischen Hochadels auferstehen lassen soll. Die italienische Pianistin Beatrice Rana stellt sich dabei mit dem ersten Klavierkonzert von Clara Schumann vor.

Die bereits neu entwickelten Herbstfestspiele werden künftig unter der Leitung von Thomas Hengelbrock stehen und Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ konzertant aufführen; den zweiten Teil übernimmt wieder Teodor Currentzis, der mit seinen Ensembles Wagners „Tristan und Isolde“ interpretiert.

Der Tanz folgt in der zweiten Jahreshälfte gebündelt mit John Neumeiers neuem Festival, das noch dem Hamburg Ballett gewidmet ist („Beethoven-Projekt II“, „Hamlet 21“). Wenn der US-Choreograf seine Ballettintendanz 2023 in Hamburg niederlegt, wird seine Herbstresidenz zu einem dreiwöchigen Festival mit weiteren internationalen Compagnien. Das Mariinsky-Theater feiert seinen „Russischen Winter“ mit Oper (Tschaikowskys „Jungfrau von Orleans“) und klassischem Ballett („Dornröschen“, „Romeo und Julia“).

Einige neue Formate sollen ein Vorgeschmack auf das 25-jährige Bestehen des Festspielhauses 2023 geben. Dann wird ein erweitertes Entertainment- und Musical-Programm einen festen Platz im Sommer erhalten. 2022 gibt es bereits Musicals übers Jahr verteilt: mit „Stomp“ und „Thriller“ im Februar, dem Elvis-Musical im April, „Die Schöne und das Biest“ im Juli.

Der Vorverkauf des Programms 2022 beginnt am 22. November.

Ihr Autor

Isabel Steppeler, Christiane Lenhardt

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Erstellt:
18. November 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 41sec

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