Neues Leben dank Elektroden im Kopf

Linkenheim-Hochstetten (BNN) – Iris Kraft aus Linkenheim-Hochstetten leidet an Parkinson. Zwischenzeitlich schluckte sie bis zu 15 Tabletten am Tag. Doch eine OP im Gehirn hat viel verändert.

Iris Kraft lebt seit 2013 mit einem „Hirnschrittmacher“ – und ist damit sehr zufrieden. Foto: Marie Orphal/BNN

Iris Kraft lebt seit 2013 mit einem „Hirnschrittmacher“ – und ist damit sehr zufrieden. Foto: Marie Orphal/BNN

Iris Kraft steht vor einer Schulklasse, als sie zum ersten Mal merkt, dass etwas nicht stimmt. Es ist 1993, Kraft arbeitet damals als Lehrerin in einer Grundschule in Stutensee. Mit einem Stück Kreide will sie etwas an die Tafel schreiben. Aber ihre Hand verkrampft und zittert, sie kann die Kreide nicht halten. „Das waren die ersten Anzeichen“, sagt die 60-Jährige aus Linkenheim-Hochstetten heute. Vier Jahre später bekommt sie die Diagnose: Parkinson. „Ich bin heulend vom Arzt heimgefahren. Ich war so geschockt.“

Parkinson ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems. Mehr als 350.000 Menschen leben nach Angaben der Deutschen Parkinson Gesellschaft bundesweit mit der Diagnose. Typische Symptome sind Bewegungsstörungen wie steife Muskeln, Zittern und eine instabile Körperhaltung. Bisher ist die Krankheit nicht heilbar, aber es gibt Therapiemöglichkeiten.

Viele Patienten sind unterversorgt

Doch es fehle an Bewusstsein und Fachwissen, kritisiert Andreas Becker. Er ist Chefarzt der Neurologie und Ärztlicher Direktor des SRH Kurpfalzkrankenhaus Heidelberg. „Teilweise sind Ärzte, Therapeuten und Apotheker nicht ausreichend über Parkinson, Diagnosen und das Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten informiert“, sagt Becker. Alleine im Rhein-Neckar-Gebiet seien daher mehr als 1.000 Patienten unterversorgt. Um das zu ändern, hat die Klinik das „Parkinsonnetz RheinNeckar+“ gegründet. Ziel ist es laut Becker, die Behandlung der Patienten zu verbessern und das Fachpersonal zu schulen.

Durch ihr Studium und Weiterbildungen verfügen Neurologen über die nötigen Fähigkeiten, um das Krankheitsbild von Parkinson zu erkennen und zu behandeln, schreibt die Landesärztekammer. Ein Sprecher erklärt, man sehe eher auf anderen Ebenen des Gesundheitswesens Ausbaubedarf. Eine noch breitere Diagnostik und Behandlung sei wünschenswert.

Doch schon bei den Ärzten hapert es, meint dagegen Karin Krüger, Vorsitzende des baden-württembergischen Landesverbands der deutschen Parkinson Vereinigung: „Viele Neurologen kennen sich nicht gut mit Parkinson aus. Das hat gravierende Folgen für die Patienten.“ Der Fokus liege in der Neurologie eher auf Schlaganfällen als auf Parkinson, sagt sie. Die Folge seien falsche Diagnosen und Fehler bei der Medikamenteneinstellung.

Mediziner Becker bestätigt das. Am Anfang ließe sich Parkinson gut mit Tabletten in den Griff bekommen. Je weiter die Krankheit fortschreite, desto mehr lasse die Wirkung der Medikamente nach. Viele Patienten würden von Ärzten regelrecht mit Medikamenten vollgepumpt, wenn sich ihr Zustand verschlechtere. Immer mehr, immer öfter, immer höher dosiert. Becker spricht von einem „Medikamentenmarathon“. Das Problem: Die Tabletten haben laut Becker teils starke Nebenwirkungen. „Man raubt den Patienten Jahr um Jahr an Lebensqualität.“

15 Tabletten täglich mit starken Nebenwirkungen

Iris Kraft schluckt zwischenzeitlich bis zu 15 Tabletten am Tag. Die Nebenwirkungen haben es in sich: Sie bekommt Albträume, halluziniert, hat Stimmungsschwankungen. In einem Moment ist sie stocksteif, im nächsten zapplig. Im Restaurant zittert ihre Hand einmal so sehr, dass ihr das Essen von der Gabel fällt. Ihre Begleitung muss sie füttern. Mit der Zeit geht es ihr immer schlechter. Ihr Gang wird unrund, die Schritte verwaschen, die Handschrift wird krakelig. Sie nuschelt immer stärker. 2013 beschließt sie, sich einen „Hirnschrittmacher“ einsetzen zu lassen. Das Verfahren bezeichnet man auch als Tiefe Hirnstimulation.

Dabei implantiert der Chirurg dem Patienten – ähnlich wie beim Herzschrittmacher – Elektroden im Hirn. Diese geben elektrische Impulse an bestimmte Bereiche im Gehirn ab. Dadurch kommen die Hirnregionen, die für die Steuerung der Bewegung zuständig sind, besser in Fahrt. Die Folge: Die Motorik verbessert sich.

Achteinhalb Stunden liegt Kraft damals in der Hirnklinik in Heidelberg auf dem OP-Tisch. Es ist ein riskanter Eingriff, der sich nicht für jeden Parkinson-Patienten eignet. Ältere Menschen oder Patienten mit psychischen Erkrankungen oder Demenz sollten sich keinen Hirnschrittmacher implantieren lassen, rät Becker. Gelingt die Operation, könne sie die Lebensqualität der Patienten aber „dramatisch verbessern“.

So wie bei Iris Kraft. Nach der OP wird ihre Schrift leserlicher, die Aussprache deutlicher, die Bewegungen kontrollierter. Sogar Tanzen funktioniert in den ersten Jahren wieder. „Ich war wie neu geboren.“ Statt 15 schluckt sie nun nur noch eine Tablette am Tag.

Parkinson lässt sich verlangsamen, aber nicht aufhalten. Heute kann Kraft nicht mehr tanzen. Auch das Laufen fällt ihr schwer. Ohne ihren Rollator geht sie nicht aus dem Haus. Mehrmals in der Woche kommt eine Pflegerin, die ihr beim Einkaufen hilft, sie schminkt, ihre Haare wäscht, das Bett macht. „Es gibt Momente, da versinke ich in Selbstmitleid“, sagt Kraft. Dann besinnt sie sich darauf, was sie alles noch kann. „Ich habe eine Stehaufmännchen-Mentalität entwickelt“, sagt sie und lächelt.

Ihr Autor

BNN-Volontärin Marie Orphal

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Erstellt:
21. Mai 2022, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

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