Neues Zuhause für kleinen Autisten

Rastatt (sawe) – Happy-End nach verzweifelter Suche: Ein kleiner Autist aus Rastatt, der aufgrund seiner Verhaltensauffälligkeiten in kein Raster passt, hat ein neues Zuhause in einer Einrichtung in Hessen gefunden, in der er umfassend gefördert werden kann.

 Eine Frau  hält einen Jungen an der Hand, der in seiner eigenen Welt lebt. Symbolfoto: Marcel Kusch/dpa

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Eine Frau hält einen Jungen an der Hand, der in seiner eigenen Welt lebt. Symbolfoto: Marcel Kusch/dpa

Annalena ist erleichtert und hat vor Freude geweint, als die Nachricht kam: Nach den vielen Monaten, in denen sie fast verzweifelt wäre, hat sich jetzt eine Lösung aufgetan: Für den kleinen Autisten Ben (die Namen Annalena und Ben wurden von der Redaktion geändert) wurde ein Wohnheimplatz in Hessen gefunden. Seit Montag befindet sich der Achtjährige, der durch seine Verhaltensauffälligkeiten in kein Raster passt und von allen angefragten Einrichtungen in Baden-Württemberg abgelehnt worden war, in seinem neuen Zuhause.


Ben hat Asperger Syndrom, nässt und kotet ein und verschmiert Exkremente nachts auch an Wänden. Das BT hatte Anfang November über den erschütternden Fall berichtet, der auch für die zuständigen Behörden eine große Herausforderung darstellte. Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) Rastatt-Stadt unternehme alles, um eine „passgenaue Hilfe“ zu finden, hieß es seinerzeit. Das ist nun offenbar gelungen, wie auch Gisela Merklinger, Pressesprecherin des Landratsamts, bestätigte. Es sei sehr schwierig gewesen, den Jungen unterzubringen, das Jugendamt habe hier aber sehr großes Engagement gezeigt. Nach der Odyssee in der Vergangenheit sei der Junge nun in einer geeigneten Einrichtung, in der er sich auch wohlfühle.

Annalena, die mit Bens Vater verheiratet, aber nicht Bens leibliche Mutter ist, hatte sich über vier Jahre lang Tag und Nacht aufopferungsvoll bis fast zur Selbstaufgabe um den gerade mal 1,04 Meter kleinen Jungen gekümmert und hartnäckig um einen Wohnheimplatz für ihn gekämpft. Nicht um ihn abzuschieben, wie sie betonte, sondern damit er „schulisch gefördert werden, zur Ruhe kommen und sich entfalten kann, mit den Möglichkeiten, die ihm gegeben sind“. Zuletzt war Ben als „unbeschulbar“ eingestuft worden.

Ganzheitliche Förderung im Vordergrund

Annalena ist „total glücklich“, dass Ben einen Platz in Hessen erhalten hat, in dem ausschließlich Kinder und Jugendliche mit ASS in Wohngruppen betreut werden und die ganzheitliche Förderung im Vordergrund steht. Jeder Bewohner habe ein eigenes großes Zimmer mit Bad (Dusche/WC) zur Verfügung. Bei der Einrichtung handele es sich um ein ehemaliges Hotel in schöner Landschaft auf einer Anhöhe mit großer Gartenanlage, berichtet die 29-Jährige. Das Haus bietet eine umfassende und ganzheitliche Lebensbegleitung im pädagogischen und tagesstrukturierten Raum sowie Geborgenheit und Lebensqualität. In Hessen habe sie das erste Mal ein „echtes Wohlgefühl“ verspürt, es sei auch die erste Einrichtung gewesen, die wissen wollte, was für Ben wichtig ist und nicht, was die Eltern als wichtig ansehen, stellt die junge Frau heraus. Auch seine Auffälligkeiten hätten – wie in anderen Einrichtungen –  nicht abgeschreckt, weil dies nichts Ungewohntes für die Fachkräfte sei. Und der Umgang mit den Kindern sei ein sehr liebevoller, schildert Annalena ihre Eindrücke. Zur Begrüßung sei Bens Zimmertür mit Luftballons geschmückt gewesen und sein Name stand an der Tür. Auch dem Jungen habe es gut gefallen, vor allem die vielen Küchen im Haus und die Restaurants an der Straße, die man im Vorbeifahren sah, denn Ben, obwohl er so schmächtig ist, isst für sein Leben gerne. Außerdem habe er sehr schnell mit einem anderen Kind gespielt und viel Spaß bei einer Schneeballschlacht gehabt, erzählt Annalena von glücklichen Momenten, in denen selbst der ansonsten meist ernst dreinblickende Junge strahlende Augen hatte und lachte. Sie hat ein Foto davon geschossen. Sie wird mit ihm telefonieren und ihn später auch besuchen, wenn er sich erst einmal eingelebt hat.

Neue Perspektive

Obwohl sie und ihr Mann den kleinen Ben nun in guten Händen wissen, sei es in der ersten Nacht „sehr komisch“ gewesen: Sie habe kaum geschlafen und sich leer gefühlt“. Die Unterbringung des Sorgenkinds bedeutet nun auch für die Familie, die kurz vor Weihnachten aufgrund der enormen Belastungen zu zerbrechen drohte, eine ganz neue Perspektive. Annalena, die zwei eigene Kinder im Alter von neun und vier Jahren hat, eines davon mit Bens Vater, hofft, dass sich nun auch alles Weitere zum Guten wendet und die anderen Baustellen, die der Familie noch Kummer bereiten, behoben werden können. Vor allem aber hofft sie jetzt erst einmal auf ein „ganz normales Familienleben“, das bisher nicht möglich war.

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Erstellt:
15. Februar 2020, 12:31 Uhr
Lesedauer:
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