Neumeiers „Ghost Light“: Corona-Ballett mit viel Gefühl

Baden-Baden (cl) – Gefühlsbetont und mitreißend: Neumeiers Corona-Ballett „Ghost Light“ hat die Festspielhaus-Saison eröffnet. Pas de deux aus früheren Stücken und Standards sind virtuos verwoben.

Individuelle Klasse und besondere Sprunggewalt: Das Hamburg Ballett – hier der Nijinsky-Darsteller Alexandre Riabko – ist  in Neumeiers Corona-Tanzstück auch unter Einhaltung der Abstandsregeln im Fluss.  Foto: Kiran West/Hamburg Ballett

© pr

Individuelle Klasse und besondere Sprunggewalt: Das Hamburg Ballett – hier der Nijinsky-Darsteller Alexandre Riabko – ist in Neumeiers Corona-Tanzstück auch unter Einhaltung der Abstandsregeln im Fluss. Foto: Kiran West/Hamburg Ballett

Eine leuchtende Glühbirne auf hohem Ständer mitten auf halbdunkler Festspielhausbühne hat den Auftakt der neuen Saison wie eine Mahnwache nach siebenmonatiger Corona-Zwangspause begleitet. Das traditionelle Herbst-Gastspiel des Hamburg Balletts in Baden-Baden läuft naturgemäß in diesen Pandemie-Zeiten nicht wie gewohnt ab: Nur 500 Zuschauer wurden auf die 2 500 Plätze mit Riesenabständen in einer Art Schachbrettmuster verteilt, wodurch Deutschlands größtes Opernhaus an diesem Abend zwar recht leer wirkt – aber der enorme Zuspruch des Publikums für die Künstler erfüllt nicht erst beim enthusiastischen Schlussapplaus intensiv spürbar das Haus bis obenhin.
Das Ballettfieber – am Eingang wird bei jedem Gast noch als vorbeugende Sicherheitsmaßnahme vor etwaiger Corona-Ansteckung digital Temperatur gemessen – ist gleich „hochansteckend“, wenn auch nicht gefährlich. Endlich wieder Bühnenkunst – schien die Botschaft dieses gefühlsbetonten Abends zu sein.
Die beiden ursprünglich geplanten, nicht coronatauglichen Choreografien „Kameliendame“ und „Nachtstücke“ von John Neumeier sind durch sein „Ghost Light – Ein Ballett in Corona-Zeiten“ ersetzt worden. Der Altmeister des neoklassischen Balletts zeigt hier vor allem die emotionalen Seiten der im Frühjahr auferlegten Pflichtpause im Ballettsaal und, dass Ballett unter Abstandsregeln funktionieren kann. Der virtuose Arrangeur von Ensembleszenen hat auch das vergleichsweise luftig auftretende Corps de ballet flott ins Konzept eingebunden.

Kein roter Faden, aber viele Zitate aus früheren Balletten

Mit dem „Geisterlicht“ knüpft der US-Choreograf an die althergebrachte Theater-Tradition seiner Heimat an, wo nach jeder Aufführung die ganze Nacht über ein einziges Licht mitten auf der Bühne brennt, bis zur Probe am nächsten Tag, um den Theatergeistern (so der Aberglaube), die Gelegenheit zum eigenen Spiel zu geben, sobald die Lebenden die Szene verlassen haben. Bei Neumeier geistern Figuren der eigenen Ballettgeschichte über die Bühne. Der Geschichtenerzähler des Balletts spinnt im Corona-Stück aber keinen roten Faden, abgesehen von Zitaten früherer Arbeiten, die einst auch in Baden-Baden zu sehen waren.Wie sehr ihn dieser Wiedereinstieg – seit 11. Mai in Proben zur Neueinstudierung – immer noch berührt, vermittelt Hamburgs Ballettchef, in dem er überraschend vor der Aufführung auf die Festspielhausbühne tritt, um die „Ernsthaftigkeit, Disziplin und absolute Hingabe“ seiner Tänzer zu schildern, die in Kleinstgruppen die schwierige Probenzeit für „Ghost Light“ getragen hätten: „Es wollte und es musste gemacht werden“, sagt Neumeier noch mit tränenerstickter Stimme zum Publikum. In der Hamburger Staatsoper brannte das „Geisterlicht“ fast ein halbes Jahr über: Ab Januar bis zur Uraufführung von „Ghost Light“ Anfang September gab es keinen Auftritt mehr.
Es beginnt im Festspielhaus mit Hamburgs Primaballerina Anna Laudere als Kameliendame, die über die leere Bühne irrt, bis ihr Geliebter (Edvin Revazov) sie in betörender Bewegungsschönheit tröstend umarmt. Die Kostüme in „Ghost Light“ stammen auch aus „Nussknacker“, „Anna Karenina“, den Beethoven-Variationen, in denen der sprunggewaltige Aleix Martinez schon im Herbst 2019 glänzte und auch aus „Nijinsky“, in dessen Seelennöte Alexandre Riabko einmal mehr ausdrucksstark eintaucht.
Es erstaunt, dass im Hamburg Ballett so viele miteinander liierte Paare tanzen. Das ermöglicht Neumeier, in „Ghost Light“ Pas de deux einzuweben mit hinreißenden, komplizierten Hebefiguren. Ansonsten sind in den vielfältigen tänzerischen Standards, die das exzellente Hamburger Ensemble perfekt beherrscht, Schmerz, schier verrückt machende Einsamkeit und Tod, aber auch Anmut und Liebe hingebungsvoll dargestellt.
Neumeier verzahnt die Auf- und Abgänge wie aus einem Guss, das Tempo der Szenenwechsel ist hoch. Atmosphärisch dicht gesetztes Licht sorgt für Suspense. Alles in „Ghost Light“ ist ästhetisch gelöst. Der französische Pianist David Fray hat das außergewöhnliche Ballett mit seiner feinsinnigen Interpretation der poetisch-elegischen Klavierbearbeitungen der Schubert-Sinfonien untermalt. Morgen endet das Gastspiel mit der Ballett-Werkstatt vormittags und der letzten „Ghost Light“-Aufführung.

Zum Artikel

Erstellt:
10. Oktober 2020, 07:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 52sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.