Neumeiers Tanzherbst mit Hamburg Ballett gestartet

Baden-Baden (cl) – Mit poetischer Endzeitstimmung in den Tanzherbst: John Neumeiers Baden-Badener Festival startet mit seinem „Tod in Venedig“ und Béjarts Zwei-Personen-Stück „L’Heure Exquise“.

Berührende Liebesgeschichte: Alessandra Ferri und Carsten Jung im Béjart-Tanzstück „LHeure Exquise“ im Theater Baden-Baden.  Foto: Kiran West

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Berührende Liebesgeschichte: Alessandra Ferri und Carsten Jung im Béjart-Tanzstück „LHeure Exquise“ im Theater Baden-Baden. Foto: Kiran West

Mit Béjarts Zwei-Personen-Ballett zu Becketts „Glückliche Tage“ und mit John Neumeiers „Tod in Venedig“ hat das Festspielhaus Baden-Baden die neuen John-Neumeier-Festspiele gestartet. Mit einem literarischen Ballett-Programm, über das in Zeiten der Pandemie eine poetische Endzeitstimmung schwebte, hat nicht nur das Hamburg Ballett einen Vorgeschmack auf ein künftiges, potenziell bis zu dreiwöchig angelegtes Ballettfestival gegeben, wie John Neumeier im BT-Interview sagte, sondern auch gezeigt, dass andere von Neumeier ausgesuchte Tanzcompagnien an verschiedenen Orten der Stadt den Baden-Badener Herbst mit Tanz erfüllen werden.

Im intimen Rahmen des Theaters gelang zum Einstieg eine Parabel auf Alter, Lebensleistung und Lebensträume mit zwei ehedem spektakulären und jetzt immer noch spitzen Tänzern: Die Mailänder Primaballerina Alessandra Ferri, ehemals Star des Royal Ballet in London, die mit über 50 ihre Karriere als Tänzerin fortsetzt, und Carsten Jung, früherer erster Solist des Hamburg Balletts, haben in „L’Heure Exquise“ von Maurice Béjart eine eindringliche Neuinterpretation von Samuel Becketts Nachkriegsstück „Glückliche Tage“ gegeben – ein reifes Alterswerk (in zwei Vorstellungen), das man so von Künstlern eigentlich eher von der bildenden Kunst, der Literatur her kennt oder von Choreografen – und das jetzt offenbar auch im professionellen Tanz mit Tanztheater- Anleihen einiges verspricht.

Inmitten eines Berges aus vertanzten Ballettschläppchen, der die Hälfte der Bühne vereinnahmt, steckt eine einstige Primaballerina mit entrücktem Lächeln fest. Die weiß-golden schimmernden Schuhe rufen Erinnerungen hervor an glorreiche Ballett-Zeiten, an hartes Training und hohe Kunst. Wie die Winnie bei Beckett, die in einem Erdhügel hüfttief festsaß, packt die gealterte Ballerina ihre Schminkutensilien der Reihe nach aus der Handtasche aus, sinniert über vergangene Zeiten, verfällt immer wieder in Trauer, während ihr Mann Willie mit letzter Kraft, fein hergerichtet, ins Blickfeld rückt.

Tanztheater-Träumerei eines zauberhaften Zirkus

Aber während im Schauspiel die Verlorenheit der Figuren und ihre Degeneriertheit fast unerträglich erscheinen, erhält das ursprüngliche Schauspiel im Béjart-Ballett eine ganz neue hoffnungsvolle Wendung. In die düsteren Variationen von Becketts Endzeitstimmung mischt sich hier mit den Mitteln des Tragik-Komischen die Leichtigkeit und Träumerei eines zauberhaften Zirkus‘. Die italienische Tänzerin und der deutsche Tänzer erschaffen in diesem pantomimischen Tanztheater gestenreich und versöhnlich eine poetische Welt schöner Erinnerungen an eine große Karriere und eine kleine große Liebe, die man im Herzen trägt und mit der Rose in der Hand feiert. Alessandra Ferri, eine zarte, traumwandlerische Ballerina, und der kraftvolle Tänzer Carsten Jung werfen sich ansprechend und anmutig zur Musik-Mixtur von Webern, Mozart, Lehar bis zum Musical in diese poetische Liebesgeschichte hinein, die – „Er“ mit Melone und breitem Grinsen – auch den Charme eines Clownstheaters hat. Am Ende trotzt „Sie“, wieder gefangen in ihrem Kegel aus Ballettschuhen mit ihrem toten Gefährten zu Füßen, in einem französischen Liebeslied schwelgend den widrigen Schicksalsschlägen. So als könnte aus einem melancholischen Chanson neue Hoffnung entstehen.

Neumeier-Ballett „Tod in Venedig“ leicht modernisiert

Am Abend folgte Neumeiers vor bald 20 Jahren in Baden-Baden zur Premierenreife gebrachtes Handlungsballett „Tod in Venedig“ nach Thomas Manns berühmter Novelle – ein Totentanz, den der US-Choreograf als ein Work in Progress begreift. Nun hat er die im ersten Teil variationsreich Aschenbach porträtierende Choreografie weiterentwickelt, gestrafft und auch optisch leicht modernisiert mit Fotostrecken seines gefeierten Protagonisten und sanft wogendem Wellengang vor der Lagune von Venedig, mit harten Gitarrenriffs zur wilden Party-Orgie der feiernden Gesellschaft am Lido, während sich in dieses ausgelassene Untergangsszenario – sinnigerweise – die Maskenträger der Corona-Pandemie mischen.

Gustav von Aschenbach ist bei Neumeier ein Choreograf auf dem Höhepunkt seines Ruhms, ausgelaugt und in der Schaffenskrise. Sein neues Ballett über Friedrich den Großen will nicht gelingen. Mit abgehackten Bewegungen kämpft er mit dem Stoff und versucht seinen Tänzern die Schritte aufzuzwingen, lässt sich dabei selbst einbinden in ihre Pas de deux und verwirft alles wieder ungnädig. Neumeier gibt dabei seiner Compagnie in schön angedeuteten Ensembleszenen viel Raum.

Dabei deutet er Thomas Manns Auseinandersetzung mit dem Künstlerthema, dem Streben nach Maß und dem Gefährdetsein durch den Rausch der Emotion, in diesen ersten Szenen zu Bachs Musik an. Sie steht für das Ringen mit mathematischer Ordnung und Klarheit, was zunehmend misslingt. Christopher Evans, mit Brille und grauem Kurzhaarschnitt, gibt in der Vorstellung am Samstagabend Neumeiers Aschenbach etwas von einem weltfremden Mathematikprofessor. Seine Bewegungen werden fahriger, immer mehr gerät er außer sich: Seine Haltung und seine Schaffenskraft entgleiten ihm. Evans wandelt sich vom fast steifen, unnahbaren, ungehaltenen Künstler zu einem anrührenden Gepeinigten. Entrückt, verzweifelt Halt suchend bricht er auf zu seiner letzten Reise ins versäumte Leben auf und zurück zu sich selbst.

Eindringlicher Auftakt mit John Neumeiers „Tod in Venedig“ im Festspielhaus: Der ersehnte Pas de deux mit Tadzio (Atte Kilpinen, rechts) ist für Aschenbach (Christopher Evans) ein Ringen mit dem Tod.  Foto: Kiran West

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Eindringlicher Auftakt mit John Neumeiers „Tod in Venedig“ im Festspielhaus: Der ersehnte Pas de deux mit Tadzio (Atte Kilpinen, rechts) ist für Aschenbach (Christopher Evans) ein Ringen mit dem Tod. Foto: Kiran West

Venedig, die heitere Ausgelassenheit des Strandlebens und der Tod beherrschen den zweiten Teil des Balletts. Klänge aus Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ (das berühmte Thema: Isoldes Liebestod) bis hin Jethro Tulls „Bourée“, das ein Thema von Johann Sebastian Bach zur Rockmusik variiert, unterstreichen die heftigen Emotionen, das Orgiastische gipfelt in Feiern bis zum Untergang. Memento-mori-Motive mit schwarz maskierten Totengräbern, die auf langen Tüchern die Opfer der Epidemie hinter sich herziehen, sind wiederum eindrücklich eingesetzt – so dezimiert sich die ausgelassen feiernde Gesellschaft immer mehr auf gespenstische Weise.

Manns realistischer Erzählteil erweitert Neumeier mit vielen Leitmotiven, voller berückender choreografischer Einfälle, intellektuell, gespickt mit literarischen Motiven. Der berühmte Wanderer, der Aschenbach zur Reise bewegt, wird als leitmotivische Doppel-Figur an den Wendepunkten von Aschenbachs Leben weitergeführt: als dämonische Friseure, dionysisches Tanzpaar und Rock-Gitarristen bei der Party am Strand. Schon in der Ballettfigur des Preußenkönigs, ausgelassen getanzt von Jacopo Bellussi, deutet Neumeier, da noch auf sehr intellektueller Ebene, die homoerotische Anziehungskraft, die Aschenbach zunehmend plagt, an. In Venedig wird er diesem „Typ“ wiederbegegnen.

Auf die feine Gesellschaft am Lido reagiert Evans‘ Aschenbach wie in Trance, als wäre sie nur ein Fiebertraum. In der Begegnung mit dem schönen Jungen Tadzio entgleitet Aschenbach die Realität zunehmend. Der blonde finnische Tänzer Atte Kilpinen verkörpert ihn als heiteren Buben, der noch nichts von seiner erotischen Ausstrahlung weiß und zwischen all den ungestümen Jungen am Strand und den breiten Raum einnehmenden Ballspiel dennoch herausragt. Der Höhepunkt der Begegnung von Aschenbach und Tadzio ist zugleich der ergreifendste Moment des Balletts: Ein mehr am Ballspiel interessierter, geistesabwesend wirkender Jüngling reißt den emotional abhängigen älteren Mann in seinen kraftvollen Bewegungen mehr mit, als dass er ihm zugeneigt erscheint. Der ersehnte Pas de deux ist für Aschenbach ein Ringen mit dem Tod, „Isoldes Liebestod“ von Wagner unterlegt die Schlussszene. Für Tadzio war es nur ein kindliches Spiel, für Aschenbach die bittere Wahrheit. Am Arm des kräftigen Jungen sinkt der bereits infizierte Choreograf in den Sand. Der Künstler ist am „Verheißungsvoll-Ungeheuren“, wie es bei Thomas Mann heißt, gescheitert.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
4. Oktober 2021, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 29sec

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