Neusatzer Kirche muss renoviert werden

Bühl (fvo) – Bei der Jugendstil-Kirche in Neusatz herrscht dringender Sanierungsbedarf. Umso mehr, als Wasser via Regenrinne ins Gemäuer tritt. Die Gesamtkosten betragen rund eine Million Euro.

Unschöne Spuren: Durch den Wassereintritt ins Gemäuer sind auch Ornamente in den Jochbögen in Mitleidenschaft gezogen worden.  Foto: Franz Vollmer

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Unschöne Spuren: Durch den Wassereintritt ins Gemäuer sind auch Ornamente in den Jochbögen in Mitleidenschaft gezogen worden. Foto: Franz Vollmer

Massive Optik, verwitterte Oberfläche, herbe Ausstrahlung: Man sieht es den klotzigen Granitquadern der Karl-Borromäus-Kirche in Neusatz von außen leider nicht an, welche lichte, milde und warme Atmosphäre der 1913 errichtete Jugendstil-Bau im Innern verströmt. Noch weniger zu erkennen ist allerdings, dass das Gebäude im oberen Bereich – mit Verlaub gesagt – nicht ganz dicht ist. Zumindest nicht wasserdicht.
„Hauptproblem ist, dass Feuchtigkeit ins Gewölbe eindrang und ab und zu vermutlich noch immer eindringt“, erklären Bettina Kist und Alexia Dürr vom Stiftungsrat, was Architekt Alfons Burkart präzisiert: „Die Regenrinnen sind außen an einigen Stellen höher als innen, dadurch läuft bei Starkregen Wasser ins Mauerwerk“, erklärt der Kirchensanierungsexperte. Und das auf beiden Flanken der von romanischer Wucht und Schlichtheit gekennzeichneten Kirche.

Mit der Konsequenz, dass das Mauerwerk im Seitenschiff durchfeuchtet wird und im Innern für sogenannte Salzausblühungen sorgt – immerhin ohne Folgen für die malerische Substanz: Die originalen Ornamente in den Jochbögen sind nicht irreparabel beschädigt. Der Grauschleier zeigt aber dringenden Handlungsbedarf. Zumal das Bibbern bei jedem Starkregen auch kein Spaß ist.

Eine provisorische Reparatur der 12,50 Meter langen Wasserrinnen mache indes wenig Sinn, „mehr als Laub entfernen ist derzeit nicht machbar“, betont Burkart. Für die Kirche war das Ganze Anlass, die ohnehin seit Längerem anstehende Renovierung in Angriff zu nehmen. „Beide Bauabschnitte sind bereits vom Ordinariat genehmigt zu insgesamt 950.000 Euro“, wie Kist erklärt.

„Das Dach hat absolute Priorität“

Der Antrag an sich wurde schon 2018 eingereicht. Die Stiftungsrätin selbst hat als Maximalsumme eine Million Euro im Visier. Eine Summe, die von der Kirchengemeinde, sprich Seelsorgeeinheit Ottersweier Maria Linden, nicht im Alleingang zu stemmen ist. Weshalb die Gesamtsanierung in zwei Schritte aufgeteilt wird.

„Das Dach hat jetzt absolute Priorität“, betont Kist. Ziel wird sein, erstmal den weiteren Eintritt von Wasser zu verhindern. Danach wird man, wenn schon das Gerüst steht, das Dach gleich mitmachen – vom Blitzschutz bis hin zu maroden Biberschwanzziegeln. Hinzukommen schadhafte Stellen an der Fassade.

An Kosten für die erste Großoperation im Außenbereich rechnet Kist mit 600.000 Euro. Die Innensanierung sollte bei maximal 400.000 Euro liegen. Doch auch dort wird, von Altar bis zur Orgel, genug zu tun sein, zumal sich auch dort die Feuchtigkeit eingenistet hat, von Schimmelbildung ganz zu schweigen. Während dieser Zeit werde die Kirche nicht benutzbar sein, so Kist.

Und die Substanzprobleme beim Gotteshaus der Neusatzer Katholiken gehen eigentlich noch weiter, springen einen nämlich schon weiter unten, bei der zweigeteilten steilen Treppe ins Auge. Sie hat man, um die Kosten nichts völlig ins Uferlose wachsen zu lassen, aus der Sanierung rausgenommen. „Wir haben uns entschieden, dass wir die Treppe so lassen“, sagt Kist. Beim linken Aufgang wird man sich mit Fugenausbesserungen begnügen. Kostenpunkt 3.000 Euro. Im Komplettfall wären noch zwei Nullen hinzugekommen. Beim rechten, parallel zur Rampe verlaufenden Aufgang ist es mit Ausbesserung nicht mehr getan. Er ist bereits gesperrt und soll das auch bleiben. „In manchen Stufen sind richtige Spalten drin, auch treten Steine aus dem Mauerwerk heraus“, schildert Dürr. „Aber wir haben ja noch den ebenerdigen Weg von Osten und somit genug Zugänge zur Kirche.“

Bei den in Mitleidenschaft gezogenen Deckenornamenten im Joch des Seitenschiffs wurden derweil restaurative Voruntersuchungen durchgeführt, sodass man nun die schadhafte und die reparierte Variante im Direktvergleich nebeneinander hat.

Als geeignetes Verfahren hat sich laut Burkart eine Art Schwämmchen-Technik erwiesen. Hier werden die Salzablagerungen mittels Kompressen aus der Wand gezogen und im Labor ausgewertet – auch mit Aufschlüssen darüber, welche Farben 1913 verwendet wurden.

„Das Wahrzeichen von Neusatz“

Das Finanzkonzept steht jedenfalls: Neben Zuschüssen aus dem Ausgleichsstock des Erzbistums (280.000 Euro) gibt es einen Kredit aus dem Darlehensfond über 300.000 Euro, bei dem die Gemeinde nur 60 Prozent plus Zinsen an die Erzdiözese zurückzahlen muss. Darüber hinaus sind Zuschüsse vom Landesdenkmalamt und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zu erwarten. Und womöglich steuert auch Stadt Bühl noch ein Scherflein bei. Letzter Anker ist der Griff in die mit 200.000Euro bestückten Rücklagen, die man aber behutsam anknabbern will.

Im Idealfall könnte man im Januar an die Ausschreibung gehen und im Frühjahr 2021 loslegen. Was noch fehlt, ist das grüne Licht des Denkmalamts und Spenden, die die verbleibende Lücke auffangen sollen. Um diesen Bemühungen die nötigen Flügel zu verleihen, hat Dürr ein Fundraising-Projekt gestartet. Anfang Dezember finden zwei Workshops für das noch zu bildende Kleinteam statt, mit Beratung durch das Ordinariat, wie man ein solches Spendenprojekt auf die Beine stellt. An der Bedeutung des Gebäudes besteht für Kist jedenfalls kein Zweifel, daran ändert auch die jährlich schwindende Zahl an Kirchgängern nichts. „Für uns ist die Kirche ein bedeutender Bau, ein Kulturdenkmal und nicht zuletzt das Wahrzeichen von Neusatz“, so Kist: „Das muss uns der Einsatz wert sein.“ Es klingt nach Sisyphusarbeit, aber auch nach einer Menge Zuversicht, dass man lediglich beim Material auf Granit beißt.

Wer interessiert ist an der Mitarbeit (auch beim Fundraising) oder spenden möchte, kann sich bei Alexia Dürr unter (07223) 40187 oder per Mail an alexia.duerr@gmail.com melden.

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Erstellt:
20. November 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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