Neuweierer Arztpraxis öffnet Türen fürs Impfen

Baden-Baden (cn) – Zwei Mediziner aus Neuweier wollen möglichst schnell sehr viele Personen mit Schutz gegen das Coronavirus versorgen. Am Samstag hatten sie die Praxis für Impftermine geöffnet.

Dr. Anna Christina Servera verabreicht Jürgen Dresel die dritte Impfung gegen Corona. Foto: Christina Nickweiler

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Dr. Anna Christina Servera verabreicht Jürgen Dresel die dritte Impfung gegen Corona. Foto: Christina Nickweiler

Samstag, frühmorgens in der Ortsmitte von Neuweier: Während viele Berufstätige den Morgen vielleicht zum Ausschlafen nutzen, stehen Annette Dresel und ihr Mann Jürgen Dresel vor der Hausarztpraxis von Dr. Gert Scheumann. Sie haben einen Termin für die dritte Impfung gegen die Covid-19-Infektion. In Neuweier ist das möglich, was nach dem Auflösen der Kreisimpfzentren samt Infrastruktur vor wenigen Wochen, jetzt nur zögerlich wieder in die Gänge kommt – ein zügiger Impftermin ohne Wartezeit.

Zwar will die Stadt weitere Impfaktionen organisieren, doch bis Mitte Dezember sind alle zunächst angesetzten Termine restlos ausgebucht, heißt es im amtlichen Mitteilungsblatt der Verwaltung von vergangener Woche. Der Mediziner aus dem Rebland weiß, dass er in einer Phase, in der das Virus für rasant steigende Erkrankungen sorgt, nicht der einzige Hausarzt im Stadtkreis ist, der solch zusätzliche Impfaktionen in den Praxen organisiert.

Für Gert Scheumann und seine Tochter Dr. Anna Christina Servera, die seit Mitte des Jahres in der Praxis mitarbeitet, drängt aber die Zeit. Es sollen möglichst schnell sehr viele Personen geimpft werden, ist für die beiden Ärzte die oberste Maxime in der momentan kritischen Situation. „Was wir Hausärzte seit Wochen gegen die Corona-Infektion machen, läuft nebenher. Das ist alles selbstverständlich“, möchte Scheumann für seine niedergelassenen Kollegen eine Lanze brechen. „Wir stehen an vorderster Front“, sagt er im Gespräch mit dem BT.

„Selbstverständlich betrachte ich als Arzt alle Arbeiten rund um die Covid-19-Infektion als hausärztliche Tätigkeit“, betont Gert Scheumann. Hierzu gehören Abstriche für den PCR-Coronatest nehmen, das Impfen und die Behandlung von Patienten, die mit dem Virus erkrankt sind. „Wir impfen täglich zwischen 20 bis 25 Personen gegen Covid-19“, schildert der Mediziner.

Weitere Termine am Mittwoch und kommenden Samstag

Corona im Praxisalltag zu bewältigen, bedeute weniger Zeit für die regulären Patientengespräche zu haben, hat Anna Christina Servera festgestellt. „Von morgens acht Uhr bis 13 Uhr läutet ständig das Telefon, und das schon, seit die Pandemie angefangen hat“, berichtet Ellen Boos an der Rezeption. Die Patienten haben viele Fragen rund um das Thema Corona.

Dennoch läuft in der Praxis jeder Arbeitsgang wie in einem fein abgestimmten Uhrwerk. Fünf Arzthelferinnen stemmen den gesamten Verwaltungsaufwand mit der Corona-Impfung samt digitaler Meldung an die Landesbehörden sowie digitalem Impfpass.

Auch assistieren sie den beiden Ärzten bei Behandlungen. Deswegen kam Anna Christina Servera vor wenigen Tagen die Idee, die Praxis spontan auch samstags zu öffnen, um das große Interesse an den Impfungen abzufangen. 100 Impfungen sind an diesem Vormittag geplant. Weitere zusätzliche Tage am Mittwoch und kommenden Samstag sollen folgen, kündigt die Ärztin an.

Dr. Gert Scheumann beim Organisieren des Impfaktionstags in der Praxis in Neuweier. Foto: Christina Nickweiler

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Dr. Gert Scheumann beim Organisieren des Impfaktionstags in der Praxis in Neuweier. Foto: Christina Nickweiler

Gert Scheumann spricht derweil über seine eigenen Erfahrungen im Praxisbetrieb: „Die Zweitimpfung gibt nicht den Schutz, den wir erwartet haben. Von rund sechs an Corona erkrankten Patienten hat rund die Hälfte eine Zweitimpfung. Diese Patienten werden zwar nicht schwer krank, aber so kriegt man die Pandemie nicht in den Griff. Denn die Zweitgeimpften sind infektiös und stecken andere Leute an.“ Damit das Ansteckungsrisiko abnehme, sei es neuerdings im Ermessen des Arztes, früher als sechs Monate mit der dritten Impfung aufzufrischen. „Die dritte Impfung scheint doch mehr Antikörper zu produzieren, als die Zweite“, vermutet der Mediziner. Für Gert Scheumann ist klar: „In den Medien ist das bisher so gar nicht wiedergegeben worden, wie wir es in der Praxis erfahren.“

Inzwischen sitzt auch Jürgen Dresel im Behandlungszimmer und hat seinen linken Oberarm freigemacht. Noch bevor er seinen Kopf zur Ärztin dreht, hat diese die Einstichstelle desinfiziert und den Impfstoff verabreicht. „So, das war’s“, verabschiedet sie das Ehepaar Dresel. „Die Patienten sind so dankbar über das zusätzliche Angebot“, freut sich die junge Medizinerin.

Viele Junge kommen zum Impfen

Apropos jung, Gert Scheumann hat eine interessante Erfahrung gemacht: Vor allem junge Leute würden die „Praxis fluten“. „Die Klientel ist eine ganz andere. Es kommen junge Menschen, die haben wir vorher nicht gekannt. Die Schwellenangst in eine Arztpraxis zu gehen, hat sich gewandelt“, berichtet der langjährige Hausarzt.

Die Erkenntnis bei jedem Einzelnen, dass man sich um seine Gesundheit kümmern müsse, sei etwas Positives und ein Schritt hin zur Gesundheitserziehung.

So steht am Empfang der Arztpraxis ein Mittzwanziger aus Bühlertal, der die Impfaktion in Neuweier für seine Erstimpfung nutzt. Am Ende des Aktionstages haben von den 84 Praxisbesuchern rund 18 Prozent die erste Impfung erhalten.

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Erstellt:
22. November 2021, 14:00 Uhr
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