New-Pop-Festival abgesagt: „Das tut uns im Herzen weh“

Baden-Baden (mb) – Zum zweiten Mal musste SWR3 das New-Pop-Festival absagen, das vom 17. bis 19. September in Baden-Baden stattfinden sollte. 2001 waren die Anschläge vom 11. September der Grund, in diesem Jahr ist es das Coronavirus.

Im BT-Interview: Thomas Jung (links) und Gregor Friedel. Foto: Nadine Fissl/BT

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Im BT-Interview: Thomas Jung (links) und Gregor Friedel. Foto: Nadine Fissl/BT

Über die Gründe für die Absage und die Auswirkungen der Pandemie auf die Musikszene sprachen BT-Redakteur Michael Brenner und BT-Volontärin Nadine Fissl mit SWR-3-Programmchef Thomas Jung und Festivalleiter Gregor Friedel.

BT: Herr Jung, die Absage des New-Pop-Festivals überrascht kaum, eher der Zeitpunkt. Warum haben Sie bis jetzt gewartet, nachdem andere Veranstaltungen im Herbst – wie das Oktoberfest – schon viel früher abgesagt wurden?

Thomas Jung: Weil uns dieses Baby so wichtig ist und so viele Menschen und Fans da dranhängen, dass wir warten wollten. Wir hatten immer die Hoffnung, dass vielleicht das New-Pop-Festival das erste Festival in 2020 ist, das tatsächlich an den Start gehen kann. Wir haben uns wochen- und monatelang damit befasst. Als wir aber merkten, wie langsam die Politik in ihren Entscheidungen ist – zurecht, denn keiner weiß so richtig, wie er mit der Krise umgehen soll –, und als sich abzeichnete, dass die Menschen im Sommer in Urlaubsländer reisen werden, haben wir die Entscheidung getroffen. Wir wollen zum Beispiel nicht, dass das Festival in Baden-Baden das neue Ischgl wird und ein Urlaubsrückkehrer als Super-Spreader auftritt. Jetzt war der Moment gekommen, dass wir sagen mussten: Wir können es nicht riskieren – mit Blick auf die Fans, auf die Künstler und die Mitarbeiter, denn das Risiko einer zweiten Welle besteht.

Gregor Friedel: Genau. Niemand kann einschätzen, was passieren wird: wir nicht, die Virologen nicht und die Infektiologen auch nicht. Wir haben’s wirklich lange probiert. Ich habe auch mit vielen Bands gesprochen und sie gefragt: „Reist ihr?“ Nicht „dürft ihr reisen?“, sondern „wollt ihr reisen?“

BT: Waren die Bands bereit, nach Baden-Baden zu kommen?

Friedel: Von manchen bekommt man überhaupt keine Rückmeldung, andere antworten: „Ich kann dir das jetzt noch nicht sagen.“ Die können das vielleicht im August sagen, was für uns aber zu spät ist. Dabei geht es auch um die politische Situation: Muss ich in Quarantäne, wenn ich einreise? Kann ich im Zusammenhang mit dem Festival in Europa eine Tour machen durch verschiedene Länder? Und die Vorstellung, dass wir das jetzt alles vorbereiten und dann Ende August den Stecker ziehen müssen – dass wir also sehenden Auges da hineinrennen –, das können wir nicht verantworten.

BT: Wie weit waren die Planungen mit den Bands?

Friedel: Die erste Band für das New Pop dieses Jahr habe ich mir im Januar 2018 angeschaut. Wir reden also von einem Vorlauf von teilweise zwei Jahren. In der Regel schauen wir, dass wir Ende Mai alles unter Dach und Fach haben. Wir waren in engem Austausch mit den Künstlern und haben auch Bestätigungen rausgeschickt. Wir haben lange daran gearbeitet in der Hoffnung, dass wir es doch veranstalten können – aber in der Form, wie wir es uns vorstellen. Wir wollen keine Corona-Edition oder wie es Thomas immer so schön sagt: Wir wollen kein New-Pople. Allerdings: Hätten wir überraschenderweise doch spielen dürfen und dann keine Kapellen gehabt, hätte ich drei Jahre nicht mehr schlafen können. Allein deswegen haben wir so lange daran weitergearbeitet.

Jung: Es tut uns im Herzen weh, dieses Festival abzusagen, denn wir hängen daran. Wir mussten es schon mal absagen nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Wir hatten im vergangenen Jahr das Jubiläumsfestival und wollten die Edition 2020 auch wieder toll aufsetzen. Aber irgendwann ist es so weit, dass man sagen muss: Jetzt ist Schluss.

„Für manche Musiker eine sehr harte Zeit“

BT: Hat die Absage eine finanzielle Dimension für den SWR?

Jung: Nein, das war auch ein Grund: verantwortungsvoller Umgang mit den Rundfunkabgaben. Es war klar, dass wir spätestens dann entscheiden müssen, wenn es den ersten Euro kostet. Und das wäre jetzt der Moment gewesen, wo es durch die Beauftragung von allem – Bühne, Licht et cetera – in einen verbindlichen Finanzaufwand übergegangen wäre.

Friedel: Ich habe immer gedacht: Vielleicht schaffen wir’s, dass das New-Pop-Festival 2020 das erste Festival nach der ausgefallenen Saison wird. Ich bin mir nun nicht mehr sicher, ob das New-Pop-Festival nicht vielleicht das erste Festival nach der ausgefallenen Saison 2021 sein wird. Wir haben hier eine Infrastruktur, ein Festival in der Stadt, und wir reden nicht – wie bei anderen Großveranstaltungen – von 50.000 Leuten in Zelten, von Dixi-Klos und kein Händewaschen. Ich glaube zwar nicht, dass wir 2025 mit Mundschutz und Plexiglasscheiben auf Konzerten stehen, sondern ich erwarte, dass sich alles irgendwann wieder normalisieren wird. Aber zu denken, dass dieses Corona-Thema mit diesem Jahr erledigt ist, wäre falsch. Das hat natürlich schwere Auswirkungen für die Musiker. Man stelle sich vor: Wir haben das Kurhaus mit einer Kapazität von 2.000 Leuten – und wir dürfen nur 400 Leute reinlassen, mit Abstandsregeln und aufgemalten Kreisen. Wir hatten eine Band im Blick, deren Show davon lebt, im Publikum zu sein. Die hätte diese Show nicht spielen können.

Outdoor-Event im September geplant

BT: Glauben Sie, dass Bands wegen Corona verschwinden?

Friedel: Früher haben Bands Geld verdient durch den Verkauf ihrer Schallplatten. Um das zu promoten, sind sie auf Tour gegangen. Heute verdient man mit den Konzerten Geld, mit nichts anderem. Höchstens wenn du Drake bist oder Rihanna, verdienst du auch Geld mit Streaming. Aber es sind das Merchandising und die Live-Auftritte, womit die Musiker ihre Kohle machen. Das kann man nicht kompensieren, indem man 20 Autoradiokonzerte vor 100 Leuten spielt anstatt 20 Konzerte auf einer Tour vor 8000 Leuten. Insofern wird es für manche Musiker eine sehr harte Zeit werden.

Jung: Wobei die Musik da nur ein Teil des Themas ist. Das kann man ausweiten auf Comedians, auf die Kinolandschaft oder auf Clubs. Die ganze Freizeiterlebnisindustrie im Kulturbereich leidet massiv. Was davon am Ende übrig bleibt, wird man sehen.

Friedel: Und es gibt ja auch noch diese Metaebene, an die man im ersten Moment nicht denkt: Wenn du als Band auf Tour gehst, hast du einen Backliner dabei, du hast einen Lichtmann und einen Tonmann – die haben im Moment alle keine Jobs. Auch wie sich die Veranstalterbranche entwickeln wird, ist unklar. Da hängt so viel hinten dran. Bis sich dieser Markt wieder reguliert hat und gesundet ist, wird es lange dauern.

BT: Gab es keine Alternative zur Komplettabsage des Festivals?

Jung: Wir haben intensiv über virtuelle Möglichkeiten diskutiert. Fast alle Künstler haben Wohnzimmerkonzerte gegeben oder aus ihrem Proberaum übertragen. Unser Eindruck ist aber: Das ist endlich. Die Leute werden irgendwann ermüden. Du hast dann jeden gesehen und bei jedem in den Proberaum reingeschaut. Wir glauben nicht, dass im September noch so eine hohe Begehrlichkeit da ist, sich vor einen Rechner zu setzen, um zu gucken, was auf der Bühne im Kurhaus oder im Theater vor leerem Saal passiert. Und ich glaube nicht, dass virtuelle Konzerte eine Zukunft haben.

BT: Gleichzeitig mit der New-Pop-Absage kündigt SWR3 eine Aktion an, an der sich die Menschen erfreuen sollen. Was ist geplant?

Jung: Wir planen etwas, das mit Musik zu tun hat, aber nichts mit New Pop im engeren Sinne. Und nichts Virtuelles. Mehr will ich noch nicht sagen, denn es wäre nicht gut, über eine Idee zu sprechen, deren Umsetzung dann ganz anders kommt. Es bleiben Unwägbarkeiten: Was entscheidet das Land Baden-Württemberg für den Monat September, in dem uns das vorschwebt? Welche Restriktionen haben wir bis dahin? Bleibt es dabei, dass maximal 500 Leute zugelassen sind? Oder sind es sogar weniger, weil die Urlaubsrückkehrer eine neue Corona-Welle ausgelöst haben. Das weiß kein Mensch. Aber wir bereiten etwas vor, und wir haben eine schöne Idee.

Auftritt im Theater 2019: SWR3 will Konzerte mit Atmosphäre und „keine Corona-Edition“. Deshalb findet das New-Pop-Festival in diesem Jahr nicht statt. Foto: Paul Gärtner/SWR

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Auftritt im Theater 2019: SWR3 will Konzerte mit Atmosphäre und „keine Corona-Edition“. Deshalb findet das New-Pop-Festival in diesem Jahr nicht statt. Foto: Paul Gärtner/SWR


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