„Nicht erst wach werden, wenn etwas passiert“

Baden-Baden (kli) – Zwischen Afghanistan und Mali: Was einen Bundeswehrsoldaten aus Niederstetten beschäftigt, der an führender Stelle in dem Hindukusch-Staat im Einsatz war.

Wachwechsel: Ende 2020 löste der Hubschrauber NH90 die bisher eingesetzten CH-53 Hubschrauber in Afghanistan ab. Foto: Bundeswehr

© Bundeswehr/Andre Klimke

Wachwechsel: Ende 2020 löste der Hubschrauber NH90 die bisher eingesetzten CH-53 Hubschrauber in Afghanistan ab. Foto: Bundeswehr

Die Bundeswehr hat sich nach 20 Jahren aus Afghanistan zurückgezogen. Was beschäftigt einen Bundeswehrsoldaten, der an führender Stelle in dem Hindukusch-Staat im Einsatz war? Wie sah sein Alltag im Einsatz aus und wie geht er mit aktuellen Meldungen aus Afghanistan um?

Stefan Freital (Name von der Redaktion geändert) war mit dem Transporthuberregiment 30, das in Niederstetten (Main-Tauber-Kreis) angesiedelt ist, zwei Monate im Afghanistan-Einsatz (siehe Stichwort). Er kam Ende Mai aus dem Lager Marmal in Masar-i-Scharif zurück.

Was war dort sein Auftrag? „Im Routineablauf war jeder Tag gleich, wir hatten 24 Stunden Bereitschaftsdienst, da hat sich kaum ein Tag vom anderen unterschieden. Grundsätzlich ging es darum, unserem Auftrag gerecht zu werden, nämlich die Bereitstellung der Hubschrauber für die militärische Verletztenrettung und die Bereitstellung der Mobilität unserer Trainings- und Beratungsteams“, erzählt Freital dem BT.

„Wir hatten Bereitschaftsdienst, das heißt, haben ständig mindestens zwei Crews bereit gehalten für den Hubschrauber-Einsatz zur Rettung von Verletzten.“ So weit kam es zum Glück nicht. Das Regiment musste während des Einsatzes von Freital keinen einzigen Einsatz fliegen. „Da hatten wir Glück. Man muss für den Einsatz bereit sein, in der Hoffnung, dass es nicht dazu kommt. Und das war in meinen zwei Monaten in Masar der Fall.“

Als Freital zu seinem Dienst im April nach Afghanistan aufbrach, hatte er noch nicht die Aussicht, dass er und seine Kameraden den Einsatz vorzeitig beenden würden. „Wir wussten bei Dienstbeginn nicht, dass wir zu den letzten deutschen Soldaten in Afghanistan gehören werden. Ich wusste zum Beispiel schon, wer mein Nachfolger wird, und wir haben weiter geplant, so wie wir von der Politik den Auftrag hatten, nämlich bis Mitte 2022 dort zu bleiben. Erst durch den US-Abzug wurde auch unser Einsatz frühzeitig beendet. Für uns kam das überraschend, weil wir damit zu dem Zeitpunkt nicht gerechnet haben.“

„Nicht erst wach werden, wenn etwas passiert“

© BT

Klar hatte seine Familie im Frühjahr Angst, als es hieß, Freital fliege an den Hindukusch. Ihm selbst war dabei auch etwas mulmig, räumt er ein. „Wenn man in die Ungewissheit hineinreist, gehört ein bisschen Angst dazu. Bei meiner Rückkehr war ich jedenfalls froh, dass während der Zeit, in der ich unten war, uns allen nichts passiert ist. Ich war erleichtert, dass der Auftrag beendet war.“

Fühlte er sich im Lager Marmal in Masar-i-Scharif sicher? Im Prinzip schon. Aber: „Wir mussten ständig mit Raketen- und Mörserangriffen rechnen. Es bestand auch Gefahr durch mögliche Täter im Lager, das konnte man nie ausschließen. Die Ortskräfte sind zwar überprüft worden, aber man weiß nie, welchen Einflüssen sie unterliegen, jedenfalls kann man Gefahren nicht ausschließen.“ Man sei besonders wachsam und trage seine Waffe ständig bei sich. „Ich habe mich gut vorbereitet gefühlt und hätte zur Waffe greifen können, wenn es denn notwendig gewesen wäre“; berichtet Freital weiter.

Hatten er und seine Kameraden Kontakt zur einheimischen Bevölkerung? Freital verneint. „Wir waren nie zu Fuß oder mit dem Auto außerhalb des Lagers unterwegs und haben deshalb auch nicht mit Einheimischen gesprochen. Wir hatten nur Kontakt zu den Ortskräften innerhalb des Lagers, zum Beispiel zu den Leuten in der Küche, die uns das Essen zubereitet haben. Am Ende meines Aufenthalts hat die Bundeswehr die Visa-Angelegenheiten für die Ortskräfte geregelt, daran waren zwei Kameraden aus meiner Einheit beteiligt.“

Freital zeigt sich überrascht vom plötzlichen öffentlichen Interesse. „Bis zu dem Tag, als festgelegt wurde, dass wir das Land verlassen, hat sich kaum jemand in Deutschland für uns interessiert. Seitdem poppt jeden Tag eine andere Nachricht auf. Plötzlich ist dieses Land wieder interessant. Ich lasse ich mich nicht verrückt machen von jeder Meldung, die da aufschlägt.“

Auf der anderen Seite habe er jetzt natürlich einen Bezug zu dem Land. „Als es hieß, Kundus ist gefallen, hatte ich eine Vorstellung davon. Ich war zwar selbst nie in Kundus, aber ich war in der Nähe unterwegs und kenne die Stadt vom weiten Sehen her.“

„Trocken, heiß und staubig“

In der Diskussion, wie weit die internationale Gemeinschaft weiter Verantwortung für Afghanistan trägt oder auch weiter militärische Präsenz zeigen muss, zeigt sich Freital zurückhaltend: „Die Menschen vor Ort müssen das Schicksal des Landes in die eigenen Hände nehmen. Sie müssen die Initiative übernehmen und damit meine ich nicht die Taliban, sondern die Bevölkerung Afghanistans.“ Die äußeren Einsatzbedingungen im Lager Marmal in Masar waren extrem. Freital erinnert sich besonders an die extremen Wetterbedingungen: „Im Lager in Masar war es trocken, heiß und staubig. Das unterscheidet sich von Deutschland, auch im Sommer. Dort war es schon früh um sechs Uhr 25 Grad heiß. Wind, Sand und Staub, damit hat man ständig zu tun. Darauf waren wir zwar vorbereitet durch die Soldaten, die vor uns dort waren, aber dass es dann auch tatsächlich so anstrengend war, kann man sich auch an Sommertagen in Deutschland nicht vorstellen.“

Freital war zuvor bereits drei Mal im Kosovo im Einsatz. Derzeit bereitet sich sein Regiment bereits auf den nächsten Auslandseinsatz vor: Mali. Freital weiß noch nicht, ob er dabei sein wird. „Das kann ich noch gar nicht sagen. Die Möglichkeit ist durchaus gegeben und ich bereite mich auch darauf vor, so wie ich mich auf Afghanistan vorbereitet habe. Grundsätzlich rechne ich damit, nach Mali geschickt zu werden, aber wenn es nicht notwendig wird, bin ich auch nicht böse.“ Vor dem nächsten Einsatz hätte er sehr viel Respekt. Schließlich gilt der Einsatz dort als derzeit gefährlichste Bundeswehr-Mission. Ende Juni wurden bei einem Selbstmordanschlag zwölf deutsche Soldaten verwundet.

Die Bundeswehr war bis zuletzt im Campo Marmal in Masar-i-Scharif in Nordafghanistan im Einsatz. Foto: Bundeswehr

© Bundeswehr/Andre Klimke

Die Bundeswehr war bis zuletzt im Campo Marmal in Masar-i-Scharif in Nordafghanistan im Einsatz. Foto: Bundeswehr

„Angst gehört dazu. Wer vorgibt, keine Angst zu haben in solchen Fällen, belügt sich selbst. Was mir weiterhilft und die Angst nimmt, ist unsere gute Vorbereitung, bevor wir in so einen Einsatz gehen. Ich gehe beruhigt in so einen Auslandseinsatz, weil ich weiß, dass die Männer und Frauen um mich herum und diejenigen, die Entscheidungen für uns treffen, zuvor eine gute Risikoanalyse betrieben haben“, berichtet Freital.

Was sich Freital von der deutschen Öffentlichkeit und Politik wünscht? „Dass das Interesse an deutschen Auslandseinsätzen hochgehalten wird. Und zwar nicht nur im Parlament, sondern auch in der Öffentlichkeit. Dass die Menschen nicht erst wach werden, wenn etwas passiert, zum Beispiel wenn wir wie jetzt Afghanistan verlassen, sondern dass man grundsätzlich zu den Einsätzen steht.“

Das Parlament solle die Bevölkerung über die Einsätze informieren, wünscht sich Freital. „Damit alle wissen, was und warum wir das dort tun und nicht überrascht sind, wenn wir plötzlich abziehen. Für mich war das nur eine logische Konsequenz, dass wir irgendwann aus Afghanistan rausmüssen.“ Freital wünscht sich „von der Politik und Öffentlichkeit nicht nur spontane Interessensbekundungen, sondern dauerhaftes Interesse, das würde uns unseren Einsatz erleichtern“.

Stichwort

Die Hubschrauber NH-90 des Transporthubschrauberregiments 30 vom Bundeswehr-Standort Niederstetten waren im Camp Marmal in Masar-i-Scharif stationiert. Die Mission hieß seit 2015 „Resolute Support“ und war eine Trainings- beziehungsweise Ausbildungsmission. Auftrag des Hubschrauberverbands war es, die Berater zu den Militär- oder Polizeikräften in Afghanistan zu fliegen und zusätzlich eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft zur notfallmedizinischen Luftrettung verwundeter Soldaten unter Kampfbedingungen sicherzustellen.

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Ihr Autor

BT-Redakteur Dieter Klink

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Erstellt:
19. August 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 42sec

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