„Nicht schön, aber ein notwendiges Übel“

Bühl (red) – Über ein Kunststoffverbot im Wald hat Joachim Eiermann mit Clemens Erbacher, Leiter des Kreisforstbezirks Bühl, und Martin Damm, Leiter der städtischen Bühler Forstabteilung, gesprochen.

Wiederaufforstung nach großflächigem Eschentriebsterben bei Unzhurst: Auch der Ottersweierer Revierleiter Klaus Vollmer nutzt die Wuchshüllen. Foto: Joachim Eiermann

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Wiederaufforstung nach großflächigem Eschentriebsterben bei Unzhurst: Auch der Ottersweierer Revierleiter Klaus Vollmer nutzt die Wuchshüllen. Foto: Joachim Eiermann

Wo immer sie auf Lichtungen stehen, fallen sie auf: die schlanken, vielfach milchigen Wuchshüllen, die zum Symbol für die Wiederaufforstung geworden sind. Doch der massenhafte Einsatz von Plastik inmitten der Natur wirft Fragen auf, wie einer Schädigung von Tieren und Pflanzen durch Mikroplastik. Über ein generelles Kunststoffverbot im Wald sprach unser Mitarbeiter Joachim Eiermann mit Clemens Erbacher, Leiter des Kreisforstbezirks Bühl, und Martin Damm, Leiter der städtischen Bühler Forstabteilung.

BT: Herr Damm, Herr Erbacher, das Problem der Meeresverschmutzung mit Plastikabfällen ist bereits seit längerem ein großes, globales Thema. Kunststoff im Wald rückt erst jetzt ins öffentliche Interesse. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Martin Damm: Ich habe mich auch schon gewundert, dass wir erst jetzt über dieses Thema sprechen. Aber der Kunststoff im Wald wird erst dann als Problem wahrgenommen, wenn er zu Müll wird und er sich als solcher präsentiert. So lange gibt es die Wuchshüllen bei uns noch nicht. Die ersten wurden in größerem Umfang nach dem Orkan Lothar zum Beispiel in Baden-Baden eingesetzt. Als diese begannen sich aufzulösen, wurden sie zum Problem.
Clemens Erbacher: Erschreckende Bilder von Tauchgängen und Plastikpartikeln in Meerestieren führten zu einem ganz anderen Bewusstsein. Im Wald wird erst jetzt deutlich, dass Plastik nicht nur eine optische Beeinträchtigung darstellt, sondern die Abbauprodukte den Boden schädigen können.

Clemens Erbacher: „Zeitvorsprung durch den Gewächshauseffekt.“ Foto: Joachim Eiermann

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Clemens Erbacher: „Zeitvorsprung durch den Gewächshauseffekt.“ Foto: Joachim Eiermann

BT: Salopp gefragt, wie viel Plastik verträgt der Wald?
Damm: Eigentlich gar keines.
Erbacher: Den Auswirkungen von Mikro- und Nanoplastik auf die Bodenfauna und -flora des Waldes kommt die Forschung jetzt erst nach und nach auf die Spur. Ein Grenzwert zwischen Verträglichkeit und Gefährlichkeit lässt sich meines Erachtens nicht festlegen. Die beste Vorsorgestrategie ist die: Es kommt überhaupt kein Plastik in den Wald. Und was als Betriebsmittel in den Wald eingebracht wird, muss wieder raus.

BT: Im aktuellen Fokus stehen die Aufzuchthüllen aus erdölbasierten Kunststoffen für Baumsetzlinge. Seit wann setzen Sie diese ein?
Damm: In Bühl verwenden wir die Wuchs- und Schutzhüllen erst seit etwa zehn Jahren im Auenwald. Lange Zeit nur sporadisch, seit 2020 in größerer Anzahl, um auf das Eschentriebsterben reagieren zu können, das uns große Flächen beschert hat, die abgestorben sind und nun mittels Pflanzungen wieder aufgeforstet werden müssen.

BT: Nach welchem Zeitraum werden die Aufzuchthüllen eingesammelt?
Erbacher: Die Wuchshüllen bleiben nur so lange auf der Fläche, wie sie für die Entwicklung der Baumsetzlinge benötigt werden: bei guten Wachstumsbedingungen kürzer, auf mageren Standorten oder bei Trockenheit länger. Im Mittel sind das etwa sieben Jahre.

„Letztlich sind wir beim Marktführer gelandet.“

BT: Billig sind die Röhren nicht, es gibt weit über 100 Typen. Auf was achten Sie beim Erwerb?
Damm: Zum einen auf den Preis, zum anderen auf die Haltbarkeit. Uns ist wichtig, dass wir die Wuchshüllen möglichst formstabil und ohne Abplatzungen einsammeln können, nachdem sie ihren Zweck erfüllt haben.
Erbacher: Wir haben Produkte verschiedener Hersteller ausprobiert. Manche Modelle haben sich aus verschiedenen Gründen als instabil erwiesen, sie knickten ein oder waren nicht standfest und mussten nachjustiert werden. Letztlich sind wir beim Marktführer gelandet.

BT: Sie möchten die Wuchshüllen weiterhin nicht missen?
Erbacher: Die Hülle ist sowohl ein Mini-Gewächshaus mit Treibhauseffekt als auch ein guter Schutz vor Wildverbiss und Fegeschäden. Diese Kombination hat ihre Vorteile. Wir können kleinere Baumpflanzen verwenden, die besser zu setzen sind und deren Wurzeln sich ungestörter entwickeln können. Zudem wird die Arbeit mit dem Freischneider vereinfacht, beispielsweise beim Entfernen von Brombeerdickicht. Das schnellere Wachstum verkürzt zudem die kritische Phase, in der eine Kultursicherung erforderlich ist.
Damm: Ich würde die Hüllen schon gerne missen, aber wir brauchen diese Krücke, um in bestimmten, isolierten Waldgebieten über die Runden zu kommen, wo sich die Jagd als reglementierendes Element sehr schwierig gestaltet. Ringsum ist eine stark veränderte Natur mit Mais-Äckern, in denen der Tisch während der Vegetationszeit reich gedeckt ist. Wenn alles abgeerntet ist, zieht sich das Wild in den Wald zurück.

BT: Im Stadtwald Baden-Baden werden die Plastikhüllen verboten. Sind Einzäunungen oder der Einsatz von Schafwolle nicht auch Methoden, um junge Triebe vor dem Wild zu schützen?
Erbacher: Den großen Vorteil des Zeitvorsprungs durch den Gewächshauseffekt der Hüllen beim Wachstum habe ich hier nicht. Schafwolle schützt nicht vor Fegeschäden durch das Geweih des Rehbocks. Und Einzäunungen haben auch ihre Schwächen, zum Beispiel sind sie bei hohen Schwarzwildbeständen schwer dicht zu halten.

Martin Damm: „Künftige Produkte müssen vollständig biologisch abbaubar sein.“ Foto: Joachim Eiermann

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Martin Damm: „Künftige Produkte müssen vollständig biologisch abbaubar sein.“ Foto: Joachim Eiermann

BT: Wäre es nicht einfacher, kostengünstiger und auch umweltverträglicher, den Wald nach dem Prinzip der Naturverjüngung sich selbst zu überlassen?
Damm: Damit kommen wir in den besagten Auenwald-Gebiet nicht weiter.
Erbacher: Wir hätten die Naturverjüngung gerne, aber leider bekommen wir sie nicht immer und nicht überall. Auf den großflächig abgestorbenen Eschenwaldflächen gibt es nur spärlich Naturverjüngung, da muss ich pflanzen, um Wiederaufforstung zu betreiben. Und um die jungen Kulturen durchzubringen, haben sich die Wuchshüllen bewährt. Sie sind nicht schön, aber gut. Ein notwendiges Übel.
Damm: Ein weiterer Konkurrent für unsere heimischen Baumpflanzen sind die Neophyten, die sich verstärkt ausbreiten und wir im Wald nicht haben wollen. Mit Hilfe der Mini-Treibhäuser können sich unsere Pflanzen in der schwierigen Zeit der Anwuchsphase durchsetzen. Wenn ich vergleiche, wie viel Plastik die Erwerbslandwirtschaft produktionsbedingt verwendet, beispielsweise bei Erdbeeren oder Spargel, spielen wir in der untersten Liga. Im Bühler Stadtwald ist das Abdecken von Brennholzstapeln mit Folie seit Jahrzehnten nicht erlaubt. Wir tolerieren auch nicht mehr, dass das Holz im Wald gelagert wird.

„Diesen Schalter umzulegen, braucht viele Jahre“

BT: Naturschützer und auch Ihre Baden-Badener Kollegen halten eine effektive und stärkere Bejagung für den wichtigsten Beitrag, um Wildverbiss zu vermeiden. Wie sehen Sie das?
Damm: Diesen Schalter umzulegen, braucht viele Jahre Zeit und auch die Akzeptanz der Bevölkerung. Ohne eine natur- und auch wildverträglichere Nutzung der offenen Landschaftsbereiche kann dies nicht funktionieren. Es gibt dazu konzeptionelle Ansätze des Landesjagdverbands und des Landes Baden-Württemberg, Heckenbiotope zu schaffen.
Erbacher: Im Gegensatz zu uns haben die Baden-Badener die Jagd weitgehend in eigener Hand und können so den Wildbestand selbst beeinflussen. Das macht es leichter. In unseren Gemeindewäldern sind die Reviere überwiegend verpachtet. Wenn andere die Jagd betreiben, ist man auf Goodwill und das Verständnis für die Zusammenhänge des Waldes angewiesen.

BT: Ein Textilinstitut in Denkendorf entwickelt aus nachwachsenden Rohstoffen ein biologisch abbaubares Garn für Wuchshüllen. Könnte das die Lösung bringen?
Erbacher: Es gibt verschiedenste Forschungsrichtungen, so auch Versuche mit Biopolymeren oder Zellulosefasern aus Laubholz. Neue, innovative Produkte sind gewiss die Chance, um vom Kunststoff wegzukommen. Wir hoffen auf funktionsgleiche Alternativen. Wenn mittlerweile erfolgversprechend daran geforscht wird, Carbonfasern aus der Zellulose von Laubbäumen herzustellen, müsste es doch auch möglich sein, funktionsgleiche Wuchshüllen aus nachwachsenden Rohstoffen auf den Markt zu bringen.
Damm: Man wird auch auf die Inhaltsstoffe wie etwa auf Klebstoffe achten müssen. Künftige Produkte müssen vollständig biologisch abbaubar sein, wir nutzen derzeit nur eine Brückentechnologie.

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Erstellt:
7. Januar 2022, 06:00 Uhr
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