Nicole Dilzer mit ungewöhnlichem Ehrenamt

Von Ursula Klöpfer

Ottersweier (urs) – Ein sehr ungewöhnliches Ehrenamt hat Nicole Dilzer aus Ottersweier. Die gelernte Physiotherapeutin fotografiert verstorbene Kinder, die den Sprung ins Leben nicht geschafft haben.

Nicole Dilzer mit ungewöhnlichem Ehrenamt

„Jeder Auftrag ist für mich ein Blind Date“, sagt Nicole Dilzer. Foto: Ursula Klöpfer

Es gibt viele Ehrenämter in Deutschland. Nicole Dilzer aus Ottersweier hat sich ein sehr ungewöhnliches Ehrenamt ausgesucht. Es erfordert ein Höchstmaß an Empathie, Feingefühl und ein großes Herz dazu. Die gelernte Physiotherapeutin fotografiert verstorbene Kinder, die den Sprung ins Leben nicht geschafft haben: Sie ist eine Sternenkindfotografin.„Ein Sternenkind ist ein Kind, das vor, während oder nach der Geburt verstorben ist“, erklärt Nicole Dilzer, die auch als Familienfotografin arbeitet. „Es ist ein Kind, das in Liebe gezeugt und erwartet wird, aber den Sprung ins Leben nicht geschafft hat. Der Tod des kleinen Menschenkindes hinterlässt bei den Eltern eine unendliche Leere, Wortlosigkeit und Trauer“, weiß sie.

Eltern oft alleine mit ihren Emotionen

Leider ist es in der Realität immer noch so, dass Betroffene oft nicht darüber sprechen können. Bis heute sind Sternenkinder ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. „Die Mehrheit weiß nicht, wie sie mit der Trauer der Eltern umgehen soll. So werden Eltern mit verstorbenen Kindern oft allein gelassen – mit ihren Emotionen, der Wut, der Anklage und einer unendlichen Traurigkeit.“

Besucht man die blonde sympathische Frau, die mit ihrem zehnjährigen Sohn in Ottersweier lebt, fällt eines sofort ins Auge: Die Wohnung strahlt Harmonie und Wärme aus, die Bewohnerin eine innere Stärke und Ruhe. Was ist die Triebfeder für Nicole Dilzer, sich eines so sensiblen Themas anzunehmen? „Eltern wissen oft nicht, wie sie mit dem Verlust weiterleben sollen. Warum ich? Warum wir? Auf diese Fragen kann niemand eine Antwort geben. Es gibt keinen Trost“, bestätigt sie. Genau hier komme die Stiftung von „Dein-Sternenkind“ ins Spiel. „Wir Sternenkindfotografen schenken den Eltern würdevolle Erinnerungsfotos ihres Kindes. Egal, ob das Kind noch lebt oder bereits verstorben ist. Wir stehen für einen würdevollen und bewussten Abschied von dem kleinen Menschlein und schaffen greifbare Erinnerungen, um die kurze Zeit, die verbleibt, festzuhalten. Ein Bild entsteht als Zeugnis für die Existenz, aber auch für den Tod des Kindes. Es ist eine Stütze für die verblassende Erinnerung der Eltern“, erklärt Dilzer.

Weit mehr als 600 Fotografen in Deutschland sind derzeit in der Stiftung „Dein-Sternenkind“ aktiv. Über eine zentrale Internetseite, die Eltern, Verwandte oder das Klinikpersonal aktivieren können, wird im Fall der Fälle Alarm ausgelöst. Dann beginnt für Nicole Dilzer oder einen anderen Fotografen der Einsatz. „Jeder Auftrag ist für mich ein Blinde-Date“, bekennt sie. „Ein Blinde-Date deswegen, weil ich weder die Eltern noch das Kind kenne und nie weiß, was mich erwartet – ob leise oder laute Töne, oder manchmal auch pure Wortlosigkeit.“

Diesen grundlegenden Emotionen ruhig zu begegnen sei immer wieder eine Herausforderung. Ihr unerschütterlicher Glaube hilft Nicole Dilzer, diesen schwierigen Anforderungen mit Gelassenheit entgegenzutreten. „Ich rede mit jedem Sternenkind, wenn ich es in den Händen halte und es anziehen darf. Ich sage ihm, wie schön es aussieht, wie hübsch seine Händchen und Füßchen sind. Ich teile ihm mit, dass seine Eltern gerade sehr traurig sind und dass ich nun Fotos mache, damit sie immer eine Erinnerung haben.“

„Manchmal auch mit Kuscheltier“

Ob mit Eltern oder ohne – ihre Ehrerbietung für das verstorbene Kind ist immer die gleiche, denn manchmal kommt es vor, dass die Eltern nicht in der Lage sind, bei dem Shooting dabei zu sein: Der Schock ist zu groß. „Doch auch dann bekommen die Eltern wunderschöne Fotos und das Sternenkind schöne, selbst genähte Kleidung, liebevolle Accessoires wie kuschelige Herzchen oder Engelsflügelchen. Manchmal fotografiere ich das kleine Menschlein auch mit einem Kuscheltier, das die Eltern für das Kind gekauft haben“, beschreibt sie ihr Ehrenamt gefühlvoll.

Später, zu Hause, sichtet sie die Aufnahmen. Auf ihrem Computer und dem zentralen Server der Stiftung legt sie einen Ordner an. Jeder Ordner ist ein Sternenkind, jedes Bild ein Detail, eine Vergrößerung, eine Erinnerung: winzige Details, von Händen oder Füßen, die Haut manchmal fast transparent, manchmal schon grau. Wer einmal ein Sternenkind fotografiert habe, mache das in der Regel immer weiter, weil er weiß, was er Eltern damit schenken kann: Erinnerung.

Dann senkt sie ihre Stimme: „Die Eltern können irgendwann, wenn sie dazu in der Lage sind, die Bilder herausnehmen und ansehen. Dann fällt ihnen wieder ein, wie sich ihr Baby angefühlt und wie es gerochen hat. Das Fühlen aller Sinne hilft ihnen, zu begreifen, dass es dieses Kind wirklich gab und dass es immer ein Teil ihres Lebens sein wird!“