Nimmt S2 Fahrt auf Richtung Durmersheim?

Durmersheim (as) – Nur rund fünf Kilometer fehlen zwischen dem S2-Halt Rheinstetten-Mörsch und Durmersheim. Der Lückenschluss, 2003 abgelehnt, kommt jetzt wieder aufs kommunalpolitische Tapet.

Fährt die S2 bald doch bis nach Durmersheim? Die AVG wäre nicht abgeneigt, eine Initiative will das Thema kommunalpolitisch vorantreiben. Foto: Paul Gärtner/KVV

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Fährt die S2 bald doch bis nach Durmersheim? Die AVG wäre nicht abgeneigt, eine Initiative will das Thema kommunalpolitisch vorantreiben. Foto: Paul Gärtner/KVV

Das Ziel der grün-schwarzen Landesregierung ist klar definiert: Bis 2030 soll sich die Zahl der Fahrgäste im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) verdoppeln. Einen Anreiz dafür bieten hohe Fördergelder für den ÖPNV-Ausbau. Damit wird in Mittelbaden eine neuerliche Diskussion um den Lückenschluss der Stadtbahnlinie S2 zwischen Haltestelle Mörsch und Durmersheim befördert – angestoßen von den Linken.

Es liegen nur rund fünf Kilometer zwischen dem derzeitigen S2-Haltepunkt Rheinstetten-Mörsch und dem Bahnhof Durmersheim. Für die Strecke bis zum Bickesheimer Platz in Durmersheim liegt sogar bereits ein Planfeststellungsentwurf vor. Der ist allerdings mehr als 20 Jahre alt, denn Ende der 1990er-Jahre wurde das Thema in der Durmersheimer Kommunalpolitik schon einmal heiß diskutiert und letztlich vom Gemeinderat im November 2003 mit 13:8 Stimmen abgelehnt. Die Befürworter von Bürgerliste und Grüne (BuG) sowie SPD konnten sich nicht gegen eine CDU-Mehrheit durchsetzen.

Wirklich begraben haben die Kommunalpolitiker der mit dem Ortsteil Würmersheim 12.560 Einwohner zählenden Hardtgemeinde das Thema Stadtbahn-Lückenschluss aber nie. Im Zuge der Flurbereinigung Mitte der 2000er-Jahre hatte Durmersheim sich die benötigten Flächen zwischen Mörsch und dem Wohngebiet Heilberg gesichert, berichtet Bürgermeister Andreas Augustin im BT-Gespräch. Bis heute gilt: „Wir tun als Gemeinde immer alles, damit die Realisierung nicht unmöglich wird.“ Bei innerörtlichen Vorhaben werde stets darauf geachtet, dass sie der Trassenanbindung nicht im Weg stehen.

Nur fünf Kilometer trennen den S2-Halt Merkurstraße Mörsch (vorne rechts) und Durmersheim. Luftbild: Willi Walter

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Nur fünf Kilometer trennen den S2-Halt Merkurstraße Mörsch (vorne rechts) und Durmersheim. Luftbild: Willi Walter

Augustin ist seit 2006 Bürgermeister von Durmersheim und steht dem Anliegen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber. Die Ablehnung erfolgte unter seinem Amtsvorgänger Rüdiger Schäfer – und saß wohl tief. Denn als Augustin sich 2007 beim damaligen Chef des Karlsruher Verkehrsverbunds (KVV), Walter Casazza, vorstellte und nach Realisierungschancen für das Projekt gefragt habe, sei die Reaktion „sehr kühl“ gewesen, erinnert sich Augustin. „Damals gab es in Rheinstetten noch die Weiche nach Durmersheim“, erzählt er. Zwischenzeitlich sei diese abgebaut worden.

Dennoch sieht auch der Verwaltungschef mit Blick auf die Vorgaben der Landesregierung derzeit grundsätzlich wieder bessere Chancen für eine S2-Anbindung: „Die Zeichen der großen Politik stehen auf ÖPNV.“

Mit Verkehrswende den Klimawandel stoppen


Das war für den Kreisverband Baden-Baden/Rastatt der Linken der Grund dafür, das Thema 2020 in Kooperation mit Parteikollegen aus Rheinstetten wieder anzustoßen, sagt Linken-Kreisrat Dieter Balle, der in Durmersheim wohnt. „Wir brauchen die Verkehrswende, um den Klimawandel zu stoppen“, sieht er den Lückenschluss im Schienennetz zwischen dem Karlsruher Westen und der Rheintalbahn in Durmersheim in einem größeren Zusammenhang. Denn Verkehrsexperten sähen die Schiene als Rückgrat der Verkehrswende. Er spricht von kurzen Wegen nach Ettlingen oder Malsch, die sich eröffnen würden – aktuell aus Durmersheim kommend mit dem ÖPNV schwierig zu erreichen.

Die Linke habe das Thema nicht angestoßen, um sich damit politisch zu profilieren, wie ihr von manchen vorgeworfen werde, so Balle. Es gehe vielmehr darum, „dass auch unsere Enkel noch einen Planeten haben, auf dem sie leben können“, betont er. Deshalb müsse das Thema wieder auf die politische Agenda.

Weil auch den Linken offenbar klar geworden ist, dass viele wohl davor zurückschrecken, sich politisch mit ihnen zu verbünden, haben sie mittlerweile die Initiative „Pro S2“ gegründet, die überparteilich sei. „Das Thema soll nicht wieder versanden“, betont Balle.

Der Kreis der Mitwirkenden ist jedoch überschaubar, was er zum Teil den Unbilden der Corona-Pandemie mit Lockdown und Kontaktbeschränkungen zuschreibt. 2003 hatte eine gleichnamige Bürgerinitiative in Durmersheim deutlich mehr Unterstützer. 2.000 Unterschriften sammelte sie damals für den Stadtbahnanschluss, wollte darüber sogar in einem Bürgerbegehren abstimmen lassen. Doch dazu kam es nicht.

Heilberg-Bewohner verärgert

Allerdings seien vor allem viele Bewohner des Heilberg-Viertels heute noch verärgert wegen des fehlenden Lückenschlusses, berichtet Balle von diversen Aktionen und Infoständen zum Thema. Diese seien mit dem Versprechen des S2-Anschlusses zum Umzug nach Durmersheim „verleitet“ worden. Dennoch blieb man laut Beobachtern bei einer Podiumsdiskussion diesen Juli mit Vertretern von KVV, BUND, Bürgermeister und Fraktionsvertretern aus Durmersheim weitgehend unter sich.

Seitdem scheint der S2-Lückenschluss aber auch die Durmersheimer Kommunalpolitiker wieder verstärkt zu beschäftigen. Die BuG hat sich jüngst bei einer Mitgliederversammlung mit dem Thema auseinandergesetzt. Fazit: Im Jahr 2021 hält man eine Busanbindung mit enger Taktdichte zur Merkurstraße oder auch zum Rösselsbrünnle in Rheinstetten unter Einbeziehung von Würmersheim, Au am Rhein, Elchesheim-Illingen und eventuell Bietigheim für dringlicher. Denn die Verkehrsbelastung durch Pendler auf Pilger- und Hauptstraße in Durmersheim sei enorm. Allerorten würden im Tiefgestade neue Baugebiete ausgewiesen – und der Verkehr von und nach Karlsruhe sich durch das Nadelöhr Durmersheim bewegen. Mit einer solchen Buslinie „ist ein verzugsloser Umstieg in die S2 in Rheinstetten und die S7/S8 in Durmersheim möglich“, heißt es in der BuG-Stellungnahme.

Ähnlich klingt das bei Jürgen Kniehl, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler (fünf Sitze im Rat). Auch er hält eine gut getaktete, schnelle ÖPNV-Anbindung von Würmersheim, Au am Rhein und Elchesheim-Illingen an die bestehenden Straßenbahn- und S-Bahn-Haltestellen in Durmersheim und Mörsch für zielführender als die S2-Anbindung.

Es gelte, den ÖPNV nachhaltig zu stärken, heißt es bei der SPD, mit vier Sitzen kleinste Ratsfraktion. „Dazu gehört unserer Auffassung nach eine vernünftige, schienengebundene Verbindung von Durmersheim nach Karlsruhe/West“, sagt Fraktionsvorsitzender Werner Herrmann. Ortsverein und Fraktion würden sich „noch vor dem Winter mit der Thematik intensiv beschäftigen“, kündigt er an.

Das aktuelle Netz der Stadtbahnlinien zwischen Karlsruhe und Rastatt. Grafik: BT

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Das aktuelle Netz der Stadtbahnlinien zwischen Karlsruhe und Rastatt. Grafik: BT

Helmut Schorpp, Vorsitzender der sechsköpfigen CDU-Fraktion, sieht eher die Notwendigkeit für ein Gesamtkonzept, das Lösungen für alle Verkehrsteilnehmer und -probleme in Durmersheim bietet. Die S2 sei aus Sicht der CDU dabei eine Komponente. Aber auch eine Westumfahrung im Tiefgestade müsse in den Blick genommen werden.

Von einem Gesamtkonzept auch die Initiative „Pro S2“. Es soll mit allen Beteiligten entwickelt werden. Sie schlägt vor, die umliegenden Gemeinden Malsch, Würmersheim, Elchesheim-Illingen und Au am Rhein über eine Ringbuslinie anzubinden, die tagsüber halbstündlich verkehrt. Die Randzeiten könnte ein Anruflinientaxi oder der Service MyShuttle abdecken – ein KVV-Angebot im Landkreis Karlsruhe, bei dem Fahrgäste Kleinbusse nach Bedarf via App bestellen können.

Doch den regionalen Stadtbahnhaltepunkt in Durmersheim-Bahnhof, an dem die Verbindung zwischen S7/S8 und S2 geschaffen werden könnte, hält man trotzdem für unerlässlich. In einem ersten Ausbauschritt könnte man den S2-Verkehr bis zum Bickesheimer Platz vor der Wallfahrtskirche verlängern, erläutert Balle. Weiter gehen soll es dann entsprechend der alten Planung über die Speyerer Straße zum Bahnhof.

AVG: Lückenschluss zur Rheintalbahn wichtig


Und wie stehen die Verkehrsbetriebe Karlsruhe aktuell zu dem Thema, das sie ja schließlich umsetzen müssten? Pressesprecher Michael Krauth sagt, aus Sicht der Albtahl Verkehrsgesellschaft (AVG) „macht eine Verlängerung der Linien S2 von Rheinstetten nach Durmersheim verkehrlich, betrieblich und wirtschaftlich nur dann Sinn, wenn diese Maßnahme auch den Netzlückenschluss hin zur Rheintalbahnstrecke mit umfasst“. Grundsätzlich sei man offen, berichtet er von zahlreichen Initiativen im Bereich des Karlsruher Verkehrsverbunds (KVV), stillgelegte Trassen zu reaktivieren oder bestehende auszubauen. Wichtig sei, dass den hohen Investitionen ein volkswirtschaftlicher Nutzen gegenübersteht, weil es sonst keine Zuschüsse nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz gibt, so der Sprecher. Nach aktuellem Stand wäre über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) eine 75-prozentige Förderung der zuwendungsfähigen Kosten möglich, zuzüglich pauschal zehn Prozent Planungskostenpauschale, zusammen 85 Prozent. Eine Aussage zu Kosten (Balle geht von rund 30 Millionen Euro aus) oder der möglichen Realisierungsdauer eines solchen Projekts will man bei der AVG mit Blick auf viele noch ungeklärte Fragen derzeit nicht wagen. Die BuG will etwas von mindestens sechs Jahren wissen. Die Verkehrsbetriebe werden jedoch erst aktiv, wenn es ein entsprechendes Signal der Kommunalpolitik gibt, sieht Krauth das Heft des Handelns bei der Gemeinde.

„Kein prioritärer Wunsch von Bürgern“


Der S2-Lückenschluss sei nach seiner Beobachtung „derzeit kein prioritärer Wunsch von Bürgern oder dem Gemeinderat“, erklärt Bürgermeister Andreas Augustin. Es gebe eine gute Verbindung über S7 und S8 zum Hauptbahnhof Karlsruhe mit Umstiegsmöglichkeit. Der S2-Lückenschluss in Durmersheim würde zwar eine schnellere Verbindung in den Karlsruher Westen bringen, aber ob das betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, zieht er in Zweifel.

Auch Augustin sieht die Priorität darin, die Bürger zur Bahn zu bringen und nicht die Bahn zum Bürger. Deshalb habe er nicht vor, das Thema während seiner letzten Amtszeit, die im August 2022 endet, in den Gemeinderat zu bringen. Auch von den Fraktionen sei bislang kein entsprechender Wunsch an ihn herangetragen worden.

Dieter Balle entmutigt das nicht. Er ist darauf vorbereitet, mit der „Pro S2“-Initiative dicke Bretter bohren zu müssen, wie er sagt. „Wir wollen das Gesamtkonzept zunehmend mit Fachleuten diskutieren und es dann in Durmersheim und Rheinstetten in die politische Diskussion bringen“, erklärt er und ist überzeugt, „dass sich das noch durchsetzt“, wenn man die Verkehrswende erreichen will.


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