Nobelpreisträgerin Herta Müller in Karlsruhe

Karlsruhe (cl) – „Ich habe geschrieben, um Halt zu finden“: Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat bei einer Lesung in Karlsruhe in ihr früheres Leben in der Diktatur und in ihr Werk eingeführt.

„Es war eine rohe Welt“: Herta Müller spricht im Badischen Staatstheater über ihre Kindheit im banatschwäbischen Nichidorf.  Robert Schlesinger/dpa

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„Es war eine rohe Welt“: Herta Müller spricht im Badischen Staatstheater über ihre Kindheit im banatschwäbischen Nichidorf. Robert Schlesinger/dpa

Literatur als Überlebenshilfe und gegen das Vergessen: In ihrem Buch „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ erzählt Herta Müller über ihr Leben und Werk. Es besteht aus Gesprächen, die sie mit der Lektorin Angelika Klammer führte und für die gedruckte Form neu ausformulierte. Das Buch erschien 2014 – und mit ihm hat die deutsch-rumänische Literaturnobelpreisträgerin bei der Lesung im Badischen Staatstheater Karlsruhe hineingeführt in ihr Schreiben und in ein schriftstellerisches Leben, das um ihr großes Thema kreist: Unterdrückung und Leben in der Diktatur, Vertreibung und, in ihrem Fall, Flucht aus Rumänien ins deutsche Exil.
Auf der Bühne des nur mit 250 Zuschauern gefüllten Karlsruher Opernhauses hat sie im Gespräch mit ihrem Jugendfreund, dem Donauschwaben Ernest Wichner, früherer Leiter des Literaturhauses Berlin, auch Auskunft über die Beweggründe für ihr literarisches Schaffen, über ihre Kindheit im banatschwäbischen Nichidorf genauso wie über die Zusammenarbeit mit dem Poeten Oskar Pastior für ihr Buch „Atemschaukel“ gegeben. Zwischen den Gesprächen liest sie aus den Büchern.
Herta Müller hat aus ihrem Leben Literatur gemacht: Aus den seelischen Bedrückungen, die für sie in der dörflichen Kindheit mitten in den „sozialistischen Maisfeldern, in der glühenden Sonne im Sommer und der Dürre im Herbst“ auch körperlich spürbar waren, als sie zur Pflanzen-Allesesserin wurde, „um sich der Natur anzupassen und das starke Gefühl von Fremdsein“ zu überwinden. „Der Tod hat für mich immer bedeutet, dass die Erde mich frisst“, liest sie im Staatstheater. Über das Kartoffelschälen – hauchdünn, um nichts zu verschwenden – und über den rüden Umgang mit Tieren spricht sie: „Mitleid muss man sich leisten können“, erklärt Müller. „Es war eine rohe Welt. Man hat ein Huhn geschlachtet, wenn man Hunger hatte – das könnte ich heute nicht mehr, damals tat ich es, weil ich es musste.“

Herta Müller über das Kartoffelschälen – hauchdünn


Beim ersten, sich auf ihre Kindheit beziehenden Kapitel von „Mein Vaterland war ein Apfelkern“, das Müller liest, spürt man, wie sich Erinnern und Poesie verschränken. Das Buch zeigt, wie viele literarische Funken diese Autorin aus der Einsamkeit ihrer Kindheit geschlagen hat. „Ich habe über das Dorf am Rande der Welt geschrieben, um Halt zu finden, aber nicht, weil ich Literatur machen wollte“, kommentiert sie im Gespräch mit Wichner. „Es war ein innerer Zwang, weil ich wissen wollte, wer ich bin, um in der Welt bleiben zu können, ohne den Verstand zu verlieren.“ Der Halt ist ein lebenslanger.
Das Schreiben, ihr schriftstellerisches Selbstverständnis hat auch etwas mit Schönheit zu tun. „Die Schönheit der Sprache“, die kompliziert herzustellen sei, habe für sie nichts mit Wort-Drechselei zu tun. In präziser, sachlicher Sprache, die so schön wie hart ist, formuliert Müller literarisch die Auswirkungen von Unterdrückung, Bedrohung und Todesangst, das sorgt beim Lesen für Unbehagen. So klar wie bilderreich erzählt sie auch – und wirkt dabei unprätentiös.
Ihr kinnlanger schwarzer Bubikopf, längst zu ihrem Markenzeichen geworden, hat, das spürt man bei der Lesung, etwas mit ihren dünnen Kinder-Zöpfen zu tun, die die Mutter lange aufhob und ins deutsche Exil mitnehmen wollte: „die waren Gott sei Dank verschimmelt“, blitzt zwischendurch bei der Schilderung auch ihr Humor durch. An den Zöpfen erkannten die Menschen im Banat noch nach vielen Jahren all diejenigen, die nicht im Arbeitslager waren. Dort wurde man kahl rasiert und trug danach nur Kurzhaar.
Nach ihrer entbehrungsreichen Kindheit an der Seite einer depressiven Mutter studierte Herta Müller in Temeswar, arbeitete in einer Fabrik und als Lehrerin. Hier war sie bis zu ihrer Ausreise 1987 in die Bundesrepublik den übelsten Nachstellungen des rumänischen Geheimdienstes Securitate ausgesetzt, nachdem sie sich geweigert hatte, Spitzeldienste zu leisten.

Mit leichteren Collagen gegen Schreib-Unlust


2009, im Jahr ihres Triumphs als Schriftstellerin mit der Verleihung des Literaturnobelpreises, gelangte Müllers Roman „Atemschaukel“ ins Finale des Deutschen Buchpreis. „Das Buch hat mit meiner Mutter zu tun, die 1957 als gebrochener Mensch aus dem sowjetischen Arbeitslager herauskam“, erzählt sie. „Aber es war klar, dass der Protagonist ein Mann sein sollte, in ihm habe ich das Monstrum Hunger personifiziert.“ Im Buch zeichnet die Autorin die Deportation eines jungen Mannes in ein sowjet-ukrainisches Arbeitslager nach, das exemplarisch für das Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen nach dem Zweiten Weltkrieg steht. Als Modell diente ihr das Erleben des Georg-Büchner-Preisträgers Oskar Pastior, dessen mündliche Erinnerungen Müller notierte. Drei Jahre nach seinem Tod erschien die „Atemschaukel“. „Das Lager war das Grundthema seiner Gedichte und Essays.“
Der Abend endet mit Müllers leichteren Wort-Collagen „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ (2019). Dabei bekennt sie: „Ich schreibe nicht gerne, denn ich arbeite auch gerne nicht.“ Diese kleinen Erzählungen aus Wort-Schnipseln, die sie sammelt und mit Grafiken verbindet, sind Fingerübungen. 2021 soll ein weiterer Collage-Band herauskommen.

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Erstellt:
26. Oktober 2020, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 29sec

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