Nostalgie unter Fett und Nikotin

Rastatt (sl) – Jahrzehntelang hing eine historische Stadtansicht von Rastatt im Dunst einer Gaststätte. Jetzt wird das Ölgemälde von Adolf Luntz fürs Stadtmuseum aufwendig restauriert.

Mit einem Skalpell entfernt Karin Welz-Spriestersbach das Japanpapier, das das Gemälde schützte, während die Restauratorin an der Rückseite arbeitete. Die linke Bildhälfte ist gereinigt, rechts ist noch die Schmutzschicht zu sehen.Foto: Linkenheil

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Mit einem Skalpell entfernt Karin Welz-Spriestersbach das Japanpapier, das das Gemälde schützte, während die Restauratorin an der Rückseite arbeitete. Die linke Bildhälfte ist gereinigt, rechts ist noch die Schmutzschicht zu sehen.Foto: Linkenheil

Eine Schicht aus altem Fett und Nikotin trübt die Sicht auf Alt-Rastatt, aber Karin Welz-Spriestersbach rückt dem Gilb zu Leibe und hat schon für klare Sicht auf Bernharduskirche und Residenzschloss gesorgt, die Alexanderkirche und der Rest von Rastatt werden noch folgen: Ein großformatiges Gemälde hat die Restauratorin in ihrer Werkstatt an der Murg unter den Händen. Wenn die detailreiche Kleinarbeit beendet ist, soll das gute Stück im Stadtmuseum präsentiert werden.
Unter seine Ansicht der Bundesfestung Rastatt hat Adolf Luntz 1928 seine Signatur gesetzt. Sein beachtlich großes Gemälde – es misst 98 auf 248 Zentimeter – gehörte einst zur Ausstattung des Gasthauses „Zum Pflug“ an der Ecke Kapellenstraße/Herrenstraße, weiß Iris Baumgärtner – daher wohl auch die Verschmutzungen. Die Museumsleiterin hat das Bild vergangenes Jahr für das Stadtmuseum erworben, jetzt lässt sie es von Karin Welz-Spriestersbach restaurieren – unterstützt mit Mitteln der Landesstelle für Museumsbetreuung.

Maler blickt in Vergangenheit der Festungsstadt

Zu sehen ist Rastatt umgeben von Festungswällen, wie es 1928 längst nicht mehr aussah. Der Maler wirft also einen nostalgischen Blick in die Vergangenheit und bedient sich dabei einer bekannten Stadtansicht als Vorlage: Der verbreitete Stahlstich von Corradi und Umbach aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Luntz gibt diese Ansicht recht detailgenau wieder, erlaubt sich aber auch künstlerische Freiheiten. Rastatt selbst zeigt er eher schemenhaft, das Barockschloss ist kaum wiederzuerkennen. Das Augenmerk liegt mehr auf der umgebenden Szenerie, die mit Bäumen im Vordergrund, einem Weg, der den Betrachter förmlich in das Bild hineinzieht, und auflockernden Staffagefiguren den geübten Landschaftsmaler verrät. Geboren wurde Luntz 1875 in Wien, an der Karlsruher Kunstakademie ließ er sich unter Gustav Schönleber ausbilden, einem Wegbereiter des deutschen Impressionismus. Luntz wirkte in der Fächerstadt und starb dort 1934. Das Künstlerlexikon Thieme-Becker führt ihn als Landschafts- und Figurenmaler, Radierer und Lithograf.

„Das Bild wird nach seiner Restaurierung Ende des Jahres im Stadtmuseum zu sehen sein“, kündigt Baumgärtner an. Sie nimmt an, dass eine der Rastatter Brauereien, vermutlich „Hatz“, die Monumentalansicht beim Künstler in Auftrag gegeben hat, um das Wirtshaus auszustatten. „Übrigens hängt im Zay-Stübl auch eine große Rastatt-Ansicht, die sicher im Auftrag einer Brauerei gemalt wurde“, weiß die Museumsleiterin. Viele Gaststätten in Rastatt bekamen künstlerische Ausstattung, so auch der „Löwe“ und der „Bürgerkeller“ in der Bahnhofstraße, beide von dem Rastatter Holzbildhauer und Möbelschreiner Robert Matthäi. „Eine schöne Tradition“, findet Baumgärtner.

17 Löcher in der Leinwand

Restauratorin Welz-Spriestersbach hat Gefallen an dem Bild gefunden, wenn es vielleicht auch nicht zur allerersten Garnitur gehört. Nun möchte sie es so weit wie möglich in den Zustand bringen, wie er vom Maler beabsichtigt war. 17 Löcher in der Leinwand, die mit großen Flicken von hinten verschlossen und auf eine Art retuschiert waren, wie man das heute nicht mehr machen würde, hat sie puzzleteilgenau mit Leinwand geschlossen. Zuvor musste die Restauratorin die Vorderseite des Bildes mit hauchdünnem Japanpapier, einer sogenannten Maske, schützen. Mithilfe eines Skalpells entfernt sie die Schutzschicht wieder – und mit dem Papier auch schon einen Teil Schmutz. Fett- und Nikotin gibt ein Lösungsmittel den Rest. Fehlstellen und alte Übermalungen wird sie punktuell retuschieren, aber alles mit Farben, die künftige Generationen wieder leicht entfernen können. Allzu sehr in neuem Glanz strahlen soll das Bild übrigens nicht, denn eine Über-Restaurierung ist nicht das Ziel der Verantwortlichen. Doch ein neuer Firnis anstelle der vergilbten Schutzschicht wird dem Gemälde Tiefe geben und vor zu starkem Licht und Sauerstoff schützen, wenn es künftig wieder neu gerahmt im Rastatter Stadtmuseum hängt.

Ein verbreiteter Stahlstich von Rastatt aus dem 19. Jahrhundert diente dem Maler Adolf Luntz 1928 als Vorlage. Da sah Rastatt aber schon ganz anders aus. Foto: Stadtmuseum Rastatt

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Ein verbreiteter Stahlstich von Rastatt aus dem 19. Jahrhundert diente dem Maler Adolf Luntz 1928 als Vorlage. Da sah Rastatt aber schon ganz anders aus. Foto: Stadtmuseum Rastatt

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Erstellt:
27. Mai 2020, 11:00 Uhr
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