Not macht erfinderisch

Baden-Baden (ket) – In dieser Woche beschäftigt sich die BT-Sportkolumne damit, wie Sportwetten funktionieren, wenn es gar keinen Sport gibt.

In Deutschland weitgehend unbekannt, in Indien Nationalsport mit entsprechendem Wett-Potenzial: Cricket. Foto: Dave Hunt/dpa

© picture alliance / Dave Hunt/AAP

In Deutschland weitgehend unbekannt, in Indien Nationalsport mit entsprechendem Wett-Potenzial: Cricket. Foto: Dave Hunt/dpa

Zu den in den Würgegriff des Coronavirus geratenen Berufssparten zählt zweifelsohne auch jene des Wettanbieters, vulgo Buchmacher genannt. Umsatzeinbrüche von bis zu 70 Prozent beklagte etwa Dominik Beier, Vorstandssprecher des Wettanbieters „Interwetten“ bereits im Frühjahr, also zu einem Zeitpunkt, zu dem weltweit so gut wie gar nicht mehr gesportelt wurde.
So gesehen geht es der Branche im Rahmen des zweiten Lockdowns zumindest aktuell noch den Umständen entsprechend gut, im Gegensatz zu den Monaten März bis Mai rollen die Bälle, galoppieren die Pferde und röhren die Formel-1-Motoren schließlich nach wie vor und fast unvermindert. Ob das so bleibt, ist abgemachte Sache freilich auch diesmal noch nicht. Zumindest Hand- und Fußball zeigen sich schließlich zusehends verseucht, auch die Basketballer blieben vom Virus keineswegs unverschont.

Die Not ist also auch im Wettgewerbe, ähnlich wie unter Gastronomen und Künstlern, groß – und auch hier macht sie bisweilen erfinderisch, wie schon das Frühjahr eindrucksvoll bewiesen hat. Wenn schon nicht auf Fußballspiele made in Deutschland, Frankreich, England, Spanien oder wenigstens Italien gesetzt werden konnte, musste im Notfall eben die 3. belarussische Liga herhalten. Dass sich hierzulande, warum auch immer, nicht all zu viele Experten für diese Spielklasse tummeln, machte die Wetterei noch mehr zum Glücksspiel als sie es ohnehin schon ist. Im Prinzip und der Einfachheit halber hätte man wohl auch Würfeln können.

Amateure verhelfen zum Glück

In diesem Sinne eine durchaus brauchbare und hübsche Zocker-Alternative bot übrigens auch der Tischtennissport in Osteuropa. Dort ließ man zu Wettzwecken unbekannte und im wahrsten Sinne des Wortes namenlose Amateure gegeneinander antreten. Dem einen Spieler wurde ein blaues T-Shirt übergezogen, dem anderen ein rotes. Viel mehr wusste man über beide Kombattanten eigentlich nicht. Wie gesagt: Es handelte sich um blutige Amateure.

Ein solcher war übrigens auch Artem Bahmet – und zwar im Tennis. Mehr noch: Der Ukrainer hatte null Ahnung vom weißen Sport, sogar null komma null. Bei einem mit 15.000 Dollar dotierten Turnier der Internationalen Tennis Federation (ITF) in Doha nahm er vergangenen Dezember dennoch teil. Das Ergebnis: 0:6, 0:6 gegen den Thailänder Krittin Koaykul, immerhin die Nummer 1.367 der Welt. Das hört sich bitter an, ist aber das pure Gegenteil – und war genau so geplant. Schließlich hatte Bahmet zwar in der Tat noch nie im Leben einen Tennisschläger in der Hand, dafür aber ist er, so stellte sich heraus, Manager eines Online-Kanals, der sich unter anderem mit Sportwetten beschäftigt. Wie sich zudem herausstellte: Bahmet wettete zusammen mit einem Freund auf die eigene Niederlage – und gewann mehrere tausend Dollar, die dem Vernehmen nach in einen Luxusurlaub reinvestiert wurden.

Wer da jetzt Betrug wittert, ist durchaus auf der richtigen Fährte. Neu ist die Erkenntnis, dass Wetten und Betrug sich zumindest nahe stehen, freilich nicht. Ausnahmsweise hat das noch nicht einmal mit Corona zu tun. Bester Beweis: Auch Geisterspiele gab es schon lange vor der Pandemie, wenn auch in ganz anderem Sinne, nämlich deutlich radikaler: Verzichtet wurde nicht nur auf die Zuschauer, sondern gleich aufs ganze Spiel. Grob umrissen gelingt das potenziellen Betrügern angeblich am besten so: Erst hacken sie die Internetauftritte zweier eher kleinen und möglichst exotischen Vereine, um dort Termindaten und Newsmeldungen zu hinterlegen. Dann versuchen sie dies, diversen kleineren Hinterhof-Wettanbietern zum Beispiel in China schmackhaft zu machen. Und schon kann man mit ein bisschen Glück bzw. Pech auf ein Fußballspiel setzen, dass gar nicht stattfindet und auch nie stattfinden wird.

Cricketspiel wird zum Theaterstück


Noch perfider ist freilich, was sich diesen Juli in Indien abgespielt hat. Dort führte die heimische Wettmafia ein hochklassiges Cricketturnier als eine Art Theaterspiel auf. Soll heißen: Auf vielen Internetkanälen gezeigt wurden angeblich zwei Spiele eines sogenannten T20-Wettbewerbs aus Sri Lanka. Um die Chose möglichst echt aussehen zu lassen, ließen die Mafiosi ein Stück Rasen in Autobahnnähe wie ein Stadion herrichten. Dass Zuschauer komplett fehlten, wurde mit Corona glaubhaft gemacht. Der Haken: Weder das Turnier noch die hochklassigen Mannschaften gab es wirklich. Statt in Sri Lanka wurde in der nordindischen Provinz gespielt. Damit man die Gesichter der angeblichen Cricket-Stars nicht sah, wurde aus der Totalen und leicht verschwommen aufgenommen. Der Aufwand sollte sich lohnen. Große Internetseiten übertrugen jeden Ball, entsprechend florierte das Wettgeschäft. Das Cricket-Theater, so ist zu hören, soll zumindest für die Wettbetrüger ein voller Erfolg gewesen sein.

Zum Artikel

Erstellt:
18. November 2020, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.