Notruf per Klick absetzen

Stuttgart/Düsseldorf (for) – Die bundesweite App „Nora“ soll Sprach- und Hörgeschädigten helfen, auch ohne zu sprechen einen Hilferuf abzusetzen. Derzeit kämpft „Nora“ allerdings mit Serverproblemen.

Mit der Notruf-App „Nora“ können Menschen einen Notruf absetzen, ohne dabei zu sprechen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

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Mit der Notruf-App „Nora“ können Menschen einen Notruf absetzen, ohne dabei zu sprechen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

In einer extremen Notsituation können wenige Sekunden entscheidend sein. Umso wichtiger ist es, schnellstmöglich Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst zu erreichen. Insbesondere für Menschen, die etwa wegen einer Sprach- oder Hörbehinderung nicht telefonieren können, ist der Sprachnotruf über die 110 und 112 aber eine Hürde. Die bundesweite Notruf-App „Nora“ soll Abhilfe schaffen.

Hilfe rufen, ohne dabei sprechen zu müssen: Das ermöglicht die offizielle Notruf-App „Nora“, die gemeinschaftlich von allen Bundesländern in Auftrag gegeben wurde. Innerhalb rund eines Jahres ist die Notruf-App federführend vom nordrhein-westfälischen Innenministerium entwickelt worden, um die bestehenden Notrufsysteme um eine zusätzliche mobile Komponente zu ergänzen. Am 28. September ist die App schließlich in 15 Bundesländern an den Start gegangen – darunter auch Baden-Württemberg. In Berlin sind noch Abstimmungen erforderlich, bevor auch dort der App-Notruf angenommen wird.

App übermittelt Gerätestandort

In erster Linie richte sich die App an Menschen mit Hör- oder Spracheinschränkungen, wie Meik Hauß, Leiter bei der Integrierten Leitstelle Mittelbaden, betont. Bisher standen Menschen mit Sprach- und Hörbehinderungen nur ein Notruf-Fax und ein Gebärdendolmetscherdienst (TESS-Relay) zur Verfügung. Der Dolmetscherdienst stellt die Kommunikation zwischen den Notrufenden und der jeweiligen Einsatzleitstelle her und übersetzt. Das Notruf-Fax muss von einem Standort mit Faxgerät versendet werden und lässt Rückfragen der Einsatzleitstelle nur unter großem Aufwand zu. Ein mobiler Notruf ist über dieses System in der Regel nicht möglich. „Und auch der Standort kann über das Fax nicht sofort bestimmt werden“, merkt Hauß an.

„Mit der App ,Nora‘ kann nun ganz ohne zu sprechen und auch mit geringen Sprachkenntnissen ein Notruf abgesetzt werden“, erklärt das baden-württembergische Innenministerium. So können Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst über das Smartphone mit nur wenigen Klicks kontaktiert werden. Schon im Vorfeld können Nutzer nach der Registrierung persönliche Daten wie Name, Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen oder Handicaps in der App hinterlegen. Das kann den Rettungskräften im Fall der Fälle helfen, eine Gefahrensituation besser einzuschätzen.

Kommt es dann tatsächlich zu einer Notsituation, kann über das Mobil-Gerät der Gerätestandort ermittelt werden. „Eine Besonderheit des Notruf-App-Systems liegt darin, dass ein App-Notruf aufgrund der Standortdaten des Anrufenden direkt an die örtlich zuständige Notrufabfragestelle zugeleitet wird“, erklärt Carsten Dehner, Sprecher des baden-württembergischen Innenministeriums, auf BT-Nachfrage. Alle Leitstellen seien über eine Software mit der App verbunden, fügt Hauß hinzu.

Schnelle Hilfe gewährleisten

Informationen zur konkreten Notsituation werden dann über maximal fünf aufeinanderfolgende Fragen ermittelt, die dem Nutzer in der App angezeigt werden. Dabei helfen Symbole, Texte in leichter Sprache und eine intuitive Nutzerführung. „Aufgrund der abgefragten Informationen zum Hilfeersuchen entscheidet das System, ob die Mitteilung an die Integrierte Leitstelle für Feuerwehr und Rettungsdienst geht oder an das zuständige Führungs- und Lagezentrum der Polizei – oder gegebenenfalls auch parallel an beide Stellen. Damit gehen Hilfeersuchen immer an die richtige Stelle, um eine schnelle und der Notsituation angemessene Hilfe zu gewährleisten“, so Dehner weiter.

Sobald der Notruf an die entsprechende Stelle vor Ort abgesendet wurde, werden Nutzer automatisch über ein Chat-Fenster mit der Leitstelle verbunden. So können Mitarbeiter in den Notrufabfragestellen über die Chat-Funktion nach weiteren wichtigen Informationen für die Einsatzkräfte fragen. „Ein Stück weit stellt der Chat natürlich einen Mehraufwand für die Leitstellen-Mitarbeiter dar“, merkt Hauß an. „Aber es bringt die nötige Hilfe für Menschen mit Einschränkungen.“ Falls eine Person nicht in der Lage ist, im Chat zu schreiben, sendet die Leitstelle natürlich trotzdem die benötigte Unterstützung zum Notfall-Ort. Und insbesondere wenn es um den Ort geht, könne mithilfe der „Nora“-App wiederum Zeit eingespart werden. „Oft wissen Leute in einer Notsituation nicht genau, wo sie sich befinden, etwa im Wald oder auf der Autobahn. Dank der Standortübermittlung über die ,Nora‘-App müssen wir dann nicht erst den Ort ausfindig machen“, nennt Hauß einen weiteren Vorteil.

„Stiller Notruf“ in Bedrohungssituationen

Eine zusätzliche Besonderheit der App sei die Möglichkeit, einen „Stillen Notruf“ abzusetzen. Dabei kommuniziert die Einsatzleitstelle nur lautlos mit den Betroffenen über den Chat. Das sei für Situationen hilfreich, in denen ein Notruf möglichst unbemerkt bleiben soll, beispielsweise wenn sich Betroffene bedroht fühlen.

„Ziel war, eine alternative Notrufmöglichkeit zu schaffen, um den Notruf in Deutschland barrierefreier zu gestalten“, so das Innenministerium. Mit „Nora“ sei das gelungen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Janina Fortenbacher

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Erstellt:
6. Oktober 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
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