Nur Schoko-Weihnachtsmänner bleiben wie Blei liegen

Von BT-Redakteur Hartmut Metz

Gaggenau (ham) – Hamsterkäufe in den Supermärkten bereiten auch dem Gaggenauer Tafelladen Probleme. Manche Waren werden knapp. Zudem steigt die Zahl der Kunden.

Nur Schoko-Weihnachtsmänner bleiben wie Blei liegen

Zumindest was Schoko-Nikoläuse anlangt, kann Tafelladen-Chef Josef Hartmann entspannt lächeln: Von diesen schlummern mehr als genug in den Regalen. Foto: Hartmut Metz/BT

Bei den Endivien- und Feldsalaten und dem Gemüse stehen zwei Damen und verteilen die knapp gewordene Ware an die Menschen, die rote Einkaufskörbe hinter sich herziehen. 30 Cent kostet der Feldsalat laut dem Preisschild an dem Regal. Ein Schnäppchen im Vergleich zu den anziehenden Lebensmittelpreisen in Supermärkten und Discountern.

Aber es handelt sich nicht um einen ganz taufrischen Feldsalat – schließlich stammt er von einem hiesigen Lebensmittelmarkt, der seinen Kunden die Ware nicht mehr anbieten wollte. Essbar ist das Grün dennoch. Ware mit abgelaufenen Verfallsdatum bietet der Gaggenauer Tafelladen seiner bedürftigen Kundschaft (siehe „Zum Thema“) niemals an. Das gilt selbst für die leckeren Schoko-Weihnachtsmänner, die einen aus blauen Körben neben der Kühltheke anlachen. Obwohl sie teilweise aus der Überproduktion von Milka stammen, liegen die Süßigkeiten wie Blei in den Regalen – wenn der Osterhase naht, will wohl niemand seinem Kind einen Weihnachtsmann ins Nest legen. Selbst die rot-weißen Weihnachtsmänner, die das Emblem des FC Bayern München tragen, nimmt keiner in seinen Korb – die Sozialhilfeempfänger und Asylbewerber plagen sicher andere Sorgen als die Ergebnisse der Millionarios in kurzen Kicker-Hosen, weshalb sie nicht als Fans beherzt zugreifen.

Pizza wird am liebsten eingekauft

Zwei Meter weiter packen sie dafür umso mehr in ihren roten Rollkorb: „Pizzen gehen immer und sind am beliebtesten. Da gehen ganze Kartons weg“, berichtet Josef Hartmann, während einer der rund 70 ehrenamtlichen Helfer der Gaggenauer Tafel für Nachschub sorgt. „Wir haben noch 80 Kisten mit 80 kleinen Pizzen“, berichtet der Mann zufrieden. Die 20 Cent billige Tiefkühlware stammt von einem großen Hersteller – oder aus Rastatt, wo die größte baden-württembergische Verteilstation der Tafel sitzt. Egal, woher, Hauptsache genug da für die täglich rund 70 Kunden.

Bereits 15 Ukrainer als Neukunden

Hartmann macht sich als Vorsitzender der Gaggenauer Tafel derzeit Sorgen. Zum einen, weil sich die Quote der Flüchtlinge unter seinen Kunden noch deutlich erhöhen wird, obwohl sie schon bei „über 50 Prozent“ liegt. Der Krieg in der Ukraine hat bereits 15 Geflüchtete, die in Forbach strandeten, in die Arme der Gaggenauer Tafel getrieben. „Es werden sicher noch mehr. Freiolsheim erwartet auch Ukrainer“, fürchtet Hartmann, dass die Schlangen an den Öffnungstagen Dienstag und Freitag noch länger werden als sie eh schon sind. Geduldig und diszipliniert warten die Menschen in der Unimogstraße 1 vor dem Laden, in den zu Corona-Zeiten nur maximal sechs von ihnen mit Maske dürfen. Sie wissen: Jeder kommt dran, auch wenn es laut Hartmann „demnächst 100 statt 70“ sein sollten. Das rührige Team aus dem Murgtal, das sich überwiegend aus älteren Ehrenamtlichen und zwei Mini-Jobbern zusammensetzt, lässt den Laden auf, bis auch der Letzte seinen Warenkorb füllen konnte.

Auch im Tafelladen fehlt Mehl

Neben dem zunehmenden Andrang macht Hartmann gerade jetzt auch die zurückgehende Spendenbereitschaft zu schaffen. Die acht Bäckereien von Bischweier bis Gernsbach liefern zuverlässig Waren vom Vortag. Auch die Metzgerei Krug und Edeka Südwest Fleisch, wobei hier die muslimische Kundschaft, etwa aus Afghanistan, auf Halal-Produkte Wert legt, sprich: das Schweinefleisch unberührt lässt.

Dagegen fehlt es im Tafelladen an Mehl, macht Hartmann die „Hamsterkäufe als Problem“ aus, die die Lage „verschärfen“. Der seit zwölf Jahren als Vorsitzender der Tafel amtierende Gaggenauer fühlt sich an die Lage 2015/2016 erinnert, als viele Syrer nach Deutschland strömten. Dass die Märkte immer weniger spenden, weil sie ihren Warenbestand optimieren und so weniger übrig bleibt, mag der 78-Jährige nicht kritisieren. Im Gegenteil! Generell sei das ja gut, schließlich „ besteht unsere Zielsetzung darin, Lebensmittel zu retten, die sonst entsorgt würden. Wir haben nicht das Ziel, bedürftige Menschen komplett zu versorgen. Diesbezüglich muss der Staat seiner Fürsorgepflicht nachkommen“, stellt Hartmann klar.

Bedürftige zahlen nur ein Zehntel des Preises

Während seiner Ausführungen passieren einige Kunden mit ihren prall gefüllten Rollkörben die Ladenkasse vor dem Ausgang. Sie zeigen ihre Laufzettel vor, sodass sie nicht die angezeigten Einzelpreise beim Feldsalat oder den kleinen Pizzen berappen müssen. „Im Schnitt bezahlen die Leute vier bis fünf Euro“, weiß der Vorsitzende der Tafel und betont, „das sind etwa zehn Prozent des ortsüblichen Preises.“ Der Werbespruch eines Discounter-Riesen lässt sich deshalb zum Glück der Bedürftigen umdeuten: „Tafelladen lohnt sich!“

Zum Thema:

Im Tafelladen in der Gaggenauer Unimogstraße 1 kann nicht jeder spontan zum Einkaufen gehen.

Öffnungszeiten: dienstags und freitags von 13 bis 15 Uhr. Bei größerem Andrang weist der Gaggenauer Tafelladen niemand ab und lässt den Laden länger geöffnet. „Es wird meist doch eher 16 Uhr“, berichtet der Ortsvorsitzende der Tafel, Josef Hartmann.

Kundenkarte: Um das Angebot nutzen zu können, benötigten Bedürftige eine Kundenkarte. Um diese zu erhalten, muss man an den beiden Öffnungstagen in der Zeit von 14 bis 15 Uhr nachweisen, dass man Sozialhilfeempfänger ist, ein Asylbewerber oder Flüchtling. Die Verlängerung der Kundenkarte kann während der gesamten Öffnungszeit beantragt werden.

Fahrtkosten-Ersatz: Die Gaggenauer Tafel erstattet ihren Kunden seit diesem Monat einen Teil Ihrer KVV-Fahrtkosten, sofern sie weiter als eine KVV-Wabe entfernt von Gaggenau wohnen. Sie bekommen den eine Wabe übersteigenden Preis für Hin- und Rückfahrt ersetzt. Bei Vorlage der Fahrkarte gibt es für Gernsbacher und Weisenbacher 1,20 Euro ersetzt. Bei Forbachern, die drei Waben benötigen, sind es 3,20 Euro.

Kontakt: info@gaggenauer-tafel.com oder Telefon (0 72 25) 6 39 63 46.

www.gaggenauer-tafel.com