„Nur kaufen, was man wirklich benötigt“

Baden-Baden (ans)– Julian Senn forscht am Institut für Energie und Umwelt (ifeu) in Heidelberg zum Thema Nachhaltigkeit und Ökobilanz von Lebensmitteln. BT-Volontärin Anna Strobel hat ihn interviewt.

Verbraucher haben in Sachen Ernährung einen großen Einfluss auf ihren CO2-Fußabdruck. Foto: Holger Hollemann/dpa

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Verbraucher haben in Sachen Ernährung einen großen Einfluss auf ihren CO2-Fußabdruck. Foto: Holger Hollemann/dpa

Im Gespräch mit dem BT erläutert der Nachwuchswissenschaftler Senn, worauf Verbraucher beim Einkaufen achten können und warum Bioqualität nicht immer klimafreundlich ist.

BT: Herr Senn, welche Lebensmittel müssten im Einkaufswagen liegen, damit die Ernährung möglichst klimafreundlich ist?
Julian Senn: Ich würde die Frage andersrum stellen. Was sollte nicht im Einkaufswagen liegen? Ein wichtiger Punkt bei der Klimabilanz ist, dass man nur das kauft, was man wirklich benötigt, um Lebensmittelabfälle zu vermeiden. Das ist ein wesentlicher Faktor, der sich auf die Klimabilanz der Ernährung auswirkt, denn jedes Lebensmittel, das weggeschmissen wird, muss trotzdem angebaut werden, Düngemittel müssen produziert werden, es muss transportiert und verarbeitet werden, um im Supermarkt zu landen. Das führt alles zu Klimaauswirkungen. Ein guter Einkauf ist ein geplanter Einkauf.

BT: Wie sieht es in Sachen Klimafreundlichkeit bei Getränken aus. Liegt beispielsweise der CO2-Fußabdruck von Leitungswasser wirklich bei null?
Senn: Ja und nein. Die Energie, die benötigt wird, um das Wasser aufzubereiten, die ist auf den Liter gerechnet auf so einem geringen Niveau, dass es sich erst bei der dritten Nachkommastelle bemerkbar macht. Dementsprechend kann man sagen, dass die Klimabilanz von Leitungswasser annähernd bei null liegt.

Julian Senn ist Nachhaltigkeitsforscher am ifeu in Heidelberg. Foto: Nanna Evers/ifeu

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Julian Senn ist Nachhaltigkeitsforscher am ifeu in Heidelberg. Foto: Nanna Evers/ifeu

Fleisch hat schlechte Energiebilanz

BT: Welchen Einfluss hat es, wenn man Fleisch mit vegetarischen oder veganen Ersatzprodukten austauscht?
Senn: Es ist ganz klar, dass Fleisch im Vergleich zu pflanzlichen Ersatzprodukten oder Proteinlieferanten eine deutlich schlechtere Klimabilanz hat. Rind liegt zwischen 13 und 14 Kilogramm CO2 pro Kilogramm Fleisch. Wenn man das mit Ersatzprodukten wie Tofu oder Sojageschnetzeltem, Seitan aus Weizeneiweiß, Bratlingen aus Soja oder auf Erbsenproteinbasis vergleicht, ist man bei diesen Produkten eher im Bereich von einem Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilogramm Lebensmittel. Das ist ein immenser Unterschied. Im Vergleich zu Schweine- oder Hähnchenfleisch liegt man immer noch bei einem Faktor von vier bis fünf.

BT: Woran liegt das?
Senn: Man kann drei Hauptgründe nennen, warum Fleischprodukte eine deutlich höhere Klimabilanz aufweisen als pflanzliche Produkte. Das ist zum einen der ineffiziente Umweg, den man über das Tier geht. Um ein Kilo Schweinefleisch zu produzieren braucht man ungefähr fünf Kilo Futtermittel. Diese müssen aufwendig angebaut werden. Dafür braucht man Düngemittel und Pestizide, dann kommen noch Transportwege dazu. Ein zweiter Grund ist, dass für den Anbau des Futtermittels Flächen genutzt werden, die CO2 gespeichert haben. Ein Beispiel wäre Sojaanbau in Brasilien. Da wird Soja angebaut, wo vorher Regenwald war. Dadurch werden immense CO2-Emissionen freigesetzt. Grund drei betrifft speziell das Rind als Wiederkäuer. Es stößt in der Aufzucht riesige Mengen an Methan aus.

Thema Bio ist sehr komplex

BT: Laut einer Studie sind Biobutter und Biokäse klimaschädlicher als herkömmliche. Was ist generell von Bio zu halten?
Senn: Das Thema Bio ist sehr komplex. Beim Bioanbau wird einerseits deutlich weniger Düngemittel genutzt. Das führt dazu, dass Biolebensmittel zum Teil einen geringeren CO2-Fußabdruck als konventionelle Lebensmittel haben. Andererseits sind die Erträge im Biolandbau in der Regel geringer, was dazu führt, dass mehr Fläche benötigt wird. Durch Landnutzungsänderungen werden Treibhausgase freigesetzt. Bei vielen Lebensmitteln, gerade bei Gemüse und Obst, ist es oft ein Nullsummenspiel. Das ist abhängig davon, welchen Apfel oder welche Tomate man gerade anschaut.

BT: Wie sieht es bei Bioprodukten tierischen Ursprungs aus?
Senn: Bei tierischen Produkten ist ein wesentlicher Faktor, dass Biorinder nicht mit so viel Sojakraftfutter gefüttert werden. Weiterhin geben sie später Milch und werden später geschlachtet. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem man das Glas Milch in der Hand hält, haben die Kühe deutlich mehr Methan ausgestoßen. Gerade bei tierischen Produkten schneidet Bio teilweise ein bisschen schlechter ab als das konventionelle Produkt. Nichtsdestotrotz sind Bioprodukte zu empfehlen, weil sie wesentliche Vorteile in Bezug auf Tierschutz und Biodiversität haben.

Konservendosen haben hohen Energieaufwand

BT: Das ifeu untersucht, welche Rolle Verpackung, Transport und Anbaufläche spielen. Welcher Aspekt ist am gewichtigsten?
Senn: Das hängt stark davon ab, um was für ein Lebensmittel es sich handelt und woher es kommt, also wohin es transportiert werden muss, und wie es verpackt ist. Im Normalfall spielt der landwirtschaftliche Anbau eine sehr große Rolle. Wenn zum Beispiel Regenwald abgeholzt wird, hat das einen großen Einfluss. Bei der in Plastik eingeschweißten Salatgurke, da hat die Verpackung, die nur eine dünne Folie ist, aus Klimasicht fast keinen Einfluss. Das sind weniger als zehn Prozent von der Gesamtklimabilanz dieser Gurke. Es gibt aber auch Beispiele, da macht die Verpackung den Löwenanteil aus.

BT: Wann ist das der Fall?
Senn: Wenn man frischen Rotkohl vergleicht mit einem Rotkohl im Einwegglas oder in der Konservendose, macht die Verpackung über 50 Prozent der Gesamtklimabilanz aus. Aus Klimasicht haben Verbundkartons oder dünne Plastikfolien, ohne auf die Plastikproblematik einzugehen, einen sehr geringen Einfluss. Konservendosen aus Aluminium und Einwegglas müssen dagegen mit hohem Energieaufwand produziert und beim Recycling eingeschmolzen werden. Glasmehrwegflaschen haben dagegen eine sehr gute Klimabilanz.

BT: Privatpersonen haben Einfluss auf ihren CO2-Fußabdruck. Aber wie groß ist der Beitrag, den sie im Vergleich zur Industrie leisten können?
Senn: Einzelne Personen haben Einfluss, indem sie den Konsum tierischer Produkte verringern. Ein Durchschnittsdeutscher hat einen Klimafußabdruck von etwa 11,5 Tonnen CO2 pro Jahr. Davon macht die Ernährung 1,7 bis zwei Tonnen aus. Wenn man von fleischlicher auf vegetarische Ernährung umstellt, kommt man dann von 1,7 auf eine Tonne. Bei veganer Ernährung sogar auf 0,8 Tonnen. Im Bereich Lebensmittel kommt es drauf an, was die Konsumenten nachfragen. Die Verantwortung liegt aber nicht allein beim Konsumenten. Das Angebot an klimafreundlichen Lebensmitteln ist in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden. Die Frage ist auch: Ist es nötig, dass Supermärkte im Winter Erdbeeren oder Tomaten anbieten, die im beheizten Gewächshaus angebaut werden müssen? Das Gewerbe hat an dieser Stelle eine gewisse Verantwortung, solche Konsumentscheidungen nicht zu fördern. Außerdem hat der Konsument keinen großen Einfluss darauf, wie viele Lebensmittel zwischen Acker und Supermarktkasse bereits weggeworfen werden, weil sie nicht der Norm entsprechen. Da sollte die Industrie tätig werden.

Avocados aus der Karibik mit besserer Klimabilanz

BT: Gab es auch mal ein Studienergebnis, das Sie überrascht hat?
Senn: Wir berechnen auch Flächen- und Wasserfußabdrücke. Da gibt es spannende gegenläufige Ergebnisse. Wenn man jetzt zum Beispiel eine Avocado betrachtet, die aus Spanien kommt, weist sie wegen des kürzeren Transportwegs eine leicht bessere Klimabilanz als eine Avocado aus der Karibik vor, die mit dem Schiff hierherkommen muss. Aber aus Wassersicht ist eine Avocado aus der Karibik deutlich besser als eine spanische Avocado, die höchstwahrscheinlich in Andalusien angebaut wird, wo eine große Wasserknappheit herrscht. Da ist das Wasser mehr Wert, als das Wasser in der Karibik. Während man bei einer Avocado aus der Dominikanischen Republik auf einen Wasser-Fußabdruck von gut zwei Quadratmetern Wasser-Äquivalente kommt, schlägt die durchschnittliche Avocado aus Spanien mit knapp 300 Quadratmetern Wasser-Äquivalente zu Buche. Mich als Experten überrascht hier nicht, dass es so ist, sondern wie groß die Differenz ist.

BT: Was können Verbraucher beachten, wenn Sie sich nachhaltig ernähren wollen?
Senn: Wir haben einen Leitfaden für nachhaltige Ernährung entwickelt. Ein wesentlicher Punkt ist fleischarme Ernährung. Regionale und saisonale Produkte sind auch ein wichtiger Punkt. Wobei saisonal oft einen höheren Einfluss hat als Regionalität. Biolebensmittel kaufen, auf Verpackung, Einwegglas und Konservendosen verzichten und Abfälle vermeiden. Man kann auch faire Lebensmittel kaufen, das beinhaltet aber eher den sozialen Aspekt. Auch ein wichtiger Punkt: Dass man Lebensmittel vermeidet, die in trockenen, wasserarmen Regionen der Erde produziert werden.

Zum Thema: Klimafreundlich einkaufen

„Klimafreundliche Einkaufsverhalten wirkt sich immens auf den Klimafußabdruck aus“, sagt Nachhaltigkeitsforscher Julian Senn. Ginge man nach der Arbeit auf dem Nachhauseweg noch einkaufen und der Supermarkt liege ohnehin auf dem Weg, könne man viel CO2 einsparen. „Die Einkaufsfahrt kann sich dermaßen auf den Einkauf auswirken, dass was man kauft, vernachlässigbar ist“, so Senn. Wenn man fünf Kilometer mit dem Auto zum Bauernhof fahre, um ein Kilo Äpfel zu kaufen, dann mache die Fahrt hin und zurück über 90 Prozent der Klimabilanz aus. Man solle auf Wegen, die man sowieso gehe, einkaufen oder mit dem Fahrrad den Einkauf erledigen, findet er. „Lieber einen Großeinkauf machen, wenn man extra losfährt, als mehrere Kleineinkäufe“, empfiehlt der Experte.


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