Obdachlos an der Oos: So hilft die Caritas in Baden-Baden

Baden-Baden (rjk) – Von den 300 Wohnungslosen in Baden-Baden leben nur wenige wirklich auf der Straße, berichtet Christian Frisch vom Caritasverband. Er weiß auch, wie den Menschen geholfen wird.

Positive Entwicklung: Drei Jahre lang lebte Farid auf der Straße. 2018 fand die Wohnungslosenhilfe der Caritas für ihn eine Wohnung. Foto: Ralf Joachim Kraft

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Positive Entwicklung: Drei Jahre lang lebte Farid auf der Straße. 2018 fand die Wohnungslosenhilfe der Caritas für ihn eine Wohnung. Foto: Ralf Joachim Kraft

In Baden-Baden, der Stadt der Reichen und der schmucken Villen, leben auch Menschen, die weder über viel Geld noch über „mietvertraglich gesicherten Wohnraum“ verfügen: „Etwa 300 Wohnungslose leben im Stadtkreis. Rund ein Viertel davon sind Frauen“, erzählt Christian Frisch, der beim Caritasverband Baden-Baden den Fachbereich Wohnungslosenhilfe leitet.

Bei einem Besuch im Caritasheim für Wohnungslose in der Ooser Bahnhofstraße 2a berichtet Frisch von 20 Menschen, die hier stationär wohnen und persönliche und materielle Hilfe erhalten. Der Aufenthalt diene zunächst dazu, die individuellen Probleme abzuklären, die Menschen zu motivieren und nach geeigneten Hilfemöglichkeiten für sie zu suchen. Von der Schuldnerberatung über die Fachstelle Sucht bis zum Psychiater.

Denn: „Meist sind es mehrere Probleme, die bei diesen Menschen zusammenkommen.“ Gründe für Obdachlosigkeit gebe es viele. Einige der Ursachen dafür, dass Menschen ihr Dach über dem Kopf verlieren, seien Krankheit, Schicksalsschläge, der Verlust des Arbeitsplatzes, Schulden, Gefängniserfahrung, Alkohol- und Drogensucht.

Anspruch und Recht auf staatliche Hilfe

Eigentlich, so sagt Frisch, müsste die Wohnungslosenhilfe aufgrund ihrer Angebote „Hilfe für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten“ heißen. Ein wichtiger Bestandteil dieser Hilfe sei die Teilnahme der Heimbewohner an Aktivitäten, durch die sie sich wieder an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen. Etwa, indem sie sich in den Bereichen Technik, Hauswirtschaft und Küche nützlich machen oder im Café der Tagesstätte mitarbeiten.

In der nicht weit entfernten Obdachlosenunterkunft in der Westlichen Industriestraße hat die Stadt Baden-Baden laut Frisch etwa 100 Menschen per Einweisung „ordnungsrechtlich untergebracht“. Die restlichen 170 bis 180 Personen verteilen sich seinen Angaben zufolge über den gesamten Stadtkreis.

„Die meisten leben in Wohnungen und Wohngemeinschaften. Einige kommen als Couch-Surfer kurzfristig bei Bekannten unter. Nur wenige leben wirklich auf der Straße“, so Frisch. Gleichwohl hätten sie dieselben Rechte und denselben Anspruch auf Leistungen wie jene, die in Wohnungen untergekommen sind.

„Wir zahlen Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe in Form von Tagessätzen aus. Wer sich nicht nur als Durchreisender ein paar Tage lang in Baden-Baden aufhält, sondern länger bleibt, kann auch einen Monatsbetrag erhalten.“ Hilfen anbieten, Unterstützungsangebote vermitteln und durch betreutes Wohnen dazu beitragen, dass wohnungslose Menschen doch irgendwann wieder in eigenem Wohnraum ihr Leben selbstständig meistern. Darin sieht die Wohnungslosenhilfe der Caritas ihre wesentliche Aufgabe. Besonders freue man sich daher über all jene, die es geschafft haben. So wie Farid. „Im Dezember 2018 konnten wir für ihn eine Wohnung in der Briegelackerstraße finden“, erzählt Frisch, der „nach wie vor an Wohnungen interessiert“ ist, wie er sagt. „Gerne so wie in Farids Fall. Hier hat der Caritasverband als Hauptmieter die Wohnung angemietet und dann untervermietet.“

„Trott-war“ mit doppeltem Wortsinn

Farid habe sich in den zweieinhalb Jahren seines Aufenthalts im Caritasheim enorm verändert, sagt Frisch. „Bis zu seinem 29. Lebensjahr lebte er bei seiner Stiefmutter in Baden-Baden. Mit ihr hat er sich nie wirklich verstanden.“ 2008 warf sie ihn aus der Wohnung. Er lebte dann drei Jahre am Bahnhof, hatte kein Einkommen und kämpfte sich auf der Straße so durch.

2011 kam er in die „ordnungsrechtliche Unterbringung“ in der Westlichen Industriestraße. Dort lebte er weitere fünf Jahre, bis er 2016 im Wohnheim aufgenommen wurde. Mittlerweile kocht Farid in der dortigen Küche für die Bewohner und die Gäste des Hauses „fast selbstständig“. Außerdem ist er seit April einer von drei Verkäufern der monatlich erscheinenden Straßenzeitung „Trott-war“. Das motivierte Trio bringt sie zum Preis von 2,80 Euro pro Exemplar in Baden-Baden an den Mann. Ebenfalls mit von der Partie sind Heimbewohner Bernd und die ehrenamtlich beschäftigte Stefanie, die ein geringes Einkommen hat. Den Erlös aus dem Straßenverkauf teilen sich die Verkäufer mit dem Verlag. „Inhaltlich befasst sich Trott-war nicht nur mit Obdachlosenthemen“, betont Frisch. „Der Name soll im doppelten Wortsinn die Situation der Betroffenen abbilden. Der Trott auf der Straße war. Jetzt bricht etwas Neues an.“

Pandemie verschlimmert Situation

Die Corona-Jahre 2020 und 2021 haben die Wohnungslosenhilfe vor extreme Herausforderungen gestellt. Der ohnehin schwierige Alltag wohnungsloser Menschen war laut den Verantwortlichen in Pandemiezeiten noch härter. Die komplette Infrastruktur war vielerorts weggebrochen oder stand nur eingeschränkt zur Verfügung. Tagesstätten, Wärmestuben, öffentliche Toiletten und sonstigen Treffpunkte waren geschlossen oder im Betrieb eingeschränkt. Einnahmen, wie sie durch das Sammeln von Flaschen, das Betteln oder den Erlös aus dem Verkauf von Obdachlosenzeitungen erzielt werden, waren weggefallen. Auch die medizinische Versorgung war und ist für wohnungslose Menschen eine besondere Herausforderung. Unabhängig von Corona wird es laut Caritas zudem immer schwieriger, bezahlbare Wohnungen zu finden, weil der Bestand an Sozialwohnungen weiter rückläufig und der Wohnungsmarkt an vielen Orten in Baden-Württemberg seit Langem stark angespannt ist.

Zu wenig Wohnraum

Ralf Joachim Kraft kommentiert: Seit Jahren nimmt die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland stetig zu. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) schätzt die Jahresgesamtzahl aller wohnungslosen Menschen in Deutschland auf aktuell etwa 417.000. Davon leben etwa 45.000 ohne jede Unterkunft auf der Straße. In Baden-Baden gibt es laut Caritas rund 300 Wohnungslose. Tatsächlich obdachlos sind aber die wenigsten. Die meisten haben ein Dach über dem Kopf, obwohl auch sie nicht über mietvertraglich gesicherten Wohnraum verfügen. Sie wohnen bei Freunden, in Not- und Obdachlosenunterkünften, Wohnheimen, betreuten Wohnungen oder Wohngemeinschaften.

Während sie weitgehend unsichtbar bleiben, verkörpern all jene, die deutlich sichtbar auf der Straße leben, die Armut schlechthin. Sie sind die „Penner“, die „Berber“ oder „Gammler“, die irgendetwas aus der Bahn geworfen hat. Nun ist es sicher richtig, dass Schicksalsschläge, Krankheit, Sucht, Gefängniserfahrung oder Jobverlust Auslöser für Wohnungsverlust sein können. Wahr ist aber auch, dass immer mehr Menschen schlichtweg ihre Mieten nicht mehr bezahlen können.

Der Anstieg der Wohnungslosigkeit hängt doch vor allem damit zusammen, dass es immer mehr arme Menschen gibt. Zugleich herrscht eine zunehmende Wohnungsnot. Es mangelt an bezahlbarem Wohnraum. Lange vor den aktuellen Preisexplosionen stiegen die Mietpreise exorbitant, während der Bestand an Sozialwohnungen schrumpfte.

Ihr Autor

Ralf Joachim Kraft

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Erstellt:
17. Mai 2022, 07:00 Uhr
Lesedauer:
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