Odyssee durch Eis und Schnee

Sand (moe) – Die Bundesliga-Fußball-Frauen des SC Sand haben in dieser Saison einige Abenteuer mit langen Anfahrten bestehen müssen – und frustigen Absagen. Am Sonntag soll in Potsdam gespielt werden.

 SCS-Torfrau Jule Baum (links) und Spielführerin Michaela Brandenburg kassierten im Pokalspiel in Potsdam eine Niederlage. Foto: Julius Frick/Jan Hübner

© Julius Frick/Jan Huebner

SCS-Torfrau Jule Baum (links) und Spielführerin Michaela Brandenburg kassierten im Pokalspiel in Potsdam eine Niederlage. Foto: Julius Frick/Jan Hübner

Beim SC Sand hätte es in den vergangenen Tagen niemanden wirklich überrascht, wenn Guido Cantz beim Training der Bundesliga-Fußballerinnen im Kühnmatt-Stadion vorbeigeschaut und den erlösenden Satz gesprochen hätte, für den der Moderator aus Funk und Fernsehen bekannt ist: „Herzlich willkommen bei der Sendung ,Verstehen Sie Spaß?“. Diesen Spruch wird man nach Lage der Dinge im Willstätter Ortsteil allerdings nicht zu hören bekommen, dennoch kamen sich Spielerinnen und Verantwortlichen des SCS zuletzt vor wie im falschen Film.

Sascha Reiß ist ein überaus höflicher Zeitgenosse. Rhetorisch versiert und trotz der Tatsache, dass er erst ziemlich genau ein Jahr als Sander Sportdirektor im Profibereich mitmischt, so gewieft, dass er natürlich weiß, welche medialen Folgen es hätte, wenn er zum verbalen Rundumschlag ausholen würde. Indes: Man könnte es durchaus nachvollziehen, wenn dem 38-Jährigen der Kragen platzen würde. Stattdessen spricht der Kuppenheimer fast schon euphemistisch von „ärgerlichen Entscheidungen“, mit denen sein Club sich jüngst konfrontiert sah, und fügt im BT-Gespräch hinzu: „Es hilft ja nichts, sich zu beklagen.“

Dazu hätte man beim Elite-Dorfclub aus der Ortenau allerdings allen Grund gehabt. Im Prinzip begann alles mit einer Odyssee durch Schnee und Eis am ersten Februar-Wochenende. Trotz eines nahenden Wintersturms und im Vorfeld beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) geäußerter Bedenken musste der SCS-Tross am 6. Februar nach Essen reisen, um am Folgetag bei der dortigen SGS anzutreten. Dazu kam es letztlich nicht, weil am Morgen des Spiels – wie von allen Meteorologen vorhergesagt – 30 Zentimeter Neuschnee den Anstoß verhinderten. So mussten die Sanderinnen unverrichteter Dinge – und obendrein finanziell geschröpft – die nicht ganz ungefährliche Heimfahrt über winterliche Autobahnen antreten. SCS-Manager Gerald Jungmann war „stinksauer. Jeder wusste, was für eine Wetterlage auf uns zukommt, nur beim DFB hatten sie die Scheuklappen auf.“ Dass auch das Derby beim SC Freiburg eine Woche später witterungsbedingt abgesagt werden musste, fiel da deutlich weniger ins Gericht.

„Mit aller Macht dagegen stemmen“

Nicht wirklich erfreulich war aus Sicht des SC Sand freilich, dass die Partie dann just am 3. März nachgeholt wurde, also nur zwei Tage nach der nächtlichen Rückkehr von der strapaziösen Auswärtsfahrt nach der knappen 1:2-Pokalniederlage bei Turbine Potsdam. Das Derby beim SC verlor Sand dann „ziemlich unglücklich“, wie Reiß betont, mit 1:2, obwohl man den Favoriten streckenweise „an die Wand gespielt“ hatte. Dazu muss man wissen, dass die neue Sander Trainerin Nora Häuptle einen Teil der Stammkräfte geschont hatte – mit Blick auf das anstehende „Spiel des Jahres“ (Reiß) gegen den MSV Duisburg, das am vergangenen Wochenende hätte stattfinden sollen. Beide Teams kämpfen gegen den Abstieg, der MSV ist mit drei Punkten Schlusslicht, der SCS mit sechs Zählern Vorletzter.

Die Umstände rund um das wichtige Heimspiel könnten indes alleine ein Buch füllen: Bereits am 24. Februar hatten die Duisburger laut Reiß beim DFB eine Verlegung beantragt, schließlich musste die MSV-Mannschaft aufgrund mehrerer Corona-Fälle in Quarantäne. Abgesagt wurde die Partie auch – allerdings erst Stunden vor dem anvisierten Anpfiff. Genau genommen wurde der Abstiegs-Showdown sogar ein zweites Mal abgesagt: Verschoben wurde das Spiel zunächst auf vergangenen Dienstag. Am Montagabend hieß es dann erneut: Spiel abgesagt, wieder ein Corona-Fall beim Gegner.

An Spekulationen rund um die Verschiebungsposse will man sich beim SC Sand auch angesichts der teils schwerwiegenden Auswirkungen einer Covid-19-Infektion nicht beteiligen. Stattdessen gilt es, sich auf die kommenden Aufgaben zu konzentrieren. Diesbezüglich ist es jedoch plausibel, dass ein derartiges Hin und Her zwischen mentaler Anspannung vor einem Ligaspiel und kurzfristigen Absagen an den Nerven der Spielerinnen zerrt. Zumal sich das Team im Abstiegskampf befindet. Aber Reiß versichert, „dass wir uns mit aller Macht dagegenstemmen. Die Mädels hauen sich voll rein“, weiß der Sportdirektor. In Sachen Klassenerhalt ist Reiß auch wegen der vielversprechenden Wintertransfers um Adrienne Jordan optimistisch. Sein Team habe eine „höhere Qualität“ als die Konkurrenz in der unteren Tabellenhälfte. Was indes fehlt, sind Ergebnisse. Die letzten Punkte datieren vom 11. Oktober vergangenen Jahres.
„Die Spielerinnen sind es nicht mehr gewohnt, zu gewinnen, das müssen wir lernen. Wir dürfen ruhig mehr an uns glauben“, betont Neu-Trainerin Häuptle. Die nächste Gelegenheit dazu hat ihr Team morgen, dann geht es für den SCS erneut zu Turbine Potsdam. Dort sind die Ortenauerinnen in der Außenseiterrolle, was die Protagonisten aber nicht weiter stört: „Wir sind jetzt die Jäger, diese Rolle liegt uns“, sagt Häuptle.

Neuigkeiten gibt es seit Donnerstag übrigens auch, was die ausstehende Partie gegen den MSV Duisburg betrifft: Diese soll nun am kommenden Mittwoch um 14 Uhr nachgeholt werden. Aber wer weiß, vielleicht kommt Guido Cantz doch noch um die Ecke...

Ihr Autor

BT-Redakteur Moritz Hirn

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Erstellt:
12. März 2021, 18:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 26sec

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