Ökonom Götz: „Es gibt keine risikofreie Geldanlage mehr“

Baden-Baden (tas) – Der Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensberatung, Ralf-Joachim Götz, spricht im BT-Interview über Inflation, Minuszinsen und Staatsschulden

DVAG-Chefvolkswirt Götz: „Irgendwann werden die Zinsen wieder steigen.“Foto: Anne Simon/DVAG

© Anne Simon

DVAG-Chefvolkswirt Götz: „Irgendwann werden die Zinsen wieder steigen.“Foto: Anne Simon/DVAG

Corona hat nicht nur dazu geführt, dass die Deutschen mehr Geld in Form von Sichteinlagen zur Seite legen, immer mehr Sparer wagen sich angesichts von Minuszinsen und steigender Inflation auch an die Börse. Denn Verwahrentgelte und die vergleichsweise hohe Inflation machen den Menschen zu schaffen, wie der Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG), Ralf-Joachim Götz, im BT-Interview sagt.

BT: Herr Götz, in der Corona-Krise haben viele Deutsche die Aktie als Geldanlage (wieder-)entdeckt. Woran liegt das?
Ralf-Joachim Götz: Corona ist ein Beschleuniger von Entwicklungen, die mitunter schon vorher erkennbar waren. Hinzu kommen nun Themen, die viele Menschen nachdenklich machen. Anleger und Sparer spüren immer deutlicher, dass sie Kaufkraft verlieren – entweder über Minuszinsen oder durch steigende Preise. Weil bei manchem Sparer gleich beides zusammenkommt, erfährt das Interesse an aktienbasierten Geldanlagen verstärkt Zulauf. Der Trend hat bereits im vergangenen Jahr eingesetzt. Baden-Württemberg ist ganz vorne dabei. Der Anteil der Aktien- und Fondsanteilsbesitzer liegt hier nach Erhebungen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) bei 23 Prozent. Kommen noch fondsgebundene Lebensversicherungen hinzu, sind es nach Befragungen im Auftrag des Deutschen Institut für Vermögensbildung und Alterssicherung (DIVA) sogar 37 Prozent.

BT: Die Anleger haben also die Nase voll von Null- oder sogar Minuszinsen?
Götz: Die Schmerzen diesbezüglich werden zumindest immer größer und auch die Sorgen, ob das finanzielle Auskommen im Alter noch gesichert ist. Man darf sich allerdings keiner Illusion hingeben. Obwohl Bargeld beziehungsweise klassische Sichtguthaben real an Wert verlieren, bauen die Deutschen weiterhin Geldvermögen nominell damit auf. So legten die privaten Haushalte etwa ihre im Jahr 2020 gebildeten Ersparnisse noch mehr in Scheinen und Münzen als direkt in Aktien an.

„Ich bin da etwas kritischer“


BT: Die Europäische Zentralbank sieht das Thema Inflation eher als kurzfristiges Phänomen und hält die Geldschleusen weiter hoffen. Ist das eine richtige Einschätzung?
Götz: Ich bin da etwas kritischer. Die befristete Mehrwertsteuersenkung wird als Effekt Anfang kommenden Jahres bei der Preisentwicklung zwar nicht mehr relevant sein. Das Problem drastisch gestiegener Rohstoffpreise wird allerdings bleiben. Auch der Klimaschutz wird zu einer allgemeinen Verteuerung führen. Ich sehe daher nicht, dass wir in Deutschland wieder so schnell auf Inflationsraten von einem Prozent kommen werden.

BT: Muss die EZB also den Hebel umlegen?
Götz: Oberstes Ziel der EZB ist die Sicherstellung der Geldwertstabilität. Denn Geld hat auch die Funktion als Aufbewahrungsmittel. Wenn die Zentralbank Geldwertstabilität bei einer Inflationsrate von zwei Prozent ansieht, müsste doch die logische Konsequenz nach der Lehrbuchtheorie sein, Maßnahmen zu ergreifen, um von den derzeit hohen Inflationsraten runterzukommen.

BT: Die Zentralbank steckt in einem Dilemma: Entweder hohe Preissteigerungsraten dulden oder eine Staatsschuldenkrise riskieren.
Götz: Schon richtig, doch das verleitet natürlich nur dazu, dass Staaten noch mehr Schulden anhäufen. Es hilft nichts: Irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, und die Frage wird aufkommen, wie die Staatsschulden dann noch bedient werden können. Wir müssen langsam wieder in eine Welt zurückkommen, in der ein Preis für die Überlassung von Geld gezahlt wird – das ist die Logik des Marktes.

BT: Vor Jahrzehnten gab es auch schon hohe Inflationsraten, dafür aber auch ein sehr hohes Zinsniveau.
Götz: Der Realzins war früher positiv. In den 80ern lag die Inflationsrate auch mal bei sechs Prozent, zweijährige Finanzierungsschätze des Bundes bei elf Prozent. Deswegen hat eine hohe Inflation weniger gestört. Da man heute real als Sparer Geld verliert, gibt es derzeit faktisch also keine risikofreie Geldanlage mehr.


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