Ökonom Krämer: „Nullzinspolitik noch nicht vorbei“

Karlsruhe/Baden-Baden (tas) – Der Karlsruher Wirtschaftsexperte Hagen Krämer spricht im BT-Interview über Inflation, Zinsen und die Corona-Krisenpolitik.

„Die Inflationsrate wird schon Anfang des neuen Jahres unabhängig vom jetzigen Konjunkturdämpfer deutlich zurückgehen.“ Foto: Uwe Krebs/HKA

© Uwe Krebs/HKA

„Die Inflationsrate wird schon Anfang des neuen Jahres unabhängig vom jetzigen Konjunkturdämpfer deutlich zurückgehen.“ Foto: Uwe Krebs/HKA

Die Wirtschaft hat zum Jahresende wieder einen Gang zurückgeschaltet – auch weil Lieferketten immer noch gestört sind und sich die Corona-Pandemie wieder stärker bemerkbar macht. Wirtschaftswissenschaftler Prof. Hagen Krämer von der Hochschule Karlsruhe sieht jedoch keinen Jo-Jo-Effekt bei der Konjunkturentwicklung, solange der Impfstoff und hohe Impfquoten das Virus in Schach halten. Im Interview mit dem BT spricht Krämer über Wirtschaftshilfen und die europäische Niedrigzinspolitik.

BT: Herr Krämer, Corona lässt nicht locker: Nach der kräftigen Erholung der Wirtschaft in diesem Jahr sorgt die vierte Pandemiewelle schon wieder für eine deutliche Abkühlung. Auf was müssen sich Unternehmen und Verbraucher nun einstellen?
Hagen Krämer: Die Politik hat verschiedene Beschränkungen beschlossen, die vor allem den Einzelhandel, den Kultur- und Freizeitbereich und etliche personenbezogene Dienstleistungen stärker betreffen werden. Dies wird sicherlich die Wirtschaftsaktivität in Deutschland über die Jahreswende hinaus dämpfen, allerdings nicht so stark wie bei früheren Lockdowns. Wie sich dies letztlich auswirken wird, hängt vor allem davon ab, wie lange die Einschränkungen des öffentlichen Lebens anhalten und wie weit sie noch gehen werden. Hierzu kann man im Moment keine seriöse Prognose abgeben. Ich rechne aber damit, dass der negative Gesamteffekt kurzfristig überschaubar bleibt.

BT: Worauf müssen wir uns noch einstellen?
Krämer: Die neue Coronavirus-Variante Omikron bringt jetzt noch zusätzliche Unsicherheit. Und Unsicherheit ist das Letzte, was Investoren brauchen. Sie hält auch Konsumenten von teuren Anschaffungen und Urlaubsplanungen ab. Daher ist frühzeitiges und konsequentes Regierungshandeln sowohl aus gesundheitlichen als auch aus wirtschaftlichen Gründen das Gebot der Stunde.

BT: Hätte die jetzige Entwicklung verhindert werden können?
Krämer: Sie hätte vielleicht nicht komplett verhindert, aber doch abgemildert werden können. Zeitigere Interventionen, wie von anerkannten Fachleuten schon lange gefordert, hätten die Tiefe und Länge der jetzt notwendigen Beschränkungen und damit auch die wirtschaftlichen und sozialen Schäden deutlich verringern können.

BT: Werden wir uns an eine dauerhafte Konjunkturentwicklung mit Jo-Jo-Effekt gewöhnen müssen?
Krämer: Wenn wir eine sehr hohe Impfquote in der Gesellschaft haben und die Impfstoffe langfristig und auch bei neuen Virusvarianten wirksam sind, wird es keinen Jo-Jo-Effekt durch die Pandemie mehr geben. Dafür muss jetzt alles getan werden.
BT: Ist die EZB mit ihrer Strategie des billigen Geldes noch auf dem richtigen Weg?

Krämer: Wir haben uns in der jüngeren Vergangenheit an eine sehr geringe Teuerungsrate gewöhnt. Deshalb verstehe ich, dass viele von der momentan hohen Inflationsrate geschockt sind. Allerdings muss man wissen, dass einige Sondereffekte derzeit die Preise in die Höhe treiben. Zum Jahresanfang 2021 ist die Mehrwertsteuer wie angekündigt auf das alte Niveau angehoben worden. Außerdem sind die Energiepreise im Vergleich zu ihrem Tiefpunkt während der Corona-Krise deutlich gestiegen. Beide Effekte machen zusammen rund drei Prozentpunkte der aktuellen Inflationsrate in Deutschland aus. Hinzu kommen preistreibende Effekte wegen unterbrochener internationaler Lieferketten und gestiegener Frachtkosten. All die sind Spätfolgen der Corona-Krise. Diese Effekte werden aber demnächst auslaufen. Die EZB könnte diese Treiber mit einer Zinserhöhung ohnehin nicht einfangen.

„Mit einer Zwei vor dem Komma rechnen“

BT: Wird der jetzige Dämpfer dafür sorgen, dass sich das Thema Inflation quasi von selbst erledigt?

Krämer. Die Inflationsrate wird schon Anfang des neuen Jahres unabhängig vom jetzigen Konjunkturdämpfer deutlich zurückgehen, weil die Sondereffekte auslaufen werden, die die Inflationsrate in den letzten Monaten getrieben haben. Im Vormonatsvergleich ist die Inflation bereits rückläufig. Man kann bei der Inflationsrate für das Jahr 2022 mit einer Zwei vor dem Komma rechnen. Problematisch würde die Lage erst dann, wenn sich die Inflationserwartungen auf breiter Front erhöhen würden. Dann bestünde die Gefahr einer sogenannten Lohn-Preis-Spirale, die die Inflation längerfristig treiben würde. Doch solche Zweitrundeneffekte sind momentan nicht zu beobachten. Der jüngste Tarifabschluss im öffentlichen Dienst der Länder war moderat und gibt entsprechenden Befürchtungen keinen Vorschub.

BT: Andere Notenbanken heben die Leitzinsen bereits an oder bereiten dies argumentativ vor, beispielsweise die Fed. Kann sich die EZB diesem Trend entziehen?
Krämer: Die Situation in den USA ist anders als bei uns. Die USA haben bereits im März dieses Jahres ein sehr großes Konjunkturpaket im Umfang von 1,9 Billionen US-Dollar verabschiedet, das die Einkommen der Geringverdiener und der Mittelschicht spürbar geboostert hat. Weil dies zusätzlich zu den anderen preistreibenden Faktoren die Nachfrage nach Konsumgütern stark stimuliert hat, ist die Inflationsrate in den USA sogar noch höher als bei uns. Die Fed beobachtet das sehr genau und wird kommunikativ und mit kleineren geldpolitischen Maßnahmen dafür sorgen, dass sich keine höheren Inflationserwartungen verfestigen. Insgesamt erwarte ich aber keine generelle Trendwende in der US-amerikanischen Geldpolitik. Die Ära der Nullzinspolitik ist noch nicht vorbei.

BT: Die Unternehmen hatten in den vergangenen Monaten massive Schwierigkeiten beim Bezug von Rohstoffen und Vorprodukten. Wie lange wird das Phänomen noch anhalten?
Krämer: Es ist richtig, dass Transport- und Produktionsprobleme die Wirtschaft weltweit belasten. Zum Glück entspannen sich gerade viele Lieferengpässe. Bei Halbleitern wird der Mangel allerdings wohl noch etwas länger anhalten. Hiervon ist vor allem die Automobilbranche betroffen. Autokäufer merken dies an den aktuell längeren Warte- und Lieferzeiten. Dies bietet uns aber auch einen Anlass, über weltwirtschaftliche Abhängigkeiten nachzudenken, die es bei manchen Produkten vielleicht so nicht geben sollte. Es gibt ja bereits politische Initiativen, die anstreben, dass Europa in bestimmten Bereichen, wie zum Beispiel bei pharmazeutischen Produkten, nicht mehr so sehr von globalen Lieferketten abhängig ist.

BT: Was muss die neue Regierung unternehmen, um die Wirtschaft in den kommenden Monaten zu stabilisieren?
Krämer: Weil wieder nicht-pharmazeutische Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wie Kontaktbeschränkungen notwendig sind, muss den betroffenen Branchen wieder mit den bekannten Instrumenten wie Wirtschaftshilfen, Kurzarbeitergeld und so weiter finanziell unter die Arme gegriffen werden. Dies wäre alles so nicht nötig geworden, wenn die Politik früher gehandelt hätte. Die Warnungen aus der Wissenschaft vor der vierten Welle waren da. Es wollte sie nur keiner so richtig hören.

„Nur sehr wenig auf die hohe Kante legen“

BT: Wird auch die geplante Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro die Konjunktur weiter stützen?

Krämer: Eine Anhebung des Mindestlohnes wird sicher auch die Konsumnachfrage stützen, da die Konsumquote von Haushalten mit kleinen Einkommen sehr groß ist. Geringverdiener können von ihrem Einkommen gar nichts oder nur sehr wenig auf die hohe Kante legen und werden jeden zusätzlichen Euro gleich wieder ausgeben. Das ist für die wirtschaftliche Belebung erst einmal gut. Vom Gesamtvolumen ist die Mindestlohnerhöhung aber nicht so groß, dass allein hiervon eine enorme Wirkung ausgehen würde.

Ihr Autor

BT-Redakteur Tobias Symanski

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Erstellt:
7. Dezember 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 20sec

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