Ötigheimer will den Mont Blanc erobern

Ötigheim (dj) – Nach 51 Kilometern und 3.000 Metern Höhe: Der Ötigheimer Simon Kühn hat den Schweizer Eiger erobert. Das Ende ist das aber nicht: Als nächstes will der Ötigheimer auf den Mont Blanc.

Auf dem Weg nach oben: Nach flachem Start muss Simon Kühn unzählige Serpentinen mit teils 18-prozentiger Steigung überwinden. Foto: Alpha Foto

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Auf dem Weg nach oben: Nach flachem Start muss Simon Kühn unzählige Serpentinen mit teils 18-prozentiger Steigung überwinden. Foto: Alpha Foto

Simon Kühn hat ein großes Ziel – und in seinem Fall ist das wirklich nicht zu hoch gegriffen. Der Ötigheimer will den Alpenriesen Mont Blanc erobern. Nicht irgendwie, sondern auf die harte Tour. Und die heißt Ultra-Trail du Mont Blanc, ist 172 Kilometer lang, führt durch die Schweiz, Italien sowie Frankreich. Wer sie läuft, muss satte 10.000 Höhenmeter bewältigen.

„Bei mir galt schon immer: Entweder richtig oder ich lasse es“, sagt Kühn. Früher war er leidenschaftlicher Vereinsfußballer, jetzt läuft er – und will dabei seinen Körper an neue Grenzen bringen. „Je weiter man nach vorne will, desto mehr tut’s weh.“

Ultra-Trail Running heißt die Disziplin, die verdammt wehtut. Es geht darum, in möglichst kurzer Zeit extreme Distanzen und Steigungen zu bewältigen – wie beim Mont-Blanc-Lauf –, gegen die jeder normale Marathonlauf mickrig wirkt. „Aber der Mont Blanc ist ein langfristiges Ziel, als Königsdisziplin gilt die 100-Kilometer-Grenze“, sagt Kühn. Der 35-Jährige von der TG Ötigheim ist erst seit 2018 im Metier.

Bandscheibe stoppt Kicker-Karriere

Auf dem Weg nach oben hat er nun eine erste Duftmarke gesetzt. Mitte Juli ist er den Schweizer Eiger regelrecht hinaufgestürmt – 51 Kilometer mit 3.000 Höhenmetern Unterschied in 6:25 Stunden. Am Ende stand beim „9. Eiger Ultra Trail“ Platz 24 von 766 Teilnehmern. Sieger wurde ein Profi aus der Schweiz vor einem Tschechen, auch Brasilianer oder Japaner hatten die Strapazen auf sich genommen. „Im Ziel war dann Ende Gelände“, sagt Kühn, „zum Glück gab’s noch zwei Schnitz Wassermelone, eine Banane und zwei 0,33er Cola. Abends dann einen Burger.“ Knapp 5.000 Kalorien mussten wieder eingesammelt werden.

Kühn ist kein Profi. Normalerweise sitzt er in einem Rastatter Büro, schreibt E-Mails und hat den Telefonhörer am Ohr. Seit der frühere Fußballer, der mit dem FV Steinmauern und dem FV Ötigheim in der Bezirksliga spielte, sein vorheriges Hobby wegen eines Bandscheibenvorfalls im September 2019 aufgeben musste, ist aus anfänglicher Liebelei eine echte Lauf-Leidenschaft geworden. „Die kleinen Erfolge haben mich angestachelt“, sagt Kühn: „Ich habe jetzt Blut geleckt.“

Im April 2018 hatte ihn ein Kumpel aufgefordert, doch einfach mal die Strecke von Bad Rotenfels über den Merkur nach Gernsbach mitzulaufen. „Rund 25 Kilometer, gemächliches Tempo“, erzählt Kühn. Das ging mühelos, „ich war sofort angestachelt, konnte nicht loslassen“. Also lief er. Immer an den Wochenenden, oft im selben Takt: samstags auf dem Fußballplatz, sonntags durch den Schwarzwald. „Als ich noch Fußball gespielt habe, bin ich einfach zum Spaß gelaufen, das war ein Glücksgefühl“, sagt Kühn. Dann kam der Bandscheibenvorfall. Fußball ging nicht mehr, Schwarzwald-Trail-Touren schon. Kühn intensivierte die Läufe hinauf zur Badner Höhe oder zum Mehliskopf, irgendwann fand er mit dem erfahrenen Triathleten Matthias Gilles auch einen Trainer.

Fußballvergangenheit: Simon Kühn im Trikot des FV Ötigheim. Foto: Frank Seiter/pr

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Fußballvergangenheit: Simon Kühn im Trikot des FV Ötigheim. Foto: Frank Seiter/pr

„Sein gutes Ergebnis am Eiger hat mich nicht überrascht“, sagt der Rastatter Gilles, ein ehemaliger Frankonia-Fußballer, über Kühn. „Er ist sehr verbissen im Training, sehr ehrgeizig.“ Ein paar Meter mehr als die anderen ist Kühn einst auch als Fußballer gelaufen, erst im Mittelfeld, später als Außenbahnspieler. Nun macht er statt Meter eben Kilometer – im mittleren zweistelligen Bereich. „Man muss aber Geduld haben“, warnt Gilles. Selbst der physisch und psychisch frische Kühn habe ein genau abgestimmtes Training mit Intervall- und Grundlageneinheiten absolvieren müssen, um am Eiger bestehen zu können. „Im Zweifel muss man auch mal einen Tag Pause machen. Regelmäßigkeit und Kontinuität schlagen Umfang“, nennt Gilles seine Formel. „Monster-Einheiten“, so der 40-Jährige, führten zu nichts, „man muss das Training langfristig gestalten.“

Kühn gibt zu, dass er teilweise auch schon zu viel wollte. „Ich bin eher der Typ, den man bremsen muss.“ Anfang des Jahres kämpfte er mit einer Knochenhautentzündung, „weil ich überehrgeizig war“. Der Trainingsumfang – ohne Extraschichten – klingt so schon nach Qual: Fünf bis sechs Einheiten pro Woche, 75 bis 90 Kilometer Strecke. „Wenn man vorne dabei sein will, muss man sich auch quälen können, das gehört dazu“, sagt Kühn, der sich gut quälen kann. Zur Vorbereitung auf den Eiger-Trail ist er im Schwarzwald einen Marathon gelaufen. Auch die Ernährung hat er umgestellt: Wenig Fleisch („brauche ich auch nicht“), mehr Reis und Pasta, Alkohol nur noch in Ausnahmefällen.

Krämpfe in Waden und Oberschenkeln

Am Eiger ist er für die kleinen Einschränkungen belohnt worden. Schon am Anfang habe er gespürt, dass dieser Tag sein Tag werden könnte. „Ich bin gut reingekommen“, erzählt Kühn. Zwischenstände bekamen die Athleten nicht mitgeteilt, irgendwann sei ihm aber klar gewesen, dass er „ganz gut“ in der Zeit liegen müsse, meint Kühn. Die Uhr bestätigte das Gefühl. Als der Zielstrich kam, sei das nur noch Freude und Stolz gewesen. Die Startnummer 216 auf Platz 24, das konnte sich sehen lassen.

Ganz so locker, wie es Kühn im Nachhinein erzählt, lief das Rennen dann aber doch nicht. Schon der Start – morgens um 6 Uhr – war sportlich. „Ich bin abends um 22 Uhr ins Bett, habe aber nur drei Stunden geschlafen“, sagt Kühn. Nach flachem Beginn auf den ersten Kilometern folgten Serpentinen mit teils 18-prozentiger Steigung, „das ist auch mental belastend. Manchmal gibt es Phasen, da sagst du dir, hör‘ auf jetzt – und manchmal bist du richtig im Flow, dann spürst du gar keine Schmerzen mehr“. Die Schmerzen. Kühn hat sie dann doch ein paarmal gespürt. „Ab Kilometer 35 hatte ich Krampferscheinungen in Oberschenkeln und Waden. Die sind mal verschwunden, kamen dann aber wieder.“ Einen Ultra-Trail könne man mit einer Achterbahnfahrt vergleichen, findet Kühn. Am Eiger stürzte er gegen Ende sogar, „es war nass und steil, zum Glück ist nichts passiert“. Die letzten fünf Kilometer verliefen wieder flach, „da wollte ich nochmal alles rausholen, habe mich aber nur noch ins Ziel gekämpft“.

Aktuell gönnt sich Kühn ein kleines Päuschen, der Körper braucht Erholung. „Mein Ziel ist es erstmal, mich zu stabilisieren“, sagt Kühn. Und dann, irgendwann einmal, soll der Mont Blanc umrundet werden. In gut sechs Jahren könne er so weit sein, meint Simon Kühn. Aber wer weiß: Vielleicht ist der härteste Riese in den Alpen auch schon früher fällig.

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Erstellt:
4. August 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
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