Offener Brief an die Landesregierung

Bühl (fvo) – Weil sie sich durch die Corona-Verordnungen quasi der Grundlage für ihrer Berufsausübung entzogen fühlt, hat Daniela Fromme, die in Bühl eine Tanzschule führt, einen offenen Brief an die Landesregierung geschrieben. In ihren Räumlichkeiten dürften derzeit nur zwei Personen inklusive Tanzlehrer tanzen. Das macht natürlich keinen Sinn.

Not very amused: Daniela Fromme (links) könnte maximal zwei Tanzwilligen gleichzeitig Unterricht anbieten. Foto: Tanzschule Fromme

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Not very amused: Daniela Fromme (links) könnte maximal zwei Tanzwilligen gleichzeitig Unterricht anbieten. Foto: Tanzschule Fromme

Wie viel Engel passen auf die Spitze einer Nadel, hat sich Dichter Christian Morgenstern mal gefragt – ohne allerdings zu einer überzeugenden Antwort zu kommen. Wie viele Menschen in eine Tanzschule passen in Zeiten von Corona – diese Frage ist immerhin vorerst beantwortet, allerdings auch nicht wirklich befriedigend. Nicht mal im Ansatz, wie das Beispiel der Tanzschule von Daniela Fromme in Bühl zeigt.
„Die neue Verordnung für Sportstätten ist ein schönes Geschenk, das wir nur leider nicht auspacken können“, bringt es die Inhaberin auf den Punkt. Wie die Schneekönige habe man sich jüngst gefreut auf die Nachricht, dass Tanzschulen hierzulande am 2. Juni wieder öffnen dürfen. Doch die Euphorie war schnell passé, als der dezidierte Auflagenkatalog des Landes kam. Denn der sah vor, dass „pro Person mindestens 40 Quadratmeter zur Verfügung stehen müssen“. Für Fromme ein „Schlag ins Gesicht“.

Denn bei ihren zwei Räumlichkeiten (120 und 80 Quadratmeter, geteilt durch einen Barbereich – der effektiv betanzbare Raum ist noch geringer) sei die Vorgabe de facto nicht umsetzbar. „Das wären maximal zwei Personen pro Raum. Einen Tanzlehrer braucht man ja auch noch. Das macht natürlich keinen Sinn. Das würde nicht mal die Stromkosten decken“, klagt Fromme und sieht sich quasi der Grundlage für die Berufsausübung entzogen. Selbst größere Tanzschulen hätten so maximal Kapazitäten für vier bis sechs Teilnehmer en bloc. Bei ihr sind es im Schnitt sechs bis acht Tanzpaare, die den Raum bevölkern, durch das „Springsystem“ (man kommt, wann man will) sind in Spitzenzeiten mitunter gar 17 Paare in einem Kurs. Und sie sei sieben Tage die Woche gut ausgelastet, von morgens bis in die Abendstunden, „es gibt nicht viele Freistunden am Tag“, versichert Fromme.

„Auf die Einnahmen angewiesen“

Mit der 1,5-Meter-Abstandsregel wie in anderen Bundesländern der Fall, sprich zehn Quadratmeter pro Person hätte man noch leben können. So aber seien die Tanzschulen in Baden-Württemberg natürlich „am meisten gebeutelt“. Was Fromme stört an der hiesigen Regelung, ist insbesondere die Tatsache, dass man mit Fitnessstudios in einen Topf geworfen wird, die natürlich eine ganz andere Raumdimensionierung hätten. Das sei „nicht miteinander vergleichbar“.

Doch Flinte ins Korn ist für Fromme keine Lösung und so hat sie einen offenen Brief an die Landesregierung und weitere politische Entscheidungsträger verfasst, mit der inständigen Bitte, „die Verordnung zu überdenken“.

Gerade mit Blick auf Privatfeiern, bei den bis zu 100 Personen erlaubt sind, „halten wir die Regelung für Sportstätten für unverhältnismäßig“, heißt es im Schreiben, das auch ans Landratsamt und die Stadt Bühl ging. Bei allem Verständnis für unpopuläre Entscheidungen im Sinne der Gesundheit und wohlwissend, dass man als Tanzschule sicher „nur ein Minitropfen im großen Gefüge“ sei, geht es „nicht zuletzt um den Erhalt von Arbeits- und Ausbildungsplätzen“, so Fromme mit Blick auf zwei Festangestellte, eine Auszubildende und etliche freiberufliche Teilzeitkräfte, die etwa im Bereich Discofox, Mutter-Kind-Tanz oder Streetdance tätig sind. „Und die sind auf die Einnahmen durchaus angewiesen“, versichert Fromme. Ganz zu schweigen vom gesellschaftlichen und pädagogischen Faktor („Da geht schon ein Stück Kultur verloren“) und den bekannten Präventionseffekten des Tanzens, sei es gegen Demenz oder Bewegungsmangel.

Zumba funktioniert online besser als Paartanz

Grund genug jedenfalls, auch die Stadt Bühl mit ins Boot zu holen auf der Suche nach Ausweichkapazitäten, etwa im Bürgerhaus oder in der Reblandhalle. Denn Alternativen sind rar gesät. Ein Online-Angebot wurde kurz nach dem Lockdown Mitte März zwar installiert. Was im Falle von Zumba gut funktioniert, auch weil dort die Mehrzahl multimedial ganz versiert ist, beim Paartanz indes weniger. Und so kann das Angebot nur einen geringen Teil des Ausfalls auffangen.

Was insbesondere wehtut, sei das Ausbleiben von Neukunden, etwa bei Grundkursen, so dass langfristig quasi der „Nachwuchs“ fehlt. Dass die provisorischen Abklebearbeiten (großzügigerweise auf 2,30 Meter) für die Katz waren, ist da noch eher verschmerzbar. Mit dem Worst Case, ihr Institut nach über 20 Jahren dichtmachen zu müssen, rechnet Fromme nicht, dafür habe man treue Langzeit-Mitglieder, die nicht zuletzt die familiäre Atmosphäre genießen. „Man trifft ja jede Woche die gleichen Leute und ist per Du“, so Fromme.

Irgendwelche Übergangslösungen im Freien seien jedenfalls keine Option. „Wir brauchen ja vernünftigen Boden unter den Füßen und wollen nicht die Gelenke der Tänzer ruinieren“,versichert Fromme. Ganz zu schweigen von der Wetterabhängigkeit und der Musiklautstärke, über die sich Anwohner beschweren könnten. „Unsere Hoffnungen ruhen jetzt auf der Vernunft der Politiker“, sagt Fromme, denn im Moment sind die Perspektiven so planbar wie das Glück beim Würfeln. Und Kunden Schrumpftrank einzuträufeln wie bei Alice im Wunderland ist ja keine Lösung.

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Erstellt:
29. Mai 2020, 08:30 Uhr
Lesedauer:
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