Ohne Smartphone geht die Welt nicht unter

Baden-Baden (fde) – Was verpasst man während einer Woche Smartphone-Verzicht? Verpasst man überhaupt etwas oder wirkt es sogar befreiend? BT-Redakteur Dennis Fettig hat den Selbstversuch gemacht.

Die Kette wird zertrennt: Dennis Fettig hat sich für eine Woche von der Abhängigkeit des Smartphones gelöst. Foto: Fettig

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Die Kette wird zertrennt: Dennis Fettig hat sich für eine Woche von der Abhängigkeit des Smartphones gelöst. Foto: Fettig

Eine Woche ohne Smartphone: für viele Menschen heutzutage ein wohl unvorstellbares Szenario – für mich mit meinen 29 Jahren ehrlich gesagt auch. Über die Jahre hat es sich für mich zu einem unverzichtbaren Alltagsbegleiter entwickelt. Surfen, telefonieren, chatten, fotografieren, Videos schauen oder Musik hören: Es ist einfach praktisch, das alles mit nur einem handlichen Gerät machen zu können – wann und wo immer ich will. Genau das birgt aber auch Schattenseiten, denn man neigt dazu, in jeder freien Minute nach dem Handy zu greifen und sich medial berieseln zu lassen. Manchmal fühle ich mich ein stückweit an das Gerät gekettet. Wie schwer fällt es, diese Verbindung für eine Woche zu durchtrennen? Ich habe den Selbstversuch gewagt.

Zusätzliche Kontaktbeschränkung

Die Idee dazu habe ich meiner Freundin zu verdanken. „Leg doch mal dein Handy weg“, sagt sie eines Abends auf der Couch, um direkt nachzuschieben: „Du würdest es ja nicht einmal einen Tag ohne das Ding aushalten.“ Die Aussage weckt meinen Ehrgeiz, ihr das Gegenteil zu beweisen. Ein Tag kommt mir zu wenig vor, die 40-tägige Fastenzeit klingt etwas zu hochgesteckt. Gerade in Zeiten von strengen Kontaktbeschränkungen ist das Smartphone nun mal die einfachste Möglichkeit, um mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben. Da das Experiment somit ohnehin unter erschwerten Bedingungen stattfindet, halte ich eine einwöchige Enthaltsamkeit für angemessen.

Im Vorfeld hat mir ein Blick auf die Bildschirmzeitanzeige verraten, dass das Display im Schnitt knapp dreieinhalb Stunden täglich aktiv ist. Damit bestätige ich den weltweiten Trend. Wie die Marktforscher von App Annie in ihrer Studie „State of Mobile 2020“ herausgefunden haben, verbringt jeder Mensch im Schnitt täglich 3,7 Stunden am Smartphone – Tendenz steigend. Dass ich mittlerweile auch Fußballspiele und Filme auf dem Handy anschaue, relativiert meinen Wert etwas. Klammere ich alle Streaming-Apps aus, lande ich bei einem Wert von rund eineinhalb Stunden – das ist immer noch verdammt viel.

Vor Beginn werden nur zwei Vertraute sowie die direkten Kollegen in das Projekt eingeweiht. Ohne lange zu überlegen, schalte ich an einem Donnerstagmorgen das Smartphone aus und gebe es in die Obhut meiner Freundin. Nun bin ich also weitestgehend offline für die nächsten sieben Tage. Umgerechnet sind das 168 Stunden oder 10.080 Minuten – puh, auf einmal klingt das doch nach einer ganz schön langen Zeit. Erste Zweifel an meinem Unterfangen schiebe ich gedanklich sofort beiseite und gehe meiner Arbeit nach.

Wie schwer das Ganze werden wird, zeigt sich schnell: Schon nach wenigen Minuten wandert mein Blick gedankenverloren über den Schreibtisch auf der Suche nach meinem Sprachrohr in die Welt – es könnte ja jemand geschrieben haben. Das Handy ist zwar aus den Augen, aber noch längst nicht aus dem Sinn.

Der nächste Aha-Moment folgt abends an der Haustür. Bevor ich das Haus verlasse, noch schnell der routinemäßige Check: Schlüssel? Ist da. Geldbeutel? Ebenfalls. Smartphone? Fehlt! Wo hab ich das bloß wieder liegen lassen, schießt es mir durch den Kopf. Gedanklich gehe ich alle möglichen Ablagepunkte durch, bis es endlich Klick macht. Das alles klingt rückblickend dramatischer, als es wirklich war. Aber allein die Tatsache, dass das fehlende Gerät einen kurzen Moment der „Panik“ auslöst, gibt mir zu denken.

Analoger Wecker feiert Comeback

Abends sitzen wir zusammen auf der Couch und zappen durch das TV-Programm. Schon nach kurzer Zeit zückt meine Freundin ihr Handy – fast so, als wollte sie es mir provokativ vor die Nase halten. Ich kann einen kurzen Blick auf ihr Display erhaschen und sehe, dass sie nur durch irgendwelche belanglosen Instagram-Seiten scrollt. Ich hingegen beginne die neu gewonnene Freiheit allmählich zu genießen und widme meine Aufmerksamkeit voll und ganz dem Fernseher, ohne ständig parallel das Smartphone in der Hand zu haben. Das Gefühl, in jedem Moment etwas Wichtiges verpassen zu können, kann ich trotzdem nicht vollends ablegen.

Beim Ins-Bett-Schlüpfen, fällt mir ein, dass mein Smartphone normalerweise auch fürs Aufwecken zuständig ist. Als Ersatz kommt meine analoge Funkuhr zu einem unerwarteten Comeback.

Auch auf dem täglichen Weg ins Büro muss ich von meiner sonstigen Routine abweichen. Normalerweise höre ich auf der Fahrt gerne Podcasts. Da auch das ohne Smartphone nicht möglich ist, muss ich aufs Radio ausweichen.

Ansonsten wirkt die Smartphone-Abstinenz im Alltag in vielerlei Hinsicht eher befreiend. Bei der Fitnesseinheit im heimischen Keller kommt die Musik nicht aus dem Handy, sondern ebenfalls aus den Lautsprechern des Radios. Außerdem konzentriere ich mich viel mehr als sonst auf die Übungen. Statt in den Verschnaufpausen immer mal wieder minutenlang im Smartphone-Display abzutauchen, ziehe ich mein Programm in Rekordzeit durch. Da frage ich mich, wie viel Zeit ich auf diese Weise wohl schon verplempert habe?

Festnetz statt Whatsapp

Mehrmals am Tag poppen sonst auf dem Smartphone Benachrichtigungen auf und weisen einen auf E-Mails hin, die gelesen und am besten gleich beantwortet werden wollen. Mein Postfach überprüfe ich stattdessen abends am PC. Sich einmal am Tag bewusst damit zu beschäftigen, macht die Angelegenheit deutlich entspannter. Und wer sofort eine Antwort wünscht, hätte auch anrufen können. Das Smartphone hat die Kommunikation in dieser Hinsicht verändert: Vieles ist zwar einfacher, aber nicht uneingeschränkt besser. Da ich nicht wie sonst üblich mal schnell eine Whatsapp schreiben kann, greife ich wieder vermehrt zum Festnetztelefon. Und siehe da: Das klappt auch im Jahr 2021 noch einwandfrei. Einzig der fehlende Zugriff auf das Kontaktverzeichnis meines Handys schränkt mich etwas ein.

Am Wochenende besuche ich meinen Vater in seiner Hobby-Werkstatt. Wenn ich schon mal da bin, soll ich doch gleich Fotos einer alten Schleifmaschine für ihn machen, die er gerne bei Ebay verkaufen möchte. Normalerweise wäre das in wenigen Sekunden erledigt, aber da ich weder Smartphone noch Spiegelreflexkamera in der Hosentasche habe, muss ich ihn auf nächstes Mal vertrösten.

Auch beim Treffen mit meiner Mutter führt mein Selbstversuch zu einer skurrilen Situation. Erst kassiere ich einen vorwurfsvollen Blick, dann schießt es aus ihr raus: „Gibt es dich auch noch? Kannst du nicht antworten? Ich habe dir doch eine Nachricht bei Whatsapp geschrieben.“ Bis vor zwei Jahren wäre der letzte Satz aus ihrem Mund noch undenkbar gewesen, doch auch sie nutzt längst fleißig ihr Mobiltelefon. Dabeiwäre es doch so einfach gewesen, mich zu erreichen: Sie hätte es nur mal auf dem Festnetz probieren müssen.

Gegen Ende des Experiments folgt noch Episode zwei der Couch-Geschichte, die ähnlich wie Teil eins beginnt. Dieses Mal wollen wir zusammen einen Film schauen. Obwohl mich der Thriller nicht wirklich packt, starre ich gebannt auf den Bildschirm. Die Augen meiner Freundin haben sich längst dem kleineren Display in ihrer rechten Hand zugewandt. Jetzt bin ich es, der zum Gegenschlag ausholt: „Leg doch endlich mal das gottverdammte Handy weg und konzentrier dich auf den Film“, wettere ich. Widerwillig und zumindest kurzzeitig folgt sie meiner „Bitte“. Das überraschende Happy End folgt am nächsten Abend: Inspiriert von meinem Selbstversuch verkündet sie stolz ihre selbstauferlegte Social-Media-Abstinenz, die sie bis heute durchzieht.

Nichts wirklich Wichtiges verpasst

Meine sieben Tage sind schneller zu Ende als gedacht. Beim Einschalten ist die Spannung groß: Was habe ich verpasst? Sofort ploppen diverse Eilmeldungen der „Kicker“-App auf, informieren mich über Trainerwechsel und Ergebnisse, die ich längst auf anderen Kanälen erfahren habe. Außerdem sind 21 neue Updates aus dem Play Store verfügbar und Whatsapp meldet 134 neue Nachrichten in 16 Chats. Ein Großteil davon geht auf das Konto diverser Gruppen, die ich nur oberflächlich überfliege. Da zurzeit keine Treffen oder Verabredungen möglich sind, ist – wenig überraschend – auch bei den restlichen Nachrichten nichts Weltbewegendes dabei. Mit einer Ausnahme: Ein befreundetes Pärchen hat ein Foto seines neugeborenen Sohnes geschickt. Aber wie es der Zufall so will, hatte ich am Tag der Geburt mit dem stolzen Opa telefoniert, der mir die frohe Botschaft überbrachte. Auch diese Info erreichte mich also letztlich trotz Smartphone-Abstinenz.

Fazit nach einer Woche

Wie lautet das Fazit nach einer Woche? Die Auszeit von der medialen Dauerberieselung war für mich eine Wohltat, die ich so nicht für möglich gehalten hätte. Gerade zu Beginn überwiegt zwar die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, aber das Ergebnis zeigt, dass diese Befürchtung unbegründet ist. Wichtig ist es, und das hat mir das Experiment gezeigt, ein gesundes Maß zu finden und sich bewusst Pausen zu nehmen. Das Smartphone darf gerne mein ständiger Begleiter sein, das bedeutet aber nicht, dass es auch ständig im Einsatz sein muss. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, mich künftig von meinem Smartphone nicht mehr in Ketten legen zu lassen.

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Erstellt:
28. Februar 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 30sec

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