Ohne offizielle Leitung durch die Pandemie

Rastatt (sie) – Das Gesundheitsamt Rastatt musste den Kampf gegen Corona monatelang ohne seinen etatmäßigen Chef organisieren - trotz chronischer Überlastung.

Wegweiser: Erst Corona rückte die Behörde dauerhaft in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Foto: Hans-Jürgen Collet

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Wegweiser: Erst Corona rückte die Behörde dauerhaft in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Foto: Hans-Jürgen Collet

Das Rastatter Gesundheitsamt hat eine neue Leiterin. Das Landratsamt verkündete in dieser Woche, dass Eva Schultz an die Spitze des Amtes rückt, das in der Corona-Pandemie eine Schlüsselrolle einnimmt. Auf ihre Beförderung durch das Land mussten sowohl Schultz als auch das Landratsamt trotz Ausnahmesituation lange warten. Monatelang musste das Gesundheitsamt den Kampf gegen das Virus ohne offizielle Leitung organisieren.
Nach außen hin war die bis dato stellvertretende Amtsleiterin Schultz zusammen mit Sozialdezernent Stefan Biehl seit Beginn der Pandemie im März 2020 eines der Gesichter im Bemühen, die Infektionslage in Mittelbaden unter Kontrolle zu halten. Der eigentliche Leiter des Gesundheitsamts trat nicht in Erscheinung, was die Behörde nicht weiter thematisierte. Nach Informationen unserer Redaktion war er krankgeschrieben und fast während der gesamten Zeit der Pandemie nicht im Dienst. Schultz, Biehl und die Mitarbeiter mussten die Ausnahmesituation allein managen.

Unmut hinter vorgehaltener Hand

Vor Corona war das Gesundheitsamt eine in der Öffentlichkeit unscheinbare Behörde. Die wenigsten Menschen kamen in ihrem Leben mit dem Amt in Kontakt. Doch seit Beginn der Pandemie stehen die Ämter bundesweit im Fokus. Die Beschäftigten erfassen Infektionszahlen, verfolgen Kontakte, verschicken Quarantäneanordnungen, telefonieren mit Kranken und Angehörigen, organisieren Impfaktionen und setzen die immer neuen Verordnungen der Landesregierung um. Die regulär 34 Mitarbeiter können das bei Weitem nicht stemmen. In den vergangenen Monaten wurde der Bestand immer wieder deutlich aufgestockt, um der Belastung Herr zu werden. In der Spitze waren es 160 Mitarbeiter, auch Soldaten der Bundeswehr halfen.

Wie oft das Landratsamt in dieser Phase der chronischen Überlastung beim Sozialministerium in Stuttgart anklopfte und um eine zügige Neubesetzung der Leitungsstelle bat, ist offen. Die Behörde will dazu nicht offiziell Stellung nehmen. Hinter vorgehaltener Hand berichten Mitarbeiter aber von einem großen Unmut, der angesichts der Situation herrschte.

Die Pressestelle des Sozialministeriums argumentiert dagegen, die Bestellung der neuen Leiterin sei „so schnell wie möglich“ vorgenommen worden. Auch während der Pandemie hielt es das Ministerium offensichtlich nicht für möglich, Abkürzungen im langfristigen Besetzungsverfahren zu gehen. Das Ministerium schreibt: „Solange eine Stelle als personalwirtschaftlich besetzt gilt, kann eine weitere Besetzung nicht vorgenommen werden.“ Auch beamtenrechtliche Vorgaben müssten eingehalten werden. Über die Gründe, warum Schultz‘ Vorgänger so lange nicht im Dienst war und welche Lösung nun für ihn gefunden wurde, will sich die Pressestelle aus Datenschutzgründen nicht äußern. Nach Informationen unserer Redaktion befindet er sich mittlerweile im Ruhestand.

Landratsamt will nicht nachtreten

Wer die Nachfolge von Schultz in der stellvertretenden Amtsleitung übernimmt, ist offen. Das Ministerium hat in Absprache mit dem Landratsamt zunächst eine Sachgebietsleitung ausgeschrieben. Die Bewerbungsfrist endete an diesem Freitag.

In seiner Argumentation verweist das Ministerium auch darauf, dass Schultz bereits vor ihrer Ernennung kommissarische Leiterin des Gesundheitsamts war. Laut einer Mitteilung des Landratsamts war das aber erst seit Oktober 2021 der Fall, also rund eineinhalb Jahre nach Pandemie-Beginn.

Das Gesamtfazit des Ministeriums fällt positiv aus: „Gemeinsam wurden die Aufgaben der Pandemie bisher erfolgreich bewältigt.“ Das gesamte Team des Gesundheitsamts und andere Bereiche des Landratsamts hätten die kommissarische Leitung unterstützt. Das Landratsamt will in der Causa nicht nachtreten, liefert aber eine vielsagende Ergänzung zur Einschätzung der erfolgreichen Aufgabenbewältigung: „Uns ist bewusst, dass dies nur unter erheblicher Mehrarbeit und deutlich erhöhtem Einsatz der tätigen Mitarbeiter möglich war.“

Zum Thema

Das Gesundheitsamt Rastatt ist zuständig für das Gebiet des Landkreises Rastatt und des Stadtkreises Baden-Baden. Zum Aufgabenkatalog zählen der Amts- und Versorgungsärztliche Dienst, die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten und Läusebekämpfung, Infektionsschutz, Trink- und Badewasserüberwachung, Hygiene und das Netzwerk multiresistente Erreger. Das Amt unterhält zudem Aufklärungsangebote von der Impfberatung über sexuelle Gesundheit und Schwangerschaftskonfliktberatung bis hin zur Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen.

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Ihr Autor

Holger Siebnich

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Erstellt:
21. Februar 2022, 16:12 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 06sec

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