Olympia-Medaille im Visier

Triberg(mi) – Die vierfache Ringer-WM-Medaillengewinnerin Aline Rotter-Focken bereitet sich im Schwarzwald auf die Olympischen Sommerspiele 2021 in Tokio vor. Dort will sie sich ihren Medaillentraum erfüllen.

Aline Rotter-Focken bereitet sich mit ihrem Ehemann Jan auf das Großereignis in Japan vor. Foto: Privat

© privat

Aline Rotter-Focken bereitet sich mit ihrem Ehemann Jan auf das Großereignis in Japan vor. Foto: Privat

Jan Rotter ist wohl der einzige Mann in ganz Deutschland, der sich von seiner Ehefrau auf die Schultern legen lässt – und dies auch noch mit einem verschmitzten Lächeln quittiert. In Corona-Zeiten ist häufig von häuslicher Gewalt die Rede. Im Fall der Eheleute Rotter ist genau das Gegenteil der Fall, nämlich die große Liebe im Spiel. Aline Rotter-Focken kann seit Wochen froh sein, dass angesichts der Kontaktbeschränkungen im „Ländle“ ihr Lebenspartner auch den Sparringspartner in Triberg gibt: Mit Bundestrainer Patrick Loes wäre dies nicht gestattet.
„Jan kann zwar wegen seiner lädierten Schulter nicht mehr alles machen, aber für mich reicht es. Ich habe in Deutschland zu wenig Partnerinnen. Meiner Entwicklung hat es nicht geschadet, mit Männern zu trainieren. Das empfinde ich als Megavorteil.“

Die Matte wurde passenderweise im Fitness-Studio ihrer Schwiegereltern aufgestellt, wo sie auch das Athletik- und Krafttraining absolviert. So kann sich die Weltmeisterin von 2014 und vierfache WM-Medaillengewinnerin auch nach der Verlegung der Olympischen Sommerspiele weitgehend professionell auf Tokio im nächsten Jahr vorbereiten.

Nicht geschockt von Verlegung

Im Gegensatz zu anderen Athleten auch in anderen Sportarten, die gar ans Karriereende denken, kann die erfolgreichste deutsche Ringerin mit der Verlegung gut leben. „Ich denke nicht zu viel darüber nach, das zieht einen nur runter. Im ersten Moment war es ein Schock, weil zunächst das Gerücht von einer Verlegung um zwei Jahre verbreitet wurde. Dies wäre auch für mich zu lange gewesen, aber jetzt ist es voll okay. Einige meiner Teamkolleginnen hatten dagegen Motivationsprobleme, weil sie nicht die gleichen Voraussetzungen haben.“

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben für die 29-Jährige. Sie sieht sogar einen Vorteil darin, mit Extra-Vorlauf auf den entscheidenden Tag X hinarbeiten zu können. „Jeder zusätzliche Monat, in dem ich besser werde, kommt mir zugute, von daher ist das eine Jahr sogar ein Geschenk.“ Sie kann also konzentriert an den Schwächen arbeiten, denn in der 76-kg-Klasse tritt sie erst seit zwei Jahren an. Bei der WM im September wurde sie von US-Weltmeisterin Adeline Gray im Halbfinale 5:2 besiegt. „Sie ringt physischer. Da muss ich mich noch steigern.“

Was der dreifache Greco-Weltmeister Frank Stäbler bei den Männern ist, stellt die Freistilkämpferin beim alles andere als schwachen Geschlecht dar: Die gebürtige Rheinländerin ist die große Medaillenhoffnungsträgerin des Deutschen Ringer-Bundes. Zuletzt lieferte sie mit EM- und WM-Bronze gewohnt starke Leistungen ab. Die Erfolgskarriere soll mit ihrer ersten Olympia-Medaille gekrönt werden.

„Ich wäre ja die erste deutsche Frau überhaupt, die eine Medaille gewinnt. Ein Lebenstraum würde für mich in Erfüllung gehen, da ich ja sonst alles erreicht habe. Es ist die zweite Chance meines Lebens.“ In Rio vor vier Jahren löste sich die erste in Luft auf. „Ich war extrem nervös und habe sechseinhalb Kilo in fünf Tagen abgekocht. Ich habe seitdem viel dazugelernt.“

Starke Gegnerinnen

Die ständige Quälerei, am D-Day das erforderliche Gewicht bringen zu müssen, belastet sie nach dem Wechsel in die höhere Klasse nicht mehr. „Ich muss gar nichts abnehmen“, sagt sie zum Traum aller Frauen und bekennt fast genüsslich: „Meine stärksten Gegnerinnen werden vorher hungern müssen. Am besten kriege ich sie dann gleich am Anfang des Turniers vorgesetzt.“ Körperlich geschwächt.

Die zehnfache deutsche Meisterin weiß, dass die Pool-Auslosung in Tokio wichtig sein wird. Weltmeisterin Gray, die türkische Europameisterin Yasemin Adar, die Heimvorteil genießende japanische Vizeweltmeisterin Suzuki – es lauern wahre Schwergewichte. „Die Chance, jemand leichteren vorgesetzt zu bekommen, ist gleich Null. Je mehr aber die Zuschauer gegen mich sind, pusht mich das umso mehr“, outet sich die Blondine als Kämpferin vor dem Herrn.

Die Gesundheits-Managerin in einem Schonacher Betrieb kann nach ihrem Umzug vor zwei Jahren von ihrer Heimatstadt Krefeld in den Schwarzwald prima abschalten. „Die Natur verzaubert mich hier jeden Tag“, sagt sie. Die Verbindung zur Heimat ist dennoch weiter sehr stark. „Erst kürzlich war ich erstmals seit Weihnachten wieder zu Hause. Die Familie habe ich wahnsinnig vermisst.“

Der Kampfsport wurde dem energischen, leidenschaftlichen Kraftbündel quasi in die Wiege gelegt. Opa, Vater, Bruder, Cousin allesamt Ringer – da ging Klein-Aline doch nicht zum Judo. „Ich musste meine überschüssige Energie austoben. Dafür gibt es nichts Besseres als Ringen“, erinnert sich Rotter-Focken. Mit vier Jahren nahm sie unter der Leitung ihres Vaters erstmals am Training des KSV Germania Krefeld teil. Mit sieben maß sie sich erstmals im Wettkampf, mit zwölf tauchte sie im nordrhein-westfälischen Landesleistungskader auf, mit 15 war sie in der Nachwuchsnationalmannschaft gelandet. Und bei den „Großen“ ist sie zum zuverlässigen Medaillenschmied geworden. Für eine letzte Plakette im Zeichen der fünf olympischen Ringe lässt sich Jan Rotter gerne noch ein Jahr aufs Kreuz legen.

Zum Artikel

Erstellt:
20. Mai 2020, 09:10 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 26sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.