Omikron: Gesundheitsämter rechnen mit harter Zeit

Karlsruhe (BNN) – Die neue Omikron-Virusvariante ist bislang in Baden noch nicht nachgewiesen worden. Allerdings bereiten sich die Gesundheitsämter auf eine extrem harte Zeit vor.

In Deutschland ist bislang fast ausschließlich die Delta-Virusvariante verbreitet, die besonders bei Ungeimpften für schwere Krankheitsverläufe sorgt. Bald könnte sie aber von der Omikron-Mutante verdrängt werden. Foto: Robert Michael/dpa

© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

In Deutschland ist bislang fast ausschließlich die Delta-Virusvariante verbreitet, die besonders bei Ungeimpften für schwere Krankheitsverläufe sorgt. Bald könnte sie aber von der Omikron-Mutante verdrängt werden. Foto: Robert Michael/dpa

Knapp eine Woche nach dem Bekanntwerden einer neuen Corona-Variante aus Südafrika rechnen manche Fachleute mit zahlreichen noch nicht entdeckten Omikron-Fällen in Deutschland. Auch in Baden stellt sich die Frage nicht ob, sondern wann die hochansteckende Mutante hier auftritt. Die Gesundheitsämter bereiten sich auf eine 180-Grad-Wende im Kampf gegen die Pandemie vor.

Während derzeit über die Gefährlichkeit der Variante B.1.1.529 viel spekuliert wird, sind die Forscher vorsichtig optimistisch, was die Schutzwirkung der Impfstoffe gegen Omikron angeht. Eine weitere gute Nachricht: Das europaweite Corona-Monitoring funktioniert nach Experteneinschätzung mittlerweile so effizient, dass die Ausbrüche des neuen Typs schnell erkannt würden.

Bislang nur moderate Symptome

Bis Mittwoch wurden in Deutschland etwa ein Dutzend Verdachtsfälle der neuen Variante bekannt, vier davon in Baden-Württemberg. Bei den Letzteren handelt es sich um drei Reiserückkehrer aus Südafrika und ein angestecktes Familienmitglied. Alle Infizierten, die aus Ulm und dem Alb-Donau-Kreis kommen, seien vollständig geimpft und hätten moderate Symptome, gab das Landessozialministerium bekannt.

Die Verteilung der Varianten und die Mutationen bei der Omikron-Variante. Grafik: BNN/dpa/Quelle Robert-Koch-Institut/BT/jv

Die Verteilung der Varianten und die Mutationen bei der Omikron-Variante. Grafik: BNN/dpa/Quelle Robert-Koch-Institut/BT/jv

In der Region wachsen die Sorgen. Zwar kennt man hier noch keine Omikron-Infektionen, doch hält etwa das Karlsruher Gesundheitsamt das Auftreten der Mutante in Baden in nächster Zeit für „hoch wahrscheinlich“. Das Amt erklärt dies mit den intensiven Reiseverbindungen zwischen Karlsruhe und dem Ausland. Nach Informationen unserer Zeitung wird der erste nachgewiesene Omikron-Fall zu einem radikalen Strategiewechsel bei der Corona-Nachverfolgung in der Region führen.

Wende im Fallmanagement erwartet

Die jüngste Kurskorrektur in den badischen Gesundheitsämtern liegt gerade einmal vier Wochen zurück. Um eine Überlastung in der vierten Welle zu vermeiden, hatten sie das „individuelle Fallmanagement“ eingestellt – die Mitarbeiter riefen also nicht länger die Infizierten und deren Kontaktpersonen an, um die Corona-Ausbreitung in der Breite einzugrenzen. Stattdessen haben sich die Ämter auf das Management von größeren Ausbrüchen konzentriert, vor allem in Alten- und Pflegeheimen, Kitas und Schulen.

Nun wird das Karlsruher Gesundheitsamt also in jedem Omikron-Fall das Umfeld von einzelnen Infizierten ermitteln müssen. „Diese Personen müssten dann auch wieder in Quarantäne, selbst wenn sie geimpft oder genesen sind“, hieß es auf Anfrage. Ein ähnliches Vorgehen ist auch in Rastatt geplant. Beide Gesundheitsämter beschreiben das derzeitige Corona-Bild in der Region als „diffus“. Die meisten Ansteckungen erfolgten innerhalb der Familien und im privaten Umfeld. Ausbrüche gebe es weiterhin in Heimen, Schulen und Kindergärten. „Die Gefährdung durch Covid-19 für die Gesundheit der nicht oder nur einmal geimpften Bevölkerung wird als sehr hoch eingeschätzt“, so das Landratsamt in Rastatt.

Delta dominiert das Infektionsbild

In Baden-Württemberg und fast überall in Deutschland zirkuliert zurzeit zu 98 Prozent die Delta-Variante. Bei einem anhaltenden Reproduktionswert um 1 rechnet das Landesgesundheitsamt in Stuttgart, dass die Inzidenzen bis zum Jahresende „auf dem aktuell hohen Niveau bleiben“. Darüber, wie Omikron das Infektionsgeschehen noch verändern könnte, möchte man dort nicht spekulieren.

Einen guten Überblick über die Pandemie-Dynamik hat Rolf Apweiler vom Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg. Der Bioinformatiker koordiniert den europaweiten Austausch von Corona-Forschungsdaten und berät die Politik. „Im Moment sind vor allem die Länder betroffen, die einen größeren Austausch mit afrikanischen Staaten haben“, sagt er. „In Deutschland haben wir bislang nur wenige Omikron-Fälle. Hier dominiert Delta, und daran wird sich bis Weihnachten nichts ändern.“

Mutante leicht nachweisbar

Apweiler klingt weniger optimistisch, wenn es um mittelfristige Prognosen geht. Ein Grund dafür ist die hohe Ansteckungswirkung von Omikron. „Beim explosiven Wachstum der Delta-Fälle in Mitteleuropa lag damals der Reproduktionswert um 1,3“, erzählt er. „Bei der unglaublich schnellen Ausbreitung in Südafrika haben wir einen R-Wert von 2 erlebt, das ist schockierend. Bald werden wir mehr wissen, solange sollten wir aber vorsichtig sein.“ Noch gebe es Zeit, um die Menschen von der Notwendigkeit der Impfungen zu überzeugen, mahnt der Fachmann. „Ihre Wirkung gegen die neue Variante wird geringer sein, trotzdem werden sie schützen. Wir können Omikron mit den Vakzinen in den Griff kriegen.“

Laut Apweiler läuft die Überwachung der Mutanten durch die großflächige Genomsequenzierung in Deutschland und anderen Ländern ausgesprochen gut, was ein frühes Reagieren möglich mache: „Erst vor wenigen Tagen haben unsere Kollegen in Südafrika ihre Erkenntnisse präsentiert. Wir griffen sie auf und nutzten dann unsere Kanäle, um die Politik zu warnen. Es ging wahnsinnig schnell.“

Die Besonderheit der neuen Variante mit über 30 Mutationen in dem markanten Spike-Protein macht sie wohl nicht nur außergewöhnlich infektiös, sondern auch leicht nachweisbar in den Labortests. „Die Infizierten werden durch die normale PCR erkannt, und man kann mit einer speziellen PCR die Omikron-Variante rasch und spezifisch identifizieren“, sagt Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Virologie am Heidelberger Universitätsklinikum. „Diagnostisch sind wir sehr gut aufgestellt. Insofern sollte dies bei allen Personen, die aus dem Ausland einreisen und positiv testen, durchgeführt werden.“

Der Wissenschaftler ist nicht sicher, ob Omikron Deutschland mit einer größeren Wucht als Delta treffen könnte. Der bisher eher milde Verlauf ist in seinen Augen ein Indiz dagegen, allerdings erlaube die geringe Fallzahl noch keine fundierte Beurteilung. „Ich gehe davon aus, dass die Impfung auch einen Schutz vor dieser Variante bieten wird, allerdings möglicherweise abgeschwächt“, sagt Kräusslich, der mit mehr Klarheit in ein bis zwei Wochen rechnet.

Infektionsrate könnte bald sinken

Aus der Sicht des Heidelberger Virologen gibt es weder einen Grund zur Panik noch eine Notwendigkeit, im Kampf gegen Omikron zu einem anderen Pandemie-Ansatz zu greifen. Stattdessen müsste man bekannte Maßnahmen wie Impfungen, Kontaktbeschränkungen und Masken konsequent einsetzen. Kräusslich glaubt, in dem aktuell abgebremsten Anstieg der Neuinfektionen eine Verhaltensänderung der Menschen erkennen zu können. „Wenn jetzt eine Reduktion der Kontakte dazukommt, könnte die Infektionsrate zum Jahresende hin abfallen“, sagt er. Ein weiterer Anstieg der Todesfälle und Patienten auf den Intensivstationen sei bis Weihnachten jedoch unvermeidbar.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

BNN-Redakteur Alexei Makartsev

Zum Artikel

Erstellt:
1. Dezember 2021, 19:02 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 08sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.