„On the Quiet“: Neue Ausstellung in Rastatt

Rastatt (cl) – Kunst aus dem Versandkarton: In der Gruppenausstellung „On the Quiet“ zeigt der neue Rastatter Galerieleiter Sebastian Schmitt bis 3. Oktober die Kunst des nachhaltigen Ausstellens.

Günstige Materiallösungen für die Kunst: Benjamin Appels „Farbfeldmalerei“ aus Abdeckplanen und Sockelideen Eric Hattans in der Städtischen Galerie Fruchthalle, Rastatt.  Foto: Christiane Lenhardt

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Günstige Materiallösungen für die Kunst: Benjamin Appels „Farbfeldmalerei“ aus Abdeckplanen und Sockelideen Eric Hattans in der Städtischen Galerie Fruchthalle, Rastatt. Foto: Christiane Lenhardt

Die nachhaltige Ausstellung von heute passt in einen mittelgroßen Karton. Zum Einstieg hat sich der neue Leiter der Städtischen Galerie Rastatt, Sebastian Schmitt, die international besetzte Gruppenausstellung „On the Quiet“ ausgesucht – praktisch verpackt und coronakonform auch ohne Künstler-Anreise aufbaubar.

Die Werke der 13 teilnehmenden Künstlern und Künstlergruppen, darunter auch die einstigen Karlsruher Akademieprofessoren Silvia Bächli aus Basel und der Tiroler Ernst Caramelle, sind im Standardpaket von maximal 31,5 Kilogramm in der Fruchthalle angekommen. Der Reisekarton von Eric Hattan ist im Glaskasten auf dem Vorplatz der Galerie geparkt und dient dort als erster Ausstellungsraum: durch zwei Löcher sind Figürchen im Inneren erkennbar.

Dank Hattans Paketlösung ist die Ausstellung „Im Stillen“ nicht nur gut in Rastatt angekommen, sondern wird auch mit geringem ökologischem Fußabdruck um die halbe Welt weitergehen. In Mannheim, Sindelfingen waren die Werke bereits, nach Salzburg und bis ins Kunstmuseum von Santiago de Chile werden die in ihrer Größe flexiblen, faltbaren Objekte, kleinen Gemälde, Papierarbeiten, Fotografien und USB-Sticks weitergeschickt.

Verlust des Kunstpakets beim Versand einkalkuliert

Noch dazu nutzt das Gemeinschaftsprojekt – das laut Schmitt eine erste von weiteren Partnerschaften mit der Kunstakademie Karlsruhe markiert – über die eingesandten Exponate hinaus vorhandene Wände, Podeste, Wandfarben und Mitarbeiterkräfte vor Ort. Sogar die Spuren vergangener Ausstellungen werden mitgedacht, in Form von alten Bohrlöchern und nicht weißelten Wänden. Aus Stell- und Hängewänden wurden Ablagen – die Kunst ist liegend angeordnet.

Das Nachdenken über die Infrastruktur des Ausstellens gehört längst zu den zentralen Topoi der aktuellen Kunst. Das Prinzip „Ausstellen des Ausstellens“, wie es die Kunsthalle Baden-Baden 2018 auch rückblickend auf das Instrumentarium des Zeigens mit historischen Vitrinen, Rahmen und Sockeln ausbreitete, wird nun in Rastatt neu interpretiert: als moderne Selbstbefragung einer künftigen Ausstellungspraxis, bei der auch Blockbuster-Schauen mit gigantischem Materialaufwand oder hohen Transport- wie Versicherungskosten zu hinterfragen sind. Sollte das Kunst-Paket von „On the Quiet“ beim Versand verloren gehen, wäre das kein größeres Problem – diese aktuelle Art der Konzeptkunst wird an jeder Station neu gedacht.

Den Prolog in Rastatt bildet Maya Schweizers kafkaeske Textilkunst auf schwarzen Stoffrechtecken: Die Filmemacherin nutzt die „Leinwand“, weil sie bei ihrer Klinikrecherche aufgrund von Persönlichkeitsrechten nicht filmen durfte, für ihren fiktiven Dialog zwischen einem Psychologen und einer Patientin. Spuren des Bewahrens zeigt auch die Fotoserie von Thomas Rentmeister, die zurückgelassene Gegenstände in einem ehemaligen Wohnheim für Geflüchtete dokumentiert.

Sammlung Westermann mit ausgewählter Konzeptkunst

Der Maler und Mitkurator Appel fügt der Schau eine Variation der „Farbfeldmalerei“ auf kleiner Leinwand hinzu und breitet Abdeckplanen in Rot, Blau, Grün wie gemalte Rechtecke aus. Bei der Präsentation stellt sich auch die Frage der Autorenschaft von Kunst und des vermeintlichen Hypes ums Original: Weil Eric Hattan aus Pandemiegründen nicht reisen konnte, hat Appel den Skulpturenpark seines Schweizer Kollegen im Obergeschoss aufgebaut: in dem er im Haus vorgefundene Schränke, Kisten, Tischchen zu Sockeln stapelte und mit Plastiktüten in unterschiedlichen Faltenwürfen krönte, als wären die schnöden Alltagsgegenstände spätgotische Kunst.

Das günstige Ausstellungsformat mit wertvollen Überlegungen zur Ausstellungs- wie Kunstpraxis versammelt Videokunst mit dem nachgestellten, damals schon inszenierten Boxkampf zwischen den Kunstlegenden Warhol und Basquiat, einem Wandrelief aus graublauem Lederfett (Beuys lässt grüßen im Jubiläumsjahr) und Ritzspuren „auf Herzhöhe“, so Schmitt, die Ausstellungsgeschichte an den Wandverkleidungen hervorbringen. Auch die Sammlung Westermann passt mit ausgewählter Konzeptkunst ins Kunstkonzept. Zu sehen bis 3. Oktober.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
10. Juni 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 45sec

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