Opa Jürgen zwischen Jungbrunnen und „Hinkebein“

Bühlertal (hol) – Was macht eigentlich Ex-Landrat Jürgen Bäuerle? Das BT hat ihm einen Besuch abgestattet. Der vorzeitige Ruhestand sei die „absolut richtige Entscheidung“ gewesen, sagt er.

Ex-Landrat Jürgen Bäuerle gibt am Schlagzeug für die „Silver Boys“ den Takt vor. Foto: Bernhard Margull

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Ex-Landrat Jürgen Bäuerle gibt am Schlagzeug für die „Silver Boys“ den Takt vor. Foto: Bernhard Margull

Vor gut eineinhalb Jahren sei er „wieder ins Angestelltenverhältnis zurückgekehrt“. So spricht Ex-Landrat Jürgen Bäuerle augenzwinkernd mit einem Blick auf seine Ehefrau Marga über seinen im April 2019 vorzeitig angetretenen Ruhestand. Der 66-Jährige, der damals für manche überraschend nach 14 Jahren aus dem Amt ausschied, hat seinen Schritt keine Sekunde bereut. Im Gegenteil: Er genieße es jeden Tag, „endlich nicht nur zum Schlafen zu Hause zu sein“, wie er lachend sagt.
Zu Hause, in seinem Elternhaus im lauschigen Bühlertäler Ortsteil Büchelbach, das ist da, wo „ganz viel Familie“ ist. Bäuerle sagt: „Das war mit entscheidend für meinen Entschluss damals.“ Er sei froh, dass seine beiden Söhne mit ihren Familien ganz in der Nähe wohnten. Die vier Enkelkinder im Alter zwischen drei und sieben Jahren waren denn auch im Sommer Stammgast auf der Terrasse des steilen Hanggrundstücks der Bäuerles. Dort ermöglichte Opa Jürgen dem Nachwuchs mit einem aufblasbaren Schwimmbad und einer Gartendusche regelmäßig Poolfreuden und servierte dem quirligen Quartett so manchen kühlen Drink. Wenn das Wetter kühler war, dann machte der Opa den Wanderführer, wie kürzlich bei einem Ausflug zur Kohlbergwiese. „Außerdem lebt meine Mutter bei uns im Haus“, sagt Bäuerle. Die Dame ist mittlerweile 90 und freut sich auch darüber, dass ihr Sohn wieder öfter daheim ist.

„Viel in Haus und Hof aktiv“

Ansonsten ist der Ex-Chef der Landkreis-Verwaltung jetzt „viel in Haus und Hof aktiv“, wie er betont. Und Ehefrau Marga bestätigt: „Ich spüre das auch. Ich bekomme so manches abgenommen.“ Für Jürgen Bäuerle ist das kein Stress. „Das alles weitgehend ohne Zeitdruck machen zu können, das macht mir Freude“, sagt er. Und wenn dann ein Kollege aus dem Fußballteam der Alten Herren vorbeikommt, dann wird die Arbeit auch mal für ein gemeinsames Bierchen auf der Bank vor dem Haus unterbrochen. Keine Frage: Bäuerle genießt es, endlich Zeit zu haben für solche schönen, kleinen Dinge.

Auch fürs Musizieren. Der passionierte Schlagzeuger spielte schon als 13-Jähriger im „Bergfriedel“ gemeinsam mit einem Freund zum Tanz auf und verdiente sich so wöchentlich „20 Mark und ein Stück Käsekuchen“, wie er stolz berichtet. Seit 1975 spielt er in einer Band. Bei den „Silver Boys“ gibt er die Schlagzahl vor. Mit den vier Jungs, die mit ihm in der Combo aktiv sind, verbinde ihn eine richtig gute Freundschaft, sagt er. Die in diesem Jahr eigentlich geplanten Auftritte wie beispielsweise beim Kuppenheimer Stadtfest fallen zwar coronabedingt aus, und auch von Februar bis Mai legte die Band eine pandemiebedingte Pause ein. Doch seit Juni wird wieder regelmäßig geprobt. „Und das ist ein echter Jungbrunnen“, schwärmt Bäuerle darüber.

Dieser Jungbrunnen scheint zu wirken. Wache Augen und ein gewinnendes Lächeln: Den Pensionär und passionierten Biker könnte man gut und gerne für zehn Jahre jünger schätzen, als er wirklich ist. Doch auch er weiß, dass die Zeit nicht stehen bleibt.

„Man darf sich nicht so wichtig nehmen“

„Bei den Alten Herren bin ich neuerdings bei der Läufergruppe dabei. Die nennen sich Hinkebein“, erzählt er. Während die anderen mit dem Ball trainieren, laufen die „Hinkebeine“ durch den Wald. „Fußball spiele ich für mein Leben gerne – ich kann es halt nur nicht so gut, auch schon ein Leben lang“, sagt Bäuerle und lacht wieder. „Und man muss natürlich auch wissen, wie alt man ist“, wirft Ehefrau Marga trocken ein.

„Ja, man muss eine Frau haben, die einen immer wieder auch mal zurückholt“, sagt Bäuerle sinnierend auf die Frage danach, was entscheidend für ihn war, den Job als Landrat und zuvor als Bürgermeister von Bühlertal gut ausfüllen zu können. „Außerdem muss man nicht allen alles Recht machen, aber bei der Begründung von Entscheidungen macht der Ton die Musik“, setzt er die Aufzählung fort. „Und man darf sich nicht so wichtig nehmen. Man hat vom Wähler einen Auftrag. Deswegen schwebt man noch lange nicht über allem.“ Dann denkt Bäuerle kurz nach. „Wenn man hier in den Bergen von Bühlertal groß geworden ist, dann ist man halt so“, sagt er.

Corona: „Brutal schwierige Situation“

Die Berge von Bühlertal – die sind vom Haus der Bäuerles aus jedem Fenster zu sehen. Trotzdem zog es den Pensionär früher im Urlaub immer in die Berge. Bis 2006. Da wollte Ehefrau Marga endlich mal ans Meer. „Und so erholt, wie damals, bin ich vorher noch nie aus dem Urlaub gekommen“, erzählt Bäuerle, bekennender „Deutschland-Urlauber“ auch schon vor Coronazeiten. In den Jahren danach haben er und seine Frau ausgiebig die deutschen Nordseeinseln bereist – in diesem Sommer waren beide auf Sylt. Und im Urlaub 2017, „da stand ich morgens unter der Dusche“, erinnert sich Bäuerle, sei ihm klar geworden, dass er 2019 zum 65. Geburtstag aufhören würde mit dem Job im Landratsamt. In den Wochen und Monaten danach habe er sich mit dem Gedanken angefreundet, habe seine Pläne auch in der Familie bekanntgemacht und sei dann im Februar 2018 an die Öffentlichkeit gegangen. „Und es war absolut die richtige Entscheidung“, sagt er mit Nachdruck – und er meint das nicht nur mit Blick auf die Corona-Krise, die seinen Nachfolger und das Team im Landratsamt fordert. „Ich leide da heftig mit“, sagt Bäuerle auf das Thema angesprochen. „Das ist eine brutal schwierige Situation.“

Trotz Corona: Im BT, das das Ehepaar seit 44 Jahren im Abonnement bezieht, blättert Bäuerle seit seinem Ruhestand morgens zuerst den Sportteil auf und nicht die Lokalnachrichten. Und wenn nicht alles täuscht, wird das auch so bleiben. Auf die Frage, ob er nicht doch darüber nachdenke, sich wieder einzubringen in einem Ehrenamt, sagt er: „Es liegen mir derartige Anfragen vor. Die liegen alle auf Wiedervorlage – ich muss mir jetzt erst einmal Zeit für mich nehmen.“ Dann hält er kurz inne, blickt seine Frau an und meint: „Und wie die Dinge derzeit liegen, bleibt es auch dabei.“

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Erstellt:
24. September 2020, 06:30 Uhr
Lesedauer:
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