Operette „Gräfin Mariza“: Kess und mit Kuss

Karlsruhe (ISt) – Süffig, schmissig und alle klatschen mit: Regisseurin Alexandra Frankmann macht mit einer kurzweiligen „Gräfin Mariza“ in Karlsruhe klar, warum Operetten einst der Knüller waren.

Ein Fest für Augen und Ohren: Mit einem vor Spielwitz nur so sprühenden Ensemble, süffig pointierten Klängen und einer prunkvollen Kulisse mit erotischem Flair begeistert diese Inszenierung. Foto: Felix Grünschloß

© Felix Gruenschloss

Ein Fest für Augen und Ohren: Mit einem vor Spielwitz nur so sprühenden Ensemble, süffig pointierten Klängen und einer prunkvollen Kulisse mit erotischem Flair begeistert diese Inszenierung. Foto: Felix Grünschloß

Ach, ist das herrlich. Wann sitzt man schon im Opernhaus und wünscht sich, dass es nicht mehr aufhört? Was der Seele in der Pandemie so schmerzlich fehlt, dafür gibt es jetzt am Badischen Staatstheater ein Ticket.

Drauf steht nur scheinbar staubig „Gräfin Mariza“, was allenfalls Kennern des Operetten-Fachs wissendes Nicken entlockt. Dahinter aber steckt schäumendes Vergnügen für wirklich jede und jeden.

Ensemble sprüht vor Spielwitz

Mit einem vor Spielwitz nur so sprühenden Ensemble, süffig pointierten Klängen und einer prunkvollen Kulisse mit erotischem Flair macht Regisseurin Alexandra Frankmann klar, warum Operetten wie diese einst der Knüller waren. Und warum es eine Freude ist, dass das Staatstheater bei der Renaissance dieses Genres seit Jahren mitmacht. „Gräfin Mariza“ gehört zu Emmerich Kálmáns (1882 bis 1953) erfolgreichsten Operetten, die auch am Broadway Geschichte schrieb. 1924 im Theater an der Wien uraufgeführt, machte sie den Schöpfer der „Csárdásfürstin“, der Österreich im Jahr 1938 als Jude verlassen musste, zu einem der berühmtesten Operettenkomponisten auch jenseits des Atlantiks.

Das Stück aktiviert das Glückszentrum. Die Uraufführung dauerte offenbar sechs Stunden, weil fast jede Nummer wiederholt werden musste. Knapp 100 Jahre später noch platzt Zwischenjubel aus den Premierengästen und zum musikalisch begleiteten Schlussapplaus klatschen alle im Takt. Irgendwann hat man es halt auch im Blut, das „wilde Paprika“, von dem schmissige Ohrwürmer wie „Komm mit nach Varaždin“ oder „Grüss mir die reizenden Frauen“ singen. Kálmán fängt die Stimmung seiner Zeit ein, blickt wehmütig zurück auf die zerfallene Donaumonarchie mit all ihren Völkern. Blaublütige Damen und Herren umgarnen sich. Die Gesellschaft schillert zwischen Wien und Debrezin, die Musik zwischen Walzer-Seeligkeit und Csárdás-Rhythmen. Zum Spaß gehört aber auch der Salontanz Shimmy, der in Karlsruhe als Tanzrevue die Augen flackern lässt.

Alles ist ein Fest für Augen und Ohren: Opulente und schummrig beleuchtete Szenerien auf der Drehbühne (Walter Vogelweider) zeigen die Villa der Gräfin von außen mit Laub auf den Treppenstufen und von innen mit sinnlichen Frauenakten an den Wänden über dem roten Samtsofa. Und so nimmt die Leidenschaft „heißer noch als Gulaschsaft“ kess und mit Kuss ihren Lauf. Gräfin Mariza (Anna Gabler) ist hübsch, steinreich und ledig. Die Liste an Verehrern und Mitgiftjägern ist lang und lästig. Einer davon ist Fürst Populescu (herrlich hochnäsig: Johannes Eidloth). Um ihre Ruhe zu haben, streut Mariza die Nachricht ihrer angeblichen Verlobung in der Presse. Der Glückliche ist frei erfunden und heißt Baron Kolomán Szupán, so wie die Figur aus der Operette „Der Zigeunerbaron“. Doch gibt es ihn wirklich. Und schon ist er da.

Der Tenor Merlin Wagner hat genau den richtigen Clown gefrühstückt für die Rolle des liebenswürdig trotteligen Freiers, singt wie immer traumhaft, tanzt zum Niederknien gut. Die Gräfin hat gar keine Lust, ihn zu heiraten. Viel eher würde ihr der tüchtige Gutsverwalter gefallen, bei dem es sich in Wirklichkeit um den verarmten Grafen Tassilo (Alexander Geller) handelt. Der will für seine Schwester Lisa eine standesgemäße Aussteuer erarbeiten. Wie gut die süffige Stimme von Dilara Bastar zur Lisa und überhaupt ins Operettenfach passt, ist eine der schönen Überraschungen dieser Produktion.

Dem Happy End hilft Tassilos Freund Karl Stefan auf die Sprünge und vereint ihn und Gräfin Mariza sowie Baron Szupán und Lisa. Robert Besta (von 2005 bis 2013 im Karlsruher Schauspielensemble) ist die reine Freude in dieser Sprechrolle. Ebenso wie der Schauspieler Peter Pichler als Kammerdiener Penižek. Der nämlich muss alle Gefühlsausbrüche spielen, die sich die reiche Erbtante (Christina Niessen) ärztlich verordnet verkneifen soll.

Klimmzüge das Personals hinter den Kulissen


Regisseurin Alexandra Frankmann aus Wien findet die richtige Balance zwischen Klamauk und Herzschmerz. Sie verlegt die Handlung mit schillernden Kostümen (Alfred Mayerhofer) und Tanzeinlagen (Choreografie: Till Nau) in die 1920er Jahre und huldigt dem Humor des Genres mit einer Dialogfassung für Karlsruhe ganz köstlich. Entsprechend motiviert sind die Ensemble-Mitglieder und Gäste. Alexander Geller ist mit seinem Timbre und auch optisch genau der richtige für die Rolle des Traummannes Tassilo. Leider ist ausgerechnet Anna Gabler an diesem Abend stimmlich etwas schwach auf der Brust. Der großartigen Musik tut das aber keinen Abbruch. Generalmusikdirektor Georg Fritzsch entlockt der Badischen Staatskapelle einen ausgezeichnet schmissigen und lodernden Sound – und lässt das „Zigeunermoll“ süffig singen.

Apropos „Zigeuner“: Aus der Wiener Operette ist der kritische Begriff als romantischer Topos für ein freies Leben als Bohemien nicht wegzudenken. Die Produktion lässt ihn aber nicht unkommentiert. In Übertiteln ist er kursiv gesetzt, das Programmheft ordnet ihn in einem eigenen Kapitel kritisch ein. Und Corona? Für knapp drei Stunden lässt diese Inszenierung vergessen, dass es die Pandemie gibt. Lediglich der Mundschutz auch im Gesicht mancher Mitglieder im wie immer prächtigen Staatsopernchor zeigt, welche Klimmzüge das Personal hinter den Kulissen machen muss, um das Publikum so zu beglücken. „Penižek, sei verzückt!“, würde die reiche Erbtante am Ende sagen, hätte sie im Publikum gesessen.

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