Opern-Projekt nicht nur für Jugendliche

Karlsruhe/Cottbus (sr) – Der russische Komponist Grigori Fried hat Anne Franks Tagebuch vertont: Die Oper für eine Stimme wird bei den Europäischen Kulturtagen als kostenloser Stream gezeigt.

Die Mono-Oper hat nur eine Rolle: Die Sopranistin Ilkin Alpay singt die Rolle der Anne Frank, Pianistin Virginia Breitenstein begleitet sie. Foto: Marlies Kross/Staatstheater Cottbus

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Die Mono-Oper hat nur eine Rolle: Die Sopranistin Ilkin Alpay singt die Rolle der Anne Frank, Pianistin Virginia Breitenstein begleitet sie. Foto: Marlies Kross/Staatstheater Cottbus

„Europa – ein Versprechen“ – so sind die 25. Europäischen Kulturtage in Karlsruhe überschrieben. Das von Stadt und Land getragene Festival hat sich selbst gesellschaftspolitische Relevanz verordnet. Es geht in den zahlreichen Ausstellungen, Vorträgen, Theateraufführungen – fast alles virtuell in diesem Jahr – um das Zusammenleben in Europa, das Übernehmen von Verantwortung, um persönliches Engagement. Unter den Jugendprojekten ragt die Verfilmung der Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ des russischen Komponisten Grigori Frid heraus. Der Film von Patric Seibert wurde am Montagabend digital uraufgeführt und ist noch dreimal zu sehen, am Montag, 3. Mai, am Dienstag, 11. Mai und am Donnerstag, 13. Mai, jeweils um 19 Uhr.

Patric Seibert war 2020 stellvertretender Operndirektor am Badischen Staatstheater Karlsruhe. In dieser Funktion wollte er die Oper als Jugendprojekt verwirklichen und richtete seine Inszenierung ganz direkt am Publikum aus: Er erarbeitete das Thema mit Schülern der Anne-Frank-Schule in Karlsruhe-Oberreut. Doch als die Live-Produktion bis zur Generalprobe gediehen war, kam der erste Corona-Lockdown und die Inszenierung wurde ad acta gelegt.

Koproduktion zweier großer Staatstheater

Mittlerweile ist Patric Seibert ans Staatstheater nach Cottbus gewechselt und hat in einer ersten Zusammenarbeit der beiden großen Drei-Sparten-Häuser das Projekt jetzt doch als Film realisieren können, der die Mono-Oper für eine Sängerin und Klavierbegleitung einem breiteren Publikum zugänglich macht. Dabei unterstützt ihn auch eine Förderung des Vereins „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Grigori Frid (1915-2012) war ein Schüler Schostakowitschs und hat, so Patric Seibert, auch im Stil des russischen Meisters komponiert. Seine Musik greift die seelischen Aspekte der hochbegabten Anne Frank auf, spiegelt aber auch die Schrecken der Zeit wider und stellt die Hauptfigur in ihrer ganzen Tiefgründigkeit heraus. Die einzelnen Szenen beginnen an Anne Franks 13. Geburtstag im Juni 1942, an dem sie ein Tagebuch bekam. Die Familie Frank war damals bereits nach Amsterdam emigriert, lebte aber noch nicht im Versteck. Das Libretto der Oper orientiert sich am Originaltext des weltberühmt gewordenen Tagebuchs der klugen und für ihr Alter auffallend reflektiert schreibenden Anne.

Grigori Frid hat die Oper 1959 geschrieben und später deutlich gekürzt, „der Komponist sah in Anne Frank eine faschistische Widerstandsfigur,“ erklärt Regisseur Patric Seibert. Er will in seiner Inszenierung aber auch die heranwachsende, auch mal alberne Anne zeigen und lässt deshalb durch eine Schauspielerin entsprechende Szenen lesen. Die Oper zeigt die verschiedenen Facetten des Mädchens – am Anfang ist sie noch verspielt, neugierig, später ernüchtert, voller Angst, sie leidet unter dem engen Zusammenleben.

Opernfilm als Schulprojekt

„Wir mussten die Oper auf maximal 50 Minuten kürzen, um das Projekt zusammen mit den erforderlichen Gesprächen in zwei Schulstunden packen zu können“, erklärt Seibert.

Er kann sich vorstellen, dass der Film von Schulen angefordert werden wird. „Aber letztendlich hoffe ich, dass dieser Opernfilm in einer theatralen Umgebung aufgeführt werden kann, ich denke an entsprechende Ausstellungen oder Installationen“, so Seibert.

Patric Seibert hat die Oper „für Menschen ab 14 Jahren“ inszeniert. Optisch hat er die „Ästhetik der 1930er und 40er-Jahre“ bewusst vermieden, seine Anne ist ein Mädchen von heute. Die Figur soll es Schülern leicht machen, mit ihr zu empfinden.

Die Filmaufführungen im Rahmen der Europäischen Kulturtage Karlsruhe werden jeweils von einem Nachgespräch mit Seibert und der Protagonistin Ilkin Alpay ergänzt. Die Karlsruher Sängerin hat die Sopranpartie der Anne Frank übernommen. Virginia Breitenstein begleitet die Sängerin am Klavier, Barbara Dussler liest ergänzende Texte aus dem Tagebuch.

Festredner Leoluca Orlando

Die Europäischen Kulturtage Karlsruhe sind ein spartenübergreifendes Festival, an dem sich fast 30 Institutionen der Stadt beteiligen. Sie finden in diesem Jahr zum 25. Mal statt. Die Eröffnung am Sonntagabend war ein geschickt inszenierter digitaler Festakt. Im Mittelpunkt stand die auf Deutsch gehaltene Festrede von Leoluca Orlando. Der prominente italienische Jurist, Politiker und Bürgermeister von Palermo, der in Heidelberg studiert hat, hielt eine flammende Rede für Freiheit und Menschenrechte und beschwor einen neuen Humanismus als Zukunftsvision für das europäische Haus. Mehr als anderen Städte habe sich sein Palermo gewandelt, so Orlando. Die Bürgerschaft dort habe sich aus eigener Kraft von mafiösen Strukturen befreit und achte heute jeden Menschen gleich – ob Migrant oder in Italien geboren. Grußworte kamen beim Festakt von Stadt und Land, wobei Karlsruhes Oberbürgermeister Mentrup (SPD) das Festival-Motto „Europa – ein Versprechen“ nicht als Garantie verstanden wissen wollte, sondern als Aufgabe. Kunst und Kultur komme mit diesem Auftrag eine besondere Bedeutung zu, sagte er.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sabine Rahner

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Erstellt:
3. Mai 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 19sec

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