„Orakel“ warnt vor künftigen Corona-Wellen

Karlsruhe (win) – Karlsruhe ist eine von wenigen Modellregionen, in denen Abwassermonitoring mit Blick auf das Infektionsgeschehen betrieben wird.

Frank Mentrup spricht gerne vom „Abwasser-Orakel“. Foto: Uli Deck/dpa

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Frank Mentrup spricht gerne vom „Abwasser-Orakel“. Foto: Uli Deck/dpa

Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup spricht gerne vom „Abwasser-Orakel“, mit dessen Hilfe die Stadt sehr früh Hinweise auf die bevorstehenden Entwicklungen bei den Corona-Infektionszahlen erhält. So wusste man schon rund zwei Wochen vorher, dass sich eine zweite Infektionswelle aufbauen und damit die Lage verschlechtern würde. Umgekehrt war aber auch frühzeitig erkennbar, als sich die Zahlen wieder abschwächen würden, anstehende Lockerungen konnten deshalb frühzeitig kommuniziert werden.

Das Orakel basiert auf der Zusammenarbeit zwischen der Stadt und dem in Karlsruhe ansässigen Technologiezentrum Wasser (TZW). „Das TZW ist Anfang vergangenen Jahres auf uns zugekommen, weil man Abwasserproben brauchte, um ein entsprechendes Nachweis-Verfahren zu entwickeln“, sagt Albrecht Dörr vom städtischen Tiefbauamt. Man habe sofort in die Kooperation eingewilligt und nach vielversprechenden Ergebnissen wurde ein Vertrag abgeschlossen. Seit Juni vergangenen Jahres werden nun zwei Mal wöchentlich Proben aus der Karlsruher Kläranlage genommen und auf Gensequenzen untersucht, mit denen sich das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung abbilden lässt.

„Das Abwasser selbst ist nicht ansteckend“, stellt Dörr klar, man suche lediglich nach „Markern“. Bei der zweiten Infektionswelle wusste man deshalb schon 13 Tage vorher, dass sich etwas zusammenbrauen würde. Bei der dritten Welle waren es immerhin noch acht Tage. Die kürzere Vorwarnzeit hänge mit der gestiegenen Zahl von Schnelltests zusammen, mit deren Hilfe sich das tatsächliche Infektionsgeschehen von den Gesundheitsämtern besser ermitteln lasse. Dörr ist davon überzeugt, dass die Vorwarnzeiten wieder länger werden, denn da immer mehr Menschen doppelt geimpft sind, werde die Zahl der Schnelltests auch wieder sinken. „Beim Abwasser ist aber weiter jeder dabei.“

Abwassermonitoring bietet Vorteile

Die Vorteile eines Abwassermonitorings wurden inzwischen auch von der EU erkannt, die seit März eine Abwasseruntersuchung empfiehlt. Auch weil Virensequenzen nachgewiesen werden können, ehe die Krankheit bei Infizierten ausgebrochen ist. Zu viel erwarten dürfe man aber auch nicht, denn insbesondere in Städten wie Karlsruhe werden die Ergebnisse durch die große Zahl von Einpendlern, die schließlich auch in Karlsruhe auf die Toilette gehen, verfälscht. Hinzu kommt, dass auch Abwasser aus Ettlingen und Rheinstetten im Karlsruher Klärwerk landet. Ein gutes Werkzeug sei das Monitoring aber allemal.

Von der Methode überzeugt ist man natürlich auch beim TZW, das einst aus dem Engler-Bunte-Institut der früheren Universität Karlsruhe hervorgegangen ist. „Dass im Abwasser nach bestimmten Stoffen gesucht wird, ist nicht neu“, sagt Claudia Stange, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im TZW. Auch bei Polio-Viren oder in Sachen Drogenkonsum ließen sich aus dem Abwasser interessante Rückschlüsse ziehen.

In Bezug auf Corona habe man einfach eins und eins zusammengezählt und sich auf die Suche nach geeigneten Nachweismethoden gemacht. Zumal es sehr früh Belege aus den Niederlanden gab, dass ein Nachweis von entsprechenden Gensequenzen im Abwasser möglich ist. Das TZW in Karlsruhe gehörte in Zusammenarbeit mit der TU München zu den ersten Instituten, die Forschungsprojekte starteten, gemeinsam mit Frankfurt, Aachen und Darmstadt.

Mangel an Modellgebieten

Die Materie sei allerdings nicht ganz einfach, da zahlreiche Stoffe im Abwasser, sogenannte „Huminstoffe“, die Ergebnisse durchaus verfälschen könnten, insgesamt habe sich das Instrument aber bewährt.

Bisher gibt es nur vergleichsweise wenige Modellgebiete und oft müssen die beteiligten Städte die Kosten selbst tragen. So wie in Karlsruhe, wo die Stadt Auftraggeberin des Abwassermonitorings ist. Und auch hier laufe die Zusammenarbeit eigentlich Ende August aus. Dörr geht aber davon aus, dass der Vertrag mindestens bis zum Jahresende verlängert wird. Aktuell seien die Kurven zwar unauffällig, doch spätestens Ende der Sommerferien, wenn die Urlauber nach Hause kommen, dürfte es wieder Ausschläge nach oben geben und dann werde das Orakel als Vorwarn-Instrument wieder wichtig.

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Erstellt:
22. Juli 2021, 18:18 Uhr
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