Orchester suchen das Publikum der Zukunft

Heidelberg/Heilbronn/Reutlingen (sr) – „Wen erreichen wir?“ fragt eine Studie der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, die sich mit Education-Angeboten von Orchestern in Baden-Württemberg befasst.

Stardirigent Simon Rattle: In seiner Zeit als Chef der Berliner Philharmoniker hat er ein beispielhaftes Education-Programm gegründet, das heute vielfach von anderen Orchestern übernommen wird. Foto: Monika Rittershaus/av

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Stardirigent Simon Rattle: In seiner Zeit als Chef der Berliner Philharmoniker hat er ein beispielhaftes Education-Programm gegründet, das heute vielfach von anderen Orchestern übernommen wird. Foto: Monika Rittershaus/av

Klassische Orchester werden heute als Bildungseinrichtungen angesehen. Wie ihre Musikvermittlungs-Projekte beim Publikum ankommen, war bislang unerforscht. Jetzt aber gibt es genaue Daten zur Akzeptanz der Programme: Das Institut für Kulturmanagement an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg hat eine Studie veröffentlicht, in der es das Konzertpublikum nach den Musikvermittlungsangeboten von drei baden-württembergischen Orchestern befragte. Beteiligt haben sich das Philharmonische Orchester Heidelberg, die Württembergische Philharmonie Reutlingen und das Württembergische Kammerorchester Heilbronn.

Deren Publikum wurde noch vor Ausbruch der Pandemie bei mehreren Anlässen befragt. Dabei zeigte sich, dass mehr als zwei Drittel der Befragten die klassischen Vermittlungsangebote ihrer Orchester wie die Konzerteinführung vor Beginn bereits nutzen und sie überwiegend positiv bewerten.

Große Nachfrage nach digitaler Unterstützung

Obwohl das Publikum mehrheitlich älteren Jahrgängen angehört, ist die Nachfrage nach digitalen Zusatzangeboten groß, vor allem das Programmheft hätten die Konzertgänger gerne als App auf dem Handy. Auch wünschen sie sich mehr Einblick in die Organisation eines Orchesters. Darüber hinaus scheint das Publikum mit dem bestehenden Angebot zufrieden. Mehr Vermittlungsprojekte als bisher würden die befragten Zuhörer nicht unbedingt goutieren: Ja- und Nein-Stimmen halten sich hier die Waage. Aber die Konzertgänger erwarten, dass diese Zusatzangebote einen Lerneffekt bringen, gleichzeitig sollen sie unterhaltsam und in einer angenehmen Atmosphäre präsentiert werden.

Wenn bestehende Angebote nicht angenommen wurden, war das vor allem der fehlenden Zeit geschuldet, die man dafür aufwenden müsste. Gerade die gängigen Konzerteinführungen sind davon abhängig, ob man rechtzeitig am Ort sein kann und ob die Begleitung ebenfalls daran interessiert ist. Denn am liebsten genießen die Besucher Konzerte zu zweit.

Falls viele Angebote nicht genutzt werden, sollten die Orchester künftig Interimsformate erwägen, die weniger Zeit in Anspruch nehmen – etwa Lunchkonzerte oder After-Work-Angebote, raten die Experten. Auch Kooperationen mit Schulen/Hochschulen und den Arbeitgebern der Städte werden empfohlen, um ein noch größeres Publikumsspektrum zu erreichen.

Aktuelle Relevanz soll stets überprüft werden

Die Württembergische Philharmonie Reutlingen lockt ihr Publikum mit einer ganzen Reihe von Extra-Formaten: Junges Forum, Konzerte in Schulen, Konzerte für Schüler in der Stadthalle, Familienkonzerte, Konzerte für Menschen mit Behinderung, Musik als „Seelenbalsam“ für Menschen mit Demenz. Das mit 68,5 Stellen ausgestattete Sinfonieorchester hat als einziges in dieser Umfrage ein auffallend breit gefächertes Publikum, nur 40 Prozent der Zuhörer haben ein Abonnement. Bei den beiden anderen Orchestern haben mehr als 60 Prozent des Publikums ein Abo, das heißt, es kommen häufiger dieselben Menschen zu den Konzerten.

Die Vermittlungsangebote haben den Hintergrund, dass sich die Orchester selbst ein jüngeres und heterogenes Publikum erschließen müssen. Das bisherige Publikum ist sehr homogen, überwiegend weiblich, musikalisch vorgebildet, hat einen höheren Bildungsabschluss und ist in einem „gewissen“ Alter. Um ein künftiges Publikum mit ähnlicher Leidenschaft „für eine lebenslange Nutzung klassischer Musikangebote“ begeistern zu können, müssen die Orchester selbst für die „nachhaltige Gewinnung, Bindung und Entwicklung des Publikums sorgen“, wie es Studienleiterin Andrea Hausmann in dem Bericht formuliert. Die Orchester stünden dabei in einem hohen Wettbewerb mit anderen Kultur- und Freizeitanbietern.

Kunststaatssekretärin Petra Olschowski begrüßt die Studie, weist aber in ihrer Stellungnahme darauf hin, dass zusätzlich zu der jahrzehntealten Tradition von Kinder- und Jugendkonzerten weitere vielfältige Musikvermittlungsprogramme aufgelegt und stets auf ihre aktuelle Relevanz überprüft werden müssten. Die Studie wurde vom Land, dem Deutschen Bühnenverein und von der Deutschen Orchesterstiftung unterstützt. Rainer Neumann, Intendant des Kammerorchesters Heilbronn, sieht für verstärkte Anstrengungen dringenden Bedarf: „Besonders durch Corona sind wir mehr denn je darauf angewiesen, unser Publikum so anzusprechen, dass es sich verstanden fühlt.“

Ihr Autor

Sabine Rahner

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Erstellt:
2. Dezember 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 49sec

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