Orgel aus dem Baden-Badener SWR-Studio zieht um

Baden-Baden (up) – Eine Pfarrgemeinde im österreichischen Pinzgau kauft die Orgel, die seit 1969 im Hans-Rosbaud-Studio im SWR in der Kurstadt steht.

Toningenieur Wolfgang Rein an der Orgel im Baden-Badener Hans-Rosbaud-Studio des SWR.  Foto: Ulrich Philipp

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Toningenieur Wolfgang Rein an der Orgel im Baden-Badener Hans-Rosbaud-Studio des SWR. Foto: Ulrich Philipp

Das legendäre Hans-Rosbaud-Studio des Südwestrundfunks (SWR) soll in wenigen Jahren abgerissen werden. Die Orgel, die sich darin befindet, wäre fast auf dem Schrottplatz gelandet, doch seit Kurzem ist es abgemacht: Die Pfarrgemeinde St. Pius in Schüttdorf/Zell am See im österreichischen Pinzgau kauft das Instrument, es soll im dortigen Gotteshaus seinen neuen Platz finden.

Den Kauf vermittelt hat der frühere Baden-Badener Philipp Pelster, der seit 20 Jahren in Salzburg lebt. Nachdem im vergangenen Jahr die alte Orgel in St. Pius ihren Geist aufgegeben hatte, habe ihn ein SWR-Mitarbeiter angesprochen, ob er nicht eine Pfarrei in Österreich kenne, die Interesse an der Orgel habe. So habe er den Kontakt vermittelt, und nach wenigen Monaten seien sich SWR und die Gemeinde einig gewesen, berichtet Pelster. Etwa 80.000 Euro an Kosten werden demnach auf den Käufer zukommen, neben Abbau, Kauf, Generalüberholung und Aufbau muss an dem neuen Orgel-Standort auch ein neues Holzpodest errichtet werden. „Jeder Euro ist gut angelegtes Geld“, ist sich Pelster sicher, „wir retten ja auch ein Kulturdenkmal!“

Orgel im Jahr 1969 eingebaut

In den 1970er Jahren habe man die Orgel sicher einmal im Monat im Radio hören können. Und auch vom Baustil passe das Instrument aus dem Jahr 1969 perfekt zu der etwa 50 Jahre alten Kirche in Schüttdorf. Der Abbau werde voraussichtlich vier Tage dauern und noch vor Weihnachten erfolgen, so Pelster weiter. Durchführen werde diese Arbeiten der Orgelbauer Alois Linder aus Nußdorf am Inn, der unter anderem die üblichen Verschleißteile wie Elektrokabel und Lederdichtungen ersetzen müsse. Bereits an Ostern soll die Orgel dann wieder zum Einsatz kommen.

Wie aus Dokumenten aus dem SWR-Archiv ersichtlich ist, hat der Orgelbauer Wolfgang Scherpf aus Speyer am Rhein das Instrument im Jahr 1969 in das Hans-Rosbaud-Studio eingebaut. Seine 33 Register habe man so ausgewählt, dass sowohl Kammermusik als auch Produktionen mit dem Sinfonieorchester möglich gewesen seien. Und neben bekannten niederländischen Organisten wie Ton Koopmann soll auch der frühere SWF-Intendant Willibald Hilf in seiner Freizeit manchmal auf der Orgel gespielt haben, wie man sich beim SWR heute noch erinnert.

„Dabei hatte die Orgel bei den Organisten durchaus einen schlechten Ruf“, berichtet Norbert Klövekorn im Gespräch mit dem Badischen Tagblatt, der von 1964 bis 2000 als Toningenieur im Studio 5 tätig war, wie die Technikzentrale des Hans-Rosbaud-Studios bezeichnet wurde. „Barock-Musik ging gut, aber für Romantik war sie aufgrund fehlender Register und der deshalb fehlenden Klangfülle nicht geeignet“, sagt Klövekorn über das Instrument. „Um den für Kirchenmusik typischen Nachhall zu erreichen, wurde mit künstlichem Hall aufpoliert“, so der Toningenieur.

80.000 Euro für das Instrument: Ein „Schnäppchen“

Auch habe man leider auf die Wartung des Instrumentes zu oft verzichtet, fährt Klövekorn fort. Den Preis von 80.000 Euro für die neuen Besitzer nennt er dennoch ein „Schnäppchen“.

Einer der ersten Solisten auf der Orgel war der schwedische Organist Rune Engsö, der am 7. Dezember 1969 das Stück „Toccata D-Moll Nr. 20“ des Komponisten Dietrich Buxtehude spielte. „Etwas Früheres ist in der SWR-Hörfunkdatenbank nicht zu finden“, erklärt der heutige Toningenieur und Nachfolger Klövekorns, Wolfgang Rein, dem BT. Von den 70er bis in die 80er Jahre hat es dann fast monatlich Orgelmatineen gegeben, und bis in die 90er Jahre wurde mit der Orgel der Pausenton für das SWF-Radioprogramm S2/Kultur produziert, berichtet Rein von den vielfältigen Einsätzen des Instrumentes und outet sich nebenbei als echter Fan des Hans-Rosbaud-Studios.

Benannt nach dem großen österreichischen Komponisten und Chefdirigenten des damaligen Südwestfunks (SWF), haben weltbekannte Komponisten und Dirigenten wie Igor Strawinsky oder Michael Gielen hier gearbeitet. Bis heute nutzen neben dem SWR zahlreiche Orchester das Studio, auch weil es über eine überragende Akustik verfügt. Allerdings, so Rein, habe sich seit etwa einem Jahr ein Marder auf dem Dach des Gebäudes einquartiert. Manchmal sei das Tier zu hören, dann müssten Produktionen unterbrochen werden, bis wieder Stille herrsche.

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Erstellt:
6. November 2020, 11:00 Uhr
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