„Ortssheriff“ lässt sich nicht auf die Palme bringen

Bietigheim (as) – In Bietigheim gibt es von nun an einen neuen Mitarbeiter des Ordnungsdiensts, der auf die Einhaltung er Parkregeln achtet. Den einen freut’s, den andern nicht.

Gehwegparker sind im Bietigheimer Ortskern ein „Dauerbrenner“ für den Gemeinde-Vollzugsdienst. Foto: Anja Groß

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Gehwegparker sind im Bietigheimer Ortskern ein „Dauerbrenner“ für den Gemeinde-Vollzugsdienst. Foto: Anja Groß

Kilometergeld bekommt er nicht, obwohl er jeden Tag ordentlich Strecke macht – und auch keine Prämie für besonders viele Knöllchen, wie ihm manche Bietigheimer schon unterstellt haben: Seit Dezember hat die Gemeinde wieder einen Ordnungsdienst. Sehr zur Freude der Verwaltung, wie Bürgermeister Constantin Braun betont, aber nicht unbedingt aller Bürger, wie der Mitarbeiter feststellen musste, der deshalb auch nicht namentlich in der Zeitung genannt werden möchte.

Eigentlich achtet der 52-Jährige vor allem darauf, dass in Bietigheim die Straßenverkehrsordnung eingehalten wird. Doch damit macht sich der neue „Ortssheriff“, wie er in manchen Facebook-Kommentaren schon tituliert wurde, in der Gemeinde nicht nur Freunde.

Neue Kraft arbeitet in Teilzeit

„Wir bekommen immer wieder viele Mails von Bürgern, die uns auffordern, etwas zu tun“, beschreibt der Bürgermeister die Ausgangslage. Parken auf Gehwegen, durch das Personen mit Rollator oder Kinderwagen, aber auch Kinder dann auf die Straße und in teils gefährliche Situationen gezwungen werden, sind nicht nur in Bietigheim ein Ärgernis. Auch in den Umlandgemeinden schlägt das immer wieder auf – unter anderem Au am Rhein und demnächst Elchesheim-Illingen haben deshalb jüngst ebenfalls einen Ordnungsdienst eingestellt. Der neue Angestellte in Bietigheim arbeitet Teilzeit. 19,5 Stunden in der Woche, die er sich frei einteilen kann. So ist er zu ganz unterschiedlichen Zeiten in der Hardtgemeinde auf Tour, auch samstags.

Nach einer dreitägigen Schulung beim Ordnungsdienst der Stadt Rastatt ging es los. Wichtigstes Arbeitsgerät des 52-Jährigen ist ein Smartphone, mit Hilfe dessen er Ordnungswidrigkeiten aufnehmen und fotografieren kann. Bearbeitet werden diese dann vom Landratsamt Rastatt, das als zuständige Bußgeldbehörde die Bußgeldbescheide verschickt.

Vor allem Gehwegparker sind ein Problem

Anfangs habe es einige „Hotspots“ im Ort gegeben, weiß er um ein verbreitetes Phänomen: „Wenn keiner kontrolliert, dann nehmen viele das irgendwann als Gewohnheitsrecht wahr“. Vor allem das Gehwegparken hat ihn beschäftigt. Im alten Ortskern machte das 80 Prozent seiner Tätigkeit aus. „In der Industriestraße musste ich an einem Tag mal 30 Knöllchen deswegen ausstellen“, erzählt er. Da habe es einige Diskussionen gegeben, wobei er auch immer wieder Hinweise gebe, wie richtig geparkt werden sollte.

Auf die Palme bringen lässt sich der 52-Jährige dabei nicht. Im Gegenteil: Mit seiner gelassenen Art versucht er, bei Konfrontationen mit Erklärungen für Verständnis zu werben und deeskalierend zu wirken. „Ich setze nur geltendes Recht durch“, sagt er. Manche Zeitgenossen bringt seine Tätigkeit allerdings auch so in Rage, dass er sich unflätige Beschimpfungen und sogar Drohungen anhören muss. „Das ist kein dankbarer Beruf“, sagt der 52-Jährige. Lächeln muss er über eine Reaktion, die er mit drohendem Unterton auch immer mal wieder zu hören bekommt: „Ich kenne den Bürgermeister...“.

Von dem hat der 52-Jährige allerdings volle Rückendeckung. Auch Constantin Braun hat kein Verständnis für den Umgangston, der vielen Vollzugsbediensteten die Arbeit verleide. „Die machen nur ihren Job“, sagt er und schreibt den Bietigheimern ins Stammbuch: „Wenn sich alle an die Regeln halten würden, dann bräuchte man das nicht“. Die Kommune lege dabei in der Regel finanziell drauf, tritt er Mutmaßungen entgegen, die Gemeinde wolle „abzocken“.

Der Mann vor Ort wiederum versucht, mit Fingerspitzengefühl zu handeln. „Den habe ich gestern erst aufgeschrieben“, erklärt er am Parkplatz der Grundschule, dass er zunächst abwarten wolle, bis der Bußgeldbescheid angekommen ist. Denn die dort parkberechtigten Lehrer haben alle einen Parkausweis.

Wer nur vergessen hat, diesen sichtbar ins Auto zu legen, könne Einspruch einlegen und müsse dann auch nicht bezahlen, erklärt der 52-Jährige und sagt: „Mir ist es lieber, ich treffe die Leute direkt an und kann sie aufklären.“

Anhänger blockieren öffentliche Parkplätze

So wie in der Kirchstraße, in der wegen des Baustellenverkehrs zur Rheinstraße derzeit ein einseitiges absolutes Halteverbot gilt, das einige ignorieren. Auch die werden nun ein „Knöllchen“ bekommen. „Recht so“, ruft ihm ein Anwohner hinterher, der „den berühmtesten Mann aus Bietigheim“ freundlich begrüßt. Auch solche Stimmen gibt es.

Später am Tag schaut der Ordnungshüter noch nach einem Problem, das der Gemeinde Bietigheim gerade sehr unter den Nägeln brennt: Anhänger, die dauerhaft auf öffentlichen Parkplätzen abgestellt werden und diese blockieren. „Die dürfen dort maximal 14 Tage stehen, ohne bewegt zu werden“, erklärt der 52-Jährige und macht Beweisfotos. Dann ist die Runde für diesen Tag beendet und es geht ins Rathaus – Daten auslesen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Anja Groß

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Erstellt:
9. März 2021, 10:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 14sec

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